Plädoyer der Unangepassten

06. Oktober 2017, 20:16 Uhr
18 Menschen und damit 18 bewegende Geschichten: Autor Tim Pröse hat lange recherchiert, um sein Buch zu vollenden. (Foto: cor)

»Ein berührendes und wichtiges Buch erinnert uns daran, dass die Welt nie aufhören darf, über den Holocaust nachzudenken«, sagt Konstantin Wecker zum Buch »Jahrhundertzeugen – Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler«. Der Autor und frühere Focus-Journalist Tim Pröse hat wichtige Zeugen gegen Hitler über viele Jahre begleitet und erzählt in 18 eindrucksvollen Porträts von ihrem Leben und ihrer Botschaft: ein Plädoyer der Unangepassten für mehr Toleranz und gegen das Vergessen. Auf Einladung von Monika und Thorsten Becker vom Europa Club Friedberg las Tim Pröse nun am Donnerstag Auszüge aus seinem Buch in der Friedberger Stadthalle. Den Anstoß dazu gab Anne-Sophie Becker. »Ich bekam das Buch von meinem Großonkel geschenkt«, sagte die Schülerin. »Es hat mich sehr berührt.«

In seinem Buch berichtet Pröse von Menschen, die nicht zerbrochen sind. Menschen, denen in unserem Land großes Leid angetan wurde, und dennoch dieses Land und ihre Kultur heute noch lieben. Einer von ihnen ist Jurek Rotenberg. 2013 traf er nach sieben Jahrzehnten seinen Retter Berthold Beitz wieder. Der damals 29-jährige Beitz, Direktor der Karpaten-Öl-AG schreckte 1942 in der kleinen polnischen Stadt Boryslaw nicht davor zurück, den SS-Leuten die Stirn zu bieten. 1500 Menschen holte er aus den Güterwaggons am Bahnhof. Aus einem Versteck auf einem Dachboden beobachtete der damals 14-jährige Jurek die Geschehnisse am Bahnsteig.

Dachboden als Versteck

Beitz ließ auch Rotenberg und seine Mutter aus dem Versteck holen und zu sich bringen, sie fanden in der Ölfirma Zuflucht. Tim Pröse war dabei, als Retter und Geretteter sich das erste Mal wieder begegneten und emotional berührt. Da war Berthold Beitz bereits 99 Jahre alt. 2005, acht Jahre zuvor, öffnete sich Beitz, der nie viele Worte über seine Heldentaten verlor, Pröse in einem Gespräch. Er beschrieb Situationen am Bahnhof, wie er die Menschen durch die kleinen Gitterstäbe in den Todeszügen nicht erkennen konnte, an den Schlössern der Waggons rüttelte. »Ich musste es einfach tun. Ich wünschte, ich hätte mehr Menschen retten können«, habe Beitz ihm abschließend gesagt.

Eine Geschichte, die Parallelen zu Oskar Schindler aufzeigt. Auch Schindler rettete 1200 Juden. »Ein Held, der erst nach seinem Tod, nicht zuletzt durch die Verfilmung von »Schindlers Liste« berühmt wurde«, sagte Pröse. Nach dem Krieg sei der Retter nicht mehr zurecht gekommen, Misserfolge und Alkohol folgten. Dass er am Frankfurter Hauptbahnhof gewohnt hat, weiß heute kaum jemand.

In seinem Buch befasst sich Pröse auch mit den letzten Stunden von Hans und Sophie Scholl. Hier erhielt er Einblicke in die privaten Aufzeichnungen der Schwester Inge Aicher-Scholl.

18 bewundernswerte Menschen, ihre Lebenswege beeindrucken gerade in unserer so unruhigen Zeit. Auch wenn Pröse sein Buch noch fern von Terror und Flüchtlingskrise verfasst hat, macht dieses heute Mut für den Umgang mit Terror und Krieg, Flucht und Vertreibung – Themen, die leider aktueller denn je seien.

Auf die Frage der Zuhörer, ob Pröse bei seinen langjährigen Recherchen Gemeinsamkeiten unter den Helden gefunden habe, fiel dem Autoren ein Zitat ein. »Ich fragte die Menschen, warum sie denn nicht hassen?«, sagte der Autor. Die Antwort habe mehrfach gelautet: »Wenn ich zurück hassen würde, hätte Hitler gewonnen.«

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