Hurrikan-Urlaub

Bad Nauheimer Ehepaar auf der Flucht vor »Irma«

Gerade noch rechtzeitig setzten sich Thomas Hock und seine Frau aus Miami ab. Nach der abenteuerlichen Flucht vor »Irma« durch vier Bundesstaaten landeten die Bad Nauheimer in North Carolina.
12. September 2017, 11:00 Uhr

Erholsame und abwechslungsreiche Tage wollten Thomas Hock und seine Frau Anne aus Bad Nauheim in Florida verbringen. Diese Rechnung ist voll aufgegangen. Der Abschluss artete allerdings zum Abenteuerurlaub aus, denn das Ehepaar flüchtete durch vier Bundesstaaten vor Jahrhundert-Hurrikan »Irma«. Wahrlich ein Erlebnis.

Auf der Fahrt zum Flughafen passiert das Bad Nauheimer Ehepaar das menschenleere St. Augustin. Die Läden sind mit Holzplatten verrammelt.	(Fotos: pv)
Auf der Fahrt zum Flughafen passiert das Bad Nauheimer Ehepaar das menschenleere St. Augus...

Vor gut einem Jahr haben sich Anne Jungkurth und Thomas Hock in Miami das Ja-Wort gegeben. Monate später hatten die Frischvermählten die Idee, am ersten Hochzeitstag nach Florida zurückzukehren. Schnell waren elf Tage Miami Beach gebucht. »Gelandet sind wir am 29. August. Zunächst lief der Urlaub wunderbar, zwischendurch waren wir in Orlando«, erzählt Thomas Hock. Als sie nach Miami zurückkehrten, hatte sich »Irma« am Horizont zusammengebraut. »Eine Evakuierung ist nicht zu vermeiden – das war klar. Am Morgen des 7. September riefen wir am Airport an. Dort hieß es, dass unser Flug am Abend des nächsten Tages planmäßig geht.« Wenige Stunden später war die Verbindung gecancelt. 16 Uhr Ortszeit, 22 Uhr in Deutschland – der Reiseveranstalter war nicht mehr zu erreichen. »Plötzlich standen wir ganz alleine da«, sagt der 36-Jährige.

Glücklicherweise hatte das Ehepaar einen Wagen gemietet, das Benzin ging aber zur Neige. Im Zimmer lief ununterbrochen ein Nachrichtensender, zeigte Staus auf den Highways, geschlossene Tankstellen. Über sechs Millionen Amerikaner brachten sich in Sicherheit. Die Überlegung, den Wagen mit leerem Tank abzugeben und ein neues Auto mit genügend Benzin zu mieten, kam nicht in Frage. Sämtliche Mietfahrzeuge waren vergriffen. »Ausgebucht« hieß es bei inneramerikanischen Flügen.

An Tankstellen, die noch geöffnet sind, bilden sich lange Schlangen.
An Tankstellen, die noch geöffnet sind, bilden sich lange Schlangen.

Der 36-jährige Bad Nauheimer entschloss sich zum Handeln. Eine Tankstelle nach der anderen wurde abgeklappert, bis eine gefunden war, die Benzin verkaufte. »Die Wartezeit betrug zwei Stunden. Noch nie habe ich mich so über eine Tankfüllung gefreut.« Sofort packte das Paar die Koffer und machte sich auf Richtung Norden. Wie die Rückreise aussehen sollte, war völlig offen. Die Bad Nauheimer wollten zunächst den Flughafen von Atlanta in Georgia ansteuern. Am Donnerstag kamen die Urlauber nicht mehr weit, nahmen in Vero Beach ein Zimmer. Nachts schob jemand einen Zettel unter der Tür durch: »Dieses Hotel wird evakuiert.« Um 8 Uhr mitteleuropäischer Zeit – beim Reiseveranstalter wurde wieder gearbeitet – erhielt Hock einen Anruf. In einem Flugzeug, das am Samstagabend in Charlotte (North Carolina) startet, waren Plätze reserviert.

Noch nie habe ich mich so über eine Tankfüllung gefreut

Thomas Hock

Weiter ging die Fahrt die Ostküste entlang. Immer wieder versuchte das Paar, extremen Staus auszuweichen. Mit zwei Smartphones informierten sich die beiden über Verkehrsbehinderungen. Zwischenstopps legten sie unter anderem in Daytona und St. Augustin ein. »Alles war verrammelt, die Bewohner hatten das Weite gesucht«, berichtet der 36-Jährige. Nicht nur die Suche nach Benzin erwies sich als Problem, auch Essen und Trinken waren kaum zu ergattern. Mit Notmenüs wurde der Hunger gestillt.

Am Freitagabend hatten es Thomas Hock und seine Frau bis South Carolina geschafft, wo sie noch mal übernachteten – erneut wurde auf die baldige Evakuierung hingewiesen. Um Staus auszuweichen, wichen sie auf Bundes- und Landstraßen aus. »Die Strecke führte fast nur durch dichte Wälder, vereinzelt tauchten kleine Dörfer auf. Jetzt nur keine Panne, haben wir uns gesagt.« Dieser Wunsch ging in Erfüllung – nach gut 1300 Kilometern erreichte das Paar den Flughafen von Charlotte. Dort wartete eine Diskussion mit der Mietwagenfirma auf die Reisenden. Weil sie das Auto einen Tag später und an einem anderen Flughafen abgaben, verlangte das Unternehmen einen Aufschlag von 300 Dollar. Das Argument, den Wagen vor der Zerstörung durch »Irma« gerettet zu haben, führte zu einem Sinneswandel.

Der Rückflug verlief reibungslos. Nach Zwischenstopp in Washington landeten die Bad Nauheimer am Sonntagnachmittag in Frankfurt. »Wir hatten Glück, konnten fast den ganzen Urlaub genießen. Andere Deutsche mussten nach drei Tagen abreisen, Engländer von Florida nach New York fahren, um nach Hause fliegen zu können«, sagt Thomas Hock. Für ihn und seine Frau hatte der Abenteuerurlaub ein Happy End.

Info

Mega-Sturm verwüstet Florida

Hurrikan »Irma« hat in Florida und anderen Bundesstaaten der USA deutliche Spuren der Verwüstung hinterlassen. Am Montagabend war von mindestens vier Toten und Schäden in Höhe von etlichen Milliarden Dollar die Rede. In vielen Teilen Floridas wurden Dächer abgedeckt und Stromleitungen gekappt. Schätzungen zufolge sind 5,8 Millionen Haushalte – mehr als die Hälfte der Bewohner – von der Energieversorgung abgeschnitten. Die meisten Betroffenen dürften sich derzeit allerdings in Notunterkünften oder in anderen Bundesstaaten aufhalten. Der Mega-Sturm sorgte auch für enorme Überflutungen. In Miami, das Thomas Hock und seine Ehefrau Anne am Donnerstagabend fluchtartig verlassen hatten, standen die Altstadt und das Bankenviertel unter Wasser. Dort und in anderen Städten waren Plünderer unterwegs. Auf der Fahrtstrecke der Hocks in Richtung North Carolina sorgte »Irma« ebenfalls für Zerstörung, bedrohte Küstenstädte in Georgia und South Carolina. (bk)

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