Ein Mensch steht auf der Bühne: von einem schwarzen Umhang verhüllt, die Tarnkappe auf dem Kopf. Er kehrt der Welt den Rücken zu. So beginnt das tragische Monodrama »Die letzte Königin« von Wolfgang Sünkel. Der Autor, Regisseur und Schauspieler dieses Stücks am Theater Alte Feuerwache nahm bei der Uraufführung am Samstag im vollen Badehaus 2 ein fasziniertes Publikum mit auf die schmerzvolle Reise zu sich selbst. Ein langer, Akteure und Zuschauer fordernder Abend.

Schritt für Schritt, in immer wieder neuer Kostümierung, wurde die Geschichte eines Homosexuellen in einer repressiven Umgebung sichtbar. Sie ist eingebettet in die Geschichte all derer, denen ein Platz in der Gesellschaft verweigert wird. Wolfgang Sünkel gelang es in seiner Darstellung, diesen weiten Bogen zu spannen, indem sein Stück immer wieder auf die Welt der Märchen, Mythen und Sagen zurückgreift.

Seit jeher werden den Menschen Prüfungen auferlegt, bevor sie sein dürfen, was sie sind. Und dennoch: Es bleibt niemandem erspart, seinen eigenen beschwerlichen Weg zu gehen. Als Franzl seine Homosexualität entdeckt, schlägt sein Großvater zu. Der Beamte hat den Untergang nach zwei Weltkriegen unbeschadet überstanden und will nun »das Pervertierte in dem Jungen zerstören, um das Vermächtnis der Generationen zu bewahren«. Der Elfjährige, aufgefordert sich zu verleugnen, entscheidet sich anders. »Man kann niemanden vor der Wahrheit bewahren, man muss mit ihr leben.« Auf der Suche nach Liebe und Heimat begegnet dem Außenseiter nichts als Unverständnis, Hass und Gewalt. Und er erfährt selbst den Verrat derer, die so sind, wie er. Aber der »Junge, der nicht aufgibt«, wie später Siegfried, Besitzer einer einschlägigen Bar, sagt, spürt auch den befreienden Trost von Menschen, die Ähnliches erlitten und es dennoch geschafft haben, zu sich zu stehen. Vor allem aber bekommt er Beistand von der Hohepriesterin und Chefin des Esperanza-Etablissements. Sie lehrt ihn, beim Tanzen auf der Bühne, seine Angst zu besiegen und das Wesentliche zu erkennen. Das, was ihn im »Innersten ausmacht«. So wird Franzl »Herr über sein eigenes Schicksal«. Und damit, wie es in den Märchen heißt, eine Königin. Solchermaßen befreit, findet diese schließlich an einer Käsetheke auch ihren König.

Die Märchenhelden leben bekanntlich »glücklich, bis an ihr Lebensende«. Aber Franzl ist ein Kind unserer Zeit, einer Gesellschaft, in der der »Untergang des Abendlandes beschwört« wird. Das aufziehende 4. Reich droht das Glück der mühsam errungenen Freiheit zunichte zu machen.

Facettenreich gespielt

Gewalttätige verfolgen bei der »Säuberung der Welt von zersetzenden Elementen« abermals Schwule und Lesben, Dunkelhäutige, Andersgläubige und Unbequeme. Stellvertretend für alle, die auf ein Morgen hoffen, erinnert sich Franzl an die Kraft des Jungen, der nicht aufgibt. Sonst wäre er wohl »die »letzte Königin«. Das facettenreich gespielte Drama einer permanenten Verwandlung vom ängstlichen homosexuellen Kind bis zum »Coming Out« des gereiften Mannes endet angesichts der Katastrophe in einem Appell. »Wir haben die Wahl«.

Die Antwort des Publikums: Standing Ovations und großer Respekt für Mut und Leistung von Wolfgang Sünkel, der als Unsichtbarer auf der Bühne begann und zum Schluss die Tiefe der Begegnung mit dem Publikum genießen durfte. (Foto: all)

Weitere Vorstellungen sind für Januar, Februar und März geplant. Informationen gibt es unter www.taf-badehaus2.de.

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