Neue Rechte

Leonhard F. Seidl wird von der Realität eingeholt

Reichsbürger, Ausgrenzung und Migration sind die Themen in Leonhard F. Seidls neuem Kriminalroman »Fronten«. Und der könnte aktueller nicht sein.
31. August 2017, 10:00 Uhr
»Fronten« heißt das aktuelle Buch des Münchener Autors Leonhard F. Seidl. Dass es momentan aktueller denn je ist, hätte er anfangs nicht gedacht. (Foto: isi)

In seinem Roman bezieht sich Seidl auf einen realen Fall der vor fast 30 Jahren im oberbayerischen Dorfen geschah, dem Ort, in dem der Autor aufgewachsen ist. Am 4. März 1988 erschoss Slobodan Stefanovic drei Polizisten, nachdem die Beamten zuvor sein Waffenarsenal beschlagnahmt hatten. Bei dem Schusswechsel starb auch der Täter. Der Fall löste eine Welle von Hass und Fremdenfeindlichkeit aus. Infolge der Ereignisse überfiel ein 26-Jähriger einen Monat später die örtliche Stadtsparkasse und forderte die »Herausgabe« von drei türkischen Staatsangehörigen, um die Polizistenmorde zu rächen.

Autor Leonhard F. Seidl verlegte das Geschehen in die Gegenwart und beleuchtet so die aktuelle Brisanz dieses Themas. »Es ist die Geschichte dreier ganz verschiedener Menschen, daraus entsteht die Spannung, es geht mir darum, niemanden schuldig zu sprechen.« Es sei ihm wichtig, in seinem Roman die Schicksale dieser, wenn auch fiktiven Personen, verständlich zu machen. »Die Hauptfiguren in meinem Buch sind in der Zwischenzeit von der Realität eingeholt worden«, sagte Seidl.

Bezüge zu Breivik

»Der 18-Jährige Schüler David S., der im vergangenen Jahr im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschoss oder der wegen versuchten Mordes an einem Polizisten gerade in Nürnberg vor Gericht stehende Reichsbürger aus Georgensgmünd ähneln sehr stark meiner Figur Markus.« Markus Keilhofer zitiere Anders Breivik, so wie David S., der von Breiviks Taten besessen gewesen sei. »Markus wächst bei seinen Großeltern auf, beide Anhänger der Reichsbürgerideologie. Während er sie einerseits hingebungsvoll pflegt, entwickelt er andererseits durch seine Erziehung starke Ängste, die sich in Aggression umwandeln. Der Großvater trägt stets seinen Aluhut, beide Großeltern glauben an Chemtrails, Illuminaten, die zionistische Weltverschwörung.« Letztere sei auch ein Thema, das im Moment äußerst brisant sei und sich in der Gesellschaft verbreite: »Wie man am Beispiel Xavier Naidoo sehen kann, der sich in seinem aktuellen Song ›Marionetten‹ alter antisemitischer Symbole bedient«.

Eine weitere Romanfigur, eine junge Ärztin kurdischer Abstammung, gerate bei dem Anschlag eines muslimischen Attentäters zwischen die Fronten und werde der Mittäterschaft verdächtigt. »Es geht mir nicht darum, zu sagen: ›der böse Nazi und die gute Kurdin‹, sondern aufzuzeigen, wie Menschen so werden, wie sie durch prägende Ereignisse zerrieben werden.«

Am Vormittag hatte der Autor vor zwei Schulklassen gelesen, eine behandelte das Buch als Unterrichtslektüre. Seidl zeigte sich immer noch beeindruckt von den Schülern: »Sie waren teils sehr ergriffen von meinem Roman«. Die Thematik habe die Schüler sehr beschäftigt: »Die Rechte hat mit den oft esoterisch ausgerichteten Reichsbürgern inzwischen ein neues Gesicht, das mindestens genauso gefährlich ist«, sagte Seidl.

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