»Laute Minderheit« ohne Chance

In der Wetterau wächst alles. Landrat Joachim Arnold hat diesen Slogan geprägt. Er ist mehrdeutig. Bei heimischen Naturschützern wachsen derzeit Empörung und Verzweiflung über massiven Flächenverbrauch. Auf 40 Hektar Acker will Rewe bei Berstadt ein Logistikzentrum bauen. Der NABU Wetterau übergab nun 890 Unterschriften gegen das Vorhaben an Arnold, der sich – wie später auch die Mehrheit des Kreistags – nicht zuständig fühlt.
24. August 2017, 20:20 Uhr
Ohne Ackerflächen keine Landwirtschaft: Mitglieder der Wetterauer NABU-Gruppe um Dr. Doris Jensch übergeben Landrat Arnold die Unterschriften. (Foto: Wagner)

Es ist eine einmalige Allianz, die sich gebildet hat: Naturschutzverbände, Landwirte und Kirchen haben sich gegen den Bau des Logistikzentrums an der A 45 bei Wölfersheim-Berstadt ausgesprochen. Vor der Kreistagssitzung am Mittwoch übergaben NABU-Mitglieder eine Mappe mit 890 Unterschriften gegen das Bauvorhaben. Die Aktivisten fordern eine bessere Verteilung der Gewerbestandorte in Hessen, stellen sich gegen die Versiegelung von Ackerland. »Die Regionalversammlung und der Regionalverband entscheiden darüber«, sagte Arnold und zeigte sich eher reserviert gegenüber dem Anliegen der Naturschützer.

Die Fortsetzung folgte im Kreistag, die Grünen hatten einen »Antrag zum Stopp des massiven Flächenverbrauchs« gestellt und forderten »ein Umdenken in der regionalen Wirtschaftspolitik«. Würden die wertvollen Wetterauer Böden nicht geschützt, werde »die Landschaft immer mehr zersiedelt«, sagte Thomas Zebunke (Grüne). »Wir wollen Ökolandbau-Region sein. Wie passt das zusammen?« Neue Arbeitsplätze entstünden nicht, die Logistik der Zukunft werde digital geregelt. Deshalb müssten die Vertreter des Wetteraukreises im Regionalverband mit Nein stimmen, folgerte Zebunke.

Die Gegenargumente trug der Wölfersheimer Bürgermeister Rouven Kötter (SPD) vor: »Ich habe die besseren Argumente auf meiner Seite.« Die Unterschriften kämen nicht allein aus der Wetterau, sondern auch aus Weilburg, Dresden und Wien, einige hätten anonym oder auch doppelt unterzeichnet. »Aber selbst wenn es 890 Wetterauer wären: Das sind 0,5 Prozent der Wahlberechtigten. Die Übergabe der Unterschriften war somit ein klares Signal: Eine laute Minderheit trägt eine nicht mehrheitsfähige Sache vor.« Auch gebe es – wie die Grünen behaupten – keinen Konkurrenzkampf zwischen Gemeinden. »Der Rosbacher Bürgermeister befürwortet die Umsiedlung, weil das Unternehmen damit in der Region bleibt.« Alternative Standorte, die täglich von mehr als 100 Lkw angefahren werden können, gebe es in der Wetterau nicht. Kötter: »Nennen Sie mir eine Alternative.« Ansonsten ziehe das Unternehmen in den Landkreis Gießen um.

Untergang des Abendlandes?

Mit Blick auf die Unterstützer des Protests stellte Kötter die rhetorische Frage, ob es sinnvoll sei, auf den »guten Wetterauer Böden« Rosen und somit Zierpflanzen anzubauen. »Es geht hier nicht um den Untergang der Wetterauer Kulturlandschaft«, sagte Kötter. Es gehe darum, ein Unternehmen in der Region zu halten.

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Michael Rückl sah das anders. »Unsere Kulturlandschaft geht nach über 7000 Jahren langsam den Bach runter. Wenn es eine Alternative im Kreis Gießen gibt, dann ist das eine Alternative«, sagte Rückl. Das sahen am Ende nur Grüne, Linke und Piraten sowie die AfD genauso. Die große Mehrheit (bei Enthaltungen in den Reihen von FDP, FW und AfD) lehnte den Grünen-Antrag ab.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alternative für Deutschland
  • FDP
  • Joachim Arnold
  • Kreistage
  • Minderheiten
  • Naturschützer
  • Rewe Gruppe
  • Rouven Kötter
  • SPD
  • Untergang
  • Wetterau
  • Äcker
  • Jürgen Wagner
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.