Luftrettung

»Christoph Mittelhessen« ist eine fliegende Intensivstation

Der in Reichelsheim stationierte Hubschrauber ist ein ganz besonderer. Deshalb fliegt »Christoph Mittelhessen« oft auch nach Berlin, Hamburg oder München.
11. August 2017, 17:00 Uhr
Außer der dreiköpfigen Besatzung – in dieser Schicht (v. l.): Dr. Richard Hoffmann, Pilot Sven Brückner und Rettungsassistent Olaf Perez-Preiß – kann der Intensivtransporthubschrauber zusätzlich zum Patienten zwei weitere Personen mitnehmen. (Fotos: Rohde)

Auch 1967 fiel der 11. August auf einen Freitag. An diesem Tag starteten der ADAC und der DRK-Landesverband Hessen gemeinsam mit dem in Ober-Mörlen wohnenden Arzt Hans-Werner Feder auf dessen Initiative hin einen dreiwöchigen Modellversuch: den Transport eines Arztes zum Unfallort per Hubschrauber. Nach polizeilich angeforderten 52 Einsätzen mit 68 Leicht- bis Schwerstverletzten, von denen dank des raschen ärztlichen Eingreifens viele gerettet werden konnten, fiel die Bilanz des ADAC eindeutig aus: Ein Hubschrauber übernehme die Aufgaben von zehn Notarztwagen, hieß es in der abschließenden Bewertung. Der 11. August 1967 markiert den Beginn der Luftrettung in Deutschland.

50 Jahre später sind Rettungshubschauber eine Selbstverständlichkeit. Seit rund zwei Jahrzehnten ist die Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) Träger der Luftrettung in Hessen. Zu den »normalen« Rettungshubschraubern »Christoph 2« (Frankfurt), »Christoph 7« (Kassel) und »Christoph 28« (Fulda) haben sich längst Intensivtransporthubschrauber mit besonderer technischer Ausstattung gesellt: »Christoph Gießen« und »Christoph Mittelhessen«, letzterer stationiert in Reichelsheim, einem der bundesweit fünf Luftrettungszentren (LRZ), an denen Intensivtransporthubschrauber der JUH beheimatet sind.

Bis zu 250 Stundenkilometer schnell

Es ist ruhig auf dem Reichelsheimer Flugfeld an diesem Wochentag. Neben dem neuen LRZ-Gebäude, dessen offizielle Einweihung noch nicht terminiert ist, steht »Christoph Mittelhessen« rot-weiß glänzend in der Sonne. Mit einer Leistung von zweimal 838 Kilowatt ist er 250 Stundenkilometer schnell und hat eine Reichweite von 900 Kilometern. Besonders auffällig im Vergleich zu herkömmlichen Rettungshubschraubern ist das fast doppelt so große Kabinenvolumen. Zusätzlich zum Patienten, dessen Liege so konstruiert ist, dass sie sich seiner Körperform perfekt anpasst, haben drei Personen hier Platz.

Defibrillator, Vakuummatratze, diverse Notfallrucksäcke, Ultraschallgerät, Beatmungstechnik, Infusionsgerät, Absaugpumpe, medizinischer Sauerstoff: Die Ausstattung des Intensivtransporthubschraubers entspricht der einer kleinen Intensivstation.
Defibrillator, Vakuummatratze, diverse Notfallrucksäcke, Ultraschallgerät, Beatmungstechni...

»Das heißt, wir können in besonderen Fällen auch noch Teams mitnehmen, bei Kleinkindertransporten beispielsweise den Kinderarzt und einen Assistenten«, erläutert Dr. Richard Hoffmann. Der Facharzt für Anästhesie arbeitet im Uni-Klinikum Frankfurt und ist einer von etwa 20 Ärzten aus dem Uni-Klinikum, den Krankenhäusern in Höchst und Rüsselsheim sowie aus dem Kreis der Freiberufler, die sich an sieben Tagen wöchentlich die Zwölf-Stunden-Tagesschicht (9 bis 21 Uhr) teilen. Außerdem ist viel Technik an Bord: »Wir können hier fast alles an Stabilisierung und Überwachung machen, was auch in einer Intensivstation möglich ist«, betont der Mediziner.

Sechs- bis achtmal am Tag in die Luft, kaum Pause – da haben Sie Schwierigkeiten, zwischendurch runterzukommen

Dr. Richard Hoffmann

Auf etwa 800 schätzt Stationsleiter Olaf Perez-Preiß die Zahl der Einsätze im Jahr. »Das hört sich nicht viel an im Vergleich zu einem Rettungshubschrauber, aber im Gegensatz zu denen fliegen wir nicht nur die meist kurze Strecke zum nächsten Krankenhaus, sondern häufig auch lange Strecken nach Berlin, Hamburg oder München«, erläutert er.

Verlegungen über längere Distanzen werden nach seinen Angaben angesichts der zunehmenden Spezialisierung im Gesundheitswesen immer häufiger. Angefordert wird »Christoph Mittelhessen« beispielsweise, wenn schwer oder schwerstverletzte Patienten in ein spezialisiertes Krankenhaus oder nach beendeter Akutbehandlung in eine spezialisierte Reha-Einrichtung geflogen werden sollen, aber auch, wenn der Transport eines Patienten (etwa mit Wirbelsäulentrauma) im Rettungswagen nicht schonend genug wäre. Schätzungsweise 60 Prozent der jährlichen Einsätze entfallen auf diesen Bereich.

Drei Zwölf-Stunden-Schichten wöchentlich

In den restlichen Fällen wird »Christoph Mittelhessen« zur Unterstützung der Rettungshubschrauber eingesetzt, etwa, wenn die schon alle in der Luft sind und sich ein weiterer Unfall ereignet, oder bei sogenannten Großschadensereignissen wie beispielsweise beim Einsturz des Traggerüsts eines Brückenneubaus auf der A 7 im Landkreis Schweinfurt im Juni 2016, bei dem ein Bauarbeiter starb und elf weitere schwer verletzt wurden. »Da stehen dann schnell fünf oder sechs Hubschrauber zum Transport bereit«, erinnert sich Perez-Preiß, der zusätzlich zu seiner Ausbildung als Rettungsassistent diverse Zusatzausbildungen absolvieren musste, bevor er auf dem Platz neben dem Piloten Platz nehmen durfte.

So ruhig wie an diesem Tag ist es höchstens zehn- bis 15-mal im Jahr. Dr. Hoffmann, der ein- bis zweimal monatlich die Klinikroutine mit der Luftrettung tauscht, studiert dann gern Fachliteratur. Perez-Preiß, der drei Zwölf-Stunden-Schichten wöchentlich und hin und wieder einen Bürotag absolviert, hat mit Verwaltungstätigkeiten immer genug zu tun. Es gibt aber auch das andere Extrem, Tage, an denen ein Einsatz den nächsten ablöst. »Sechs- bis achtmal am Tag in die Luft, dabei auch längere Distanzen, kaum Pause – da haben Sie Schwierigkeiten, zwischendurch runterzukommen«, berichtet Dr. Hoffmann. Aber auch das gehört dazu. Es ist genau die Abwechslung, das Unvorhergesehene, das die Luftrettung für das Team von »Christoph Mittelhessen« so spannend und so erfüllend macht.

Schlagworte in diesem Artikel

  • ADAC
  • Hubschrauber
  • Intensivstation
  • Johanniter-Unfall-Hilfe
  • Mittelhessen
  • Polizei
  • Universitätsklinikum Frankfurt
  • Reichelsheim
  • Hedwig Rohde
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.