Grabungsbranche

Archäologe Sascha Piffko: Buddeln ohne Zukunftsängste

Ein Einzelkämpfer aus Rockenberg gründete einst eine Firma, die heute die größte für archäologische Ausgrabungen in Hessen und weit darüber hinaus ist. Sascha Piffkos Antrieb: »Hier muss sich etwas ändern.«
24. Juli 2017, 10:00 Uhr
Scherben waschen ist Alltagsgeschäft bei den Archäologen. Elke Winkler und Sascha Piffko puzzeln in der Münzenberger Werkstatt Urnen aus Mainaschaff zusammen. (Fotos: en/pv)

Sascha Piffko kennt in Rockenberg fast jeder, vor allem durch sein Engagement bei der Feuerwehr. Dass er gerne in geschichtsträchtiger Erde wühlt, wissen Interessierte über die Ortsgrenzen hinaus seit den Grabungen in Nidda (Johanniterkirche) und in Berstadt, wo er den Merowingern diverse Geheimnisse entlockt hat. Dass der 43-Jährige aber auch der weitaus größte hessische Arbeitgeber in Sachen Archäologie ist, weiß man bislang nur in Fachkreisen.

Mit drei Angestellten gründete Piffko im März 2015 die Firma SPAU (Sascha Piffko – Archäologische Untersuchungen) – als Reaktion auf die gängige Praxis in der kommerziellen Grabungsbranche. Dort nämlich werde mit Werkverträgen gearbeitet, eine soziale Absicherung der Mitarbeiter sei »eher ungewöhnlich«. Piffko: »Viele langjährige Grabungsmitarbeiter sind von Altersarmut bedroht, der Gang zur Arbeitsagentur im Winter und fehlende Perspektiven machen den Beruf wenig attraktiv.«

Wenn für eine Grabung 1000 Arbeitsstunden veranschlagt sind, schafft unser Team das in der Hälfte

Sascha Piffko

Und da er aus eigener Berufserfahrung weiß, dass in der Branche »Millionen umgesetzt werden, ohne dass auch nur ein Arbeitsplatz entsteht«, wagte er den mutigen Schritt. »Mit Erfolg«, sagt der Rockenberger jetzt. Die Auftragsbücher sind voll, das Vertrauen der Auftraggeber wächst. Hier lag anfangs das Problem – bei den Ausschreibungen konnten seine Voranschläge nicht mithalten, die Dumpingpreise der Mitbewerber machten der SPAU zu schaffen. Teurer ist sein Stundensatz auch heute noch. Aber der Jungunternehmer spielt seinen Trumpf aus: »Wenn für eine Grabung 1000 Arbeitsstunden veranschlagt sind, schafft unser eingespieltes und professionelles Team das in der Hälfte. Der Bauunternehmer kann vielleicht drei Monate früher anfangen.« Ein Argument, das zieht. Von Jahr zu Jahr hat sich die Zahl der Mitarbeiter verdoppelt, 27 sind es heute. 16 davon haben eine unbefristete Festanstellung, bis zum Jahresende sollen es 20 sein. Sie erhalten ein festes Gehalt, eine betriebliche Altersversorgung wurde eingerichtet, und Piffko investiert in die Fortbildung seiner Crew, die Piffko gern als seine »zweite Familie« bezeichnet. Auch ein syrischer Archäologe aus Aleppo hat bei SPAU seine berufliche Heimat gefunden.

In Erlensee freigelegt: ein vorgeschichtlicher Grabhügel. Sebastian Sattler und Regine Müller
dokumentieren die Relikte einer Urnenbestattung in Mainaschaff.
In Erlensee freigelegt: ein vorgeschichtlicher Grabhügel. Sebastian Sattler und Regine Mül...

Ausdrücklich lobt der Chef die Arbeitsagentur Gießen-Friedberg, die ihm nicht nur etliche Mitarbeiter vermittelt, sondern ihn auch bestens beraten und auf die verfügbaren Geldtöpfe hingewiesen habe.

Über 100 Projekte hat die Firma schon abgewickelt, vor allem in der Main-Kinzig-Region und in Unterfranken, aber auch im Raum Gießen und in der Wetterau, so auf der Kaiserstraße in Friedberg und am Aliceplatz in Bad Nauheim. Der weitaus größte Auftrag war die archäologische Begleitung eines Neubaugebiets in Erlensee, das auf einer keltischen Siedlung entsteht. Piffkos Arbeit sprach sich herum, es folgte ein Auftrag in Bruchköbel, wo man ungewöhnliche Römer-Brunnen zutage förderte. Und über eine Grabung in Altenstadt schreibt eine Mitarbeiterin gerade ihre Masterarbeit.

Zupass kommt dem Weidig-Abiturienten, der zunächst Jurist werden wollte, der gegenwärtige Bauboom. Aber Konzepte hat er auch für die Zeit danach: In Erlensee bauen zwei Mitarbeiterinnen derzeit eine Restaurierungswerkstatt auf (»Ich will sehen, was ich finde. Nicht nur Rost und Erdklumpen«), für Investoren (zum Beispiel von Windkraftanlagen) fertigt die SPAU denkmalschutzrechtliche Gutachten, an der Uni Gießen hat Piffko einen Lehrauftrag für die Praxis der Archäologie, gerne berichtet er bei Vereinen über sein Hobby, das er zum Beruf machte. Und für Schulen will er Projekte erarbeiten. Aber das ist Zukunftsmusik. »Eins nach dem anderen«, weiß er spätestens nach seinem Herzinfarkt im letzten Jahr.

Info

Ganz neu: Berufsverband

Seit Jahren im Gespräch, jetzt gegründet: Der Berufsverband für alle deutschen Archäologen und in der Archäologie Beschäftigten wurde vor dreiWochen in Mainz aus der Taufe gehoben – Sascha Piffko gehört zu den engagierten Verfechtern der Idee. Vor allem soll sich damit die Lebens- und Arbeitssituation der Archäologen verbessern. Aber der Verband ist auch als Schiedsstelle gedacht, bei der sich die Kunden beschweren können, falls sie sich bezüglich der Qualität oder des Preises über den Tisch gezogen fühlen. Die professionell und seriös arbeitenden Firmen wollen sich damit von »schwarzen Schafen« abgrenzen. (en)

 

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitsagenturen
  • Ausgrabungen
  • Betriebliche Altersvorsorge
  • Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Trumpf GmbH + Co KG
  • Zukunftsangst
  • Rockenberg
  • Walter Engel
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.