Strahlung

Elektrosensibel: Gefahr oder Einbildung?

Für Menschen mit Elektrosensibilität sind Geräte und Strommasten ein Graus. In Bad Nauheim trifft sich eine Selbsthilfegruppe. Die Teilnehmer leiden – an körperlichen Symptomen und Stigmatisierung.
15. Juli 2017, 12:00 Uhr

Wollen Sie uns auf den Arm nehmen oder nehmen Sie uns ernst?«, fragt Frau C., als sie erfährt, dass die WZ einen Bericht über die Selbsthilfegruppe Elektrosensibiliät des Wetteraukreises veröffentlichen möchte. Auch die anderen fünf Teilnehmer der Gruppe an diesem Montagabend sind skeptisch. Alle wollen sie anonym bleiben, nur zwei sich schließlich fotografieren lassen – »aber nur von hinten«. Frau C. legt einen Ordner mit ihrer Meinung nach tendenziösen Zeitungsartikeln zu diesem Thema auf den Tisch. »Entweder man macht sich lustig über uns oder man verschweigt konsequent einen möglichen Zusammenhang zwischen Störungen des vegetativen Nervensystems wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder Müdigkeit mit möglichen Auswirkungen von elektromagnetischen Feldern«, sagt die Dozentin an einer Fachhochschule. Als elektrosensibel bezeichnen sich Menschen, die an körperlichen Stresssymptomen leiden, wenn sie elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind. Dazu zählen vor allem Hochfrequenzbelastungen etwa durch Mobilfunk, WLAN, Schnurlostelefone oder Radio- und Fernsehsender sowie niederfrequente Belastungen wie Hochspannungsleitungen oder schlecht abgeschirmte Stromleitungen.

Die Krankengeschichte von Frau D. aus Bad Nauheim reicht mehr als 20 Jahre zurück. Mit Fehlreaktionen ihres Immunsystems auf Holzschutzmittel, Wasseradern und Zahnmetalle habe es angefangen. »Als dann 2011 ein Mobilfunkmast in der Nähe meiner Wohnung aufgestellt wurde, begann für mich über Nacht die Hölle. Ich konnte mich plötzlich nicht mehr bewegen, nicht mehr denken, nicht mehr schlafen, wurde depressiv. Über Jahre kam das immer wieder vor.« Frau D. war nur noch eingeschränkt arbeitsfähig. Ihre Ärzte hätten ihr nicht helfen können, sagt sie. Die Schulmedizin kenne weder Diagnose-Methoden für Elektrosensibilität noch Behandlungsmöglichkeiten. Letztendlich hat Frau D. aber alternative Wege gefunden, ihre Symptome zu lindern. Mit einer Bioresonanztherapie wurden die Metall- und Holzschutzmittelgifte aus ihrem Körper ausgeleitet. Die Ersatzzähne sind mittlerweile metallfrei, und sie nutzt diverse Abschirmsysteme gegen elektromagnetische Felder.

Ähnlich wie Frau D. wissen auch die anderen Teilnehmer der Selbsthilfegruppe sich zu helfen und sich gegenseitig mit Informationen oder Zuspruch zu unterstützen. Das ist das wichtigste Ziel der Gruppe, die sich jeden zweiten Monat im »Ducky’s« in Bad Nauheim trifft. An diesem Abend stellt etwa Edelstein- und Lebensenergieberater Werner Stoll aus Stammheim Bioenergie-Systeme vor, die für einen energetischen Ausgleich im Wohnbereich sorgen sollen. Die Öffentlichkeit interessiere sich nicht für das Thema, klagt auch er. »Stattdessen werden wir stigmatisiert«, ergänzt Frau D.

In der Tat ist das Thema Elektrosensibilität in Politik und Wissenschaft umstritten. Das Bundesamt für Strahlenschutz schließt aus zahlreichen Studien, »dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen elektrischen und magnetischen Feldern und den Beschwerden elektrosensibler Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist«. Kritiker und Umweltmediziner bemängeln die Forschungsmethoden und kritisieren den Einfluss von Lobbyisten der Mobilfunkindustrie in den Gremien, die die Grenzwerte für die Strahlenbelastung festlegen.

Das Europäische Parlament rief in einer Entschließung vom 2. April 2009 die europäischen Regierungen dazu auf, die Strahlenbelastung durch elektromagnetische Felder zu reduzieren, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Ebenfalls forderte es sie dazu auf, dem Beispiel Schwedens zu folgen und Menschen, die an Elektrohypersensibilität leiden, einen angemessenen Schutz zu bieten. »Wenn jemand in der Zeitung liest, dass ich elektrosensibel bin«, sagt Frau C., »dann nimmt mich an der Fachhochschule keiner mehr ernst.«

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