Man könnte fast meinen, wir lebten in reaktionären Zeiten: Erst Trumps Abkehr vom Klimaabkommen, dann streicht Dänemark die Subventionen für Elektroautos, und jetzt dürfen Sojabutter und Lupinenjoghurt nicht mehr Butter und Joghurt heißen. Ich warte jeden Moment darauf, dass die klassische Haartracht des Ökos gesetzlich verboten wird und nur noch kurze Männerschnitte erlaubt sind. Da fällt mir folgender Witz ein: Was hinterlässt ein Reaktionär seinen Enkeln? Einen Wüstenplaneten und einen Öko-Witz. Wie zum Beispiel diesen hier: Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: »Du siehst ja schlecht aus!« Erwidert der andere: »Mir geht es auch nicht gut. Ich habe Homo sapiens.« »Ach,« tröstet der erste, »mach dir nichts draus. Das geht schnell vorbei.«

Der Witz hat, ganzheitlich betrachtet, etwas Tröstliches, denn wenn wir uns erst einmal einen so lebensfeindlichen Planeten geschaffen haben, dass es uns vom Angesicht der Erde getilgt hat, dann wird es für den Fortbestand des Planeten kaum eine Wirkung haben. Er wird weiterbestehen. Vermutlich auch als Ökosystem. Er wird ein paar Millionen Jahre ein Wüstenplanet bleiben, aber dann werden die Ameisen und Kakerlaken, die uns voraussichtlich überlebt haben werden, ihre Chance bekommen. Ein Planet voller intelligentem Leben: Menschengroße Ameisen und Kakerlaken, die in für Mehrarmer geschaffenen Automobilen fahren, die trotz des fehlenden Supports der dänischen Ameisen Elektromotoren haben werden. Kakerlaken, die Milch, aus baumgroßen Löwenzahnpflanzen gewonnen, genießen und sie im Laden einfach unter dem Namen Löwenzahnmilch kaufen können, weil eben jede noch so frisch aus dem Ei geschlüpfte Kakerlake weiß: Wenn Löwenzahn darauf steht, dann ist die Milch eben nicht die von der Blattlauskolonie in Übersee, sondern von der Löwenzahnplantage um die Ecke.

Seit 4,6 Milliarden Jahren besteht die Erde, vor sechs Millionen Jahren begann sich der Mensch auf der Erde breit zu machen, und erst vor gut 300 Jahren, mit dem Beginn der Industrialisierung, als die Weltbevölkerung zu explodieren begann und die Umweltzerstörung spürbar wurde, bemerkte der Planet ein Jucken. Millionen Jahre hört sich viel an? Die Inkubationszeit mit Homo sapiens entspricht, die voraussichtliche Lebenszeit des Planeten auf ein Menschenleben umgerechnet, in etwa der von Mumps. Da macht man dicke Backen, wenn man das hört, was?

Richtig erschreckend ist allerdings, dass es für die Erde eineinhalb Minuten nach dem ersten Jucken wieder vorbei sein wird mit den Homo-sapiens-Symptomen. Die Erde schüttelt sich mal kurz und das war’s. Drei Wochen später spürt sie dann schon die Ameisen und Kakerlaken, denn ungeachtet der Insektenutopie bin ich mir sicher, dass auch dieses Zeitalter eine Trumpmeise oder Trumperlake emporbringen wird. Auch wird es einen Insektenstaat geben, der die Entwicklung eines vollständig schadstofffreien Fortbewegungsmittels bremsen wird. Und es wird eine Initiative geben, die diesen missionierenden Löwenzahnmilchsäufern den pflanzlichen Zahn zu ziehen versucht. Aber das wird das Problem des Formicidae habilis und des Periplaneta sapiens sein. Ich persönlich hänge an meinem Planeten mehr als der Planet an mir. Von daher werde ich ungeachtet dessen weiter Menschen lächelnd die Porzellantasse reichen, wenn sie nach dem Pappbecher greifen, und gerne meine Stofftüte verschenken, wenn jemand nach der Plastiktüte langt. Und morgen gehe ich zum Friseur. »Aber nur Spitzen schneiden, bitte!« Nicht, dass ich noch verwechselt werde.

*

Autor, Poetry-Slammer und Schauspieler Andreas Arnold schreibt in der WZ-Kolumne »Arnold hält nach« über seine Gedanken und Erfahrungen im Versuch, sein Leben nachhaltiger zu gestalten. Seit 2013 schreibt er dazu auch in seinem Blog »Plastic Diary«, (www.plastic-diary.andreas-arnold.net oder www.facebook.com/PlasticDiary/).

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