Ramadan

Harte Auszeit für eine starke Seele

Auch Wetterauer Muslime verzichten im Ramadan 30 Tage lang auf essen und trinken. Eine Zeit zwischen Sport ohne Getränke, Klausuren, die lockerer von der Hand gehen, und Vorfreude aufs Fest.
19. Juni 2017, 14:00 Uhr
Hilal Elmaci schafft die Klausuren auch im Ramadan – und das mit weniger Aufwand als sonst. Sie sagt: »Manchmal werde ich zwar auch bemitleidet, aber meistens jedoch für mein Selbstbewusstsein und mein Durchsetzungsvermögen hoch geschätzt.« (Foto: sdw)

Im ersten Moment klingt es schrecklich: Nichts essen und nichts trinken – von der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese Hürde bestehen Jahr für Jahr Muslime im heiligsten Monat des islamischen Kalenders, dem Ramadan. Und das, obwohl die Tage im Sommer lang und die Temperaturen so hoch sind, wie sonst nie. In diesem Jahr fasten Muslime bis zu 18 Stunden, jeden Tag etwa von 4 bis 22 Uhr. Wie hält man es den ganzen Tag ohne Wasser aus? Kann man sich überhaupt auf das alltägliche Leben konzentrieren? Wieso verlangt »Gott« so etwas von euch? Ist das nicht ungesund? Die effektivste Methode, Antworten zu finden, um Vorurteile zu vermeiden, ist sicherlich, mit den Menschen zu sprechen, die fasten. Die Motivationen, die sich hinter dem strengen Fasten verbergen, sind oft sehr verschieden, doch haben sie alle denselben Nenner.

»Ramadan bedeutet für mich, auch mal auf Dinge zu verzichten, die im Alltag immer greifbar sind«, sagt Muhammed Altuncicek. Der 48-jährige Muslim lebt seit den 80er Jahren in Deutschland und führt seit 25 Jahren ein Taxiunternehmen in Friedberg. »Die Arbeit fällt selbstverständlich etwas schwer. Man ist nicht nur hungrig und durstig, sondern auch müde, weil sich das Leben durch das späte Essen – Iftar –, das Nachtgebet im Anschluss – Teravih – und das morgendliche Essen vor dem Sonnenaufgang – Sahur – größtenteils nachts abspielt.

Trotz allem freut man sich auf das Abendessen, meistens mit Freunden oder eingeladenen Gästen. Es fühlt sich an wie eine Belohnung am Ende des Tages.«

Für Muhammed Altuncicek fängt das richtige Praktizieren von Ramadan bei der Kindererziehung an. Der dreifache Familienvater hält es für wichtig, seinen Kindern weiterzugeben, dass es in diesem Monat nicht nur darum gehe, auf das Essen oder das Trinken zu verzichten, sondern auch die Wünsche und Begierden zu zügeln, um eine stabile Selbstkontrolle über den eigenen Körper erhalten zu können. »Mittlerweile haben unsere deutschen Freunde Ramadan verstanden und haben vollen Respekt«, betont der 48-Jährige.

Das findet auch Furkan Kaplan. Er ist 20 Jahre alt und studiert Wirtschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen. In seiner Freizeit spielt er gerne Fußball; mit der zweiten Mannschaft von Türk Gücü Friedberg stieg er in den vergangenen Wochen ungeschlagen in die Kreisliga A auf. Im letzten Spiel der Saison fastete die ganze Mannschaft bei Höchsttemperaturen. »Es war wirklich nicht einfach, bei der Hitze Sport zu treiben, ohne trinken zu können. Unsere Gegner konnten das überhaupt nicht nachvollziehen«, erzählt Kaplan.

»Unser Glaube steht jedoch vor allem. Daher ist das Wetter kein Grund, das Fasten zu unterbrechen. Im Gegenteil ist es für uns eher eine Herausforderung. Wir waren ehrgeiziger und zielstrebiger als zuvor.« Kaplan ist im Jugendvorstand der Ayasofya-Moschee in Friedberg, kümmert sich dort um die Organisation. Die Moschee gibt in jedem Fastenmonat Essen aus, das meist aus einer Suppe, einem Hauptgericht und einem Dessert besteht. Jeden Mittag findet nach dem Mittagsgebet die Koranrezitation des Imams statt. Wer zuhören möchte, kann sich dazu gesellen. Wichtig ist an Ramadan nämlich nicht nur der Verzicht auf Essen und Trinken, sondern auch das Beten und das Gedenken an Allah. Eine Überlieferung des Propheten Mohammed besagt: »Wenn sich jemand nicht der Falschheit in Wort und Tat enthält, dann liegt Allah nichts daran, dass er sich des Essens und Trinkens enthält.«

Daher sieht Hilal Elmaci aus Bad Vilbel das Fasten als eine Chance, ihr Verhalten gegenüber Mitmenschen zu überdenken. Die 26-jährige Türkin studiert Rechtswissenschaften und bereitet sich auf das erste Staatsexamen vor. »Ich dachte, dass ich nicht effektiv lernen kann, während ich in der Sommerzeit faste. Allerdings habe ich alle Klausuren, die ich im Monat Ramadan geschrieben habe, mit viel weniger Aufwand bestanden.«

Das Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam, doch fastet Hilal Elmaci nicht nur, weil es eine religiöse Pflicht ist, sondern aus voller Überzeugung. »Man hat einen ganzen Monat lang eine ganz andere Stimmung zu Hause«, stellt sie fest. »Am Ende des Tages ist es ein unbeschreiblich tolles Gefühl, das Fasten vollbracht zu haben. Darüber hinaus ist die Fastenzeit eine Auszeit für mein Körper und meine Seele. Ich kann dem Stress der modernen Welt entfliehen und zu Ruhe kommen. Immer wieder ermöglicht mir das Fasten einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln, die Konzentration auf das Wesentliche und Verzicht auf das überflüssige Konsumieren. Am allerwichtigsten ist, dass ich mein Leben zu schätzen lerne und besser nachvollziehen kann, wie es armen und hungernden Menschen geht.«

Hilal Elmaci findet es toll, wie Freunde und Kommilitonen ihre Entscheidung zu fasten respektieren und schätzen. »Viele wollen aus Respekt erst gar nicht ihre Flaschen öffnen. Manchmal werde ich zwar auch bemitleidet, aber meistens jedoch für mein Selbstbewusstsein und mein Durchsetzungsvermögen hoch geschätzt.«

Am Ende des Ramadan geht es los mit den Vorbereitungen für das große Fastenbrechen und das dreitägige Ramadan-Fest. Familien statten einander unzählige Besuche ab, es gibt viel zu Essen, und besonders an Süßspeisen darf es nicht mangeln. Und dann ist das große Fest auch schon vorbei – bis zum nächsten Jahr, wenn die Vorfreude, um zehn Tage versetzt, erneut beginnt.

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