Bauchentscheidung

Raus aus dem Kreislauf, ab nach China

Es hätte alles weiterlaufen können wie bisher: Lisa-Mareen Walther hatte einen guten Job. Nur wollte sie den für den Rest ihres Lebens ausüben? Nein, sagt die Florstädterin. Und traf eine Entscheidung.
18. Mai 2017, 16:00 Uhr
Lisa-Mareen Walther arbeitet zwar viel in China, hat dennoch hin und wieder Zeit, sich das Land anzuschauen. (Foto: pv)

Es war eine Bauchentscheidung. Eindeutig, sagt Lisa-Mareen Walther. In der Leitung knistert’s ab und an, doch die Verbindung steht einigermaßen; in China ist es Abend, in Deutschland knallt die Mittagssonne. Sie telefoniert per WhatsApp nach Hause und sitzt dabei in ihrer Wohnung auf dem Uni-Campus in Taiyuan. »Ein Dörfchen«, sagt sie. »Knapp über 4 Millionen Einwohner.« Kein Scherz, ernst gemeint. Für chinesische Verhältnisse ist das wirklich klein, sagt die gebürtige Florstädterin. Zum Vergleich: In Peking leben 21 500 000 Menschen. In China ist eben alles ein bisschen anders. Zumindest aus europäischer Perspektive.

Lisa-Mareen Walther ist in China ein beliebtes Fotomotiv. (Foto: pv)
Lisa-Mareen Walther ist in China ein beliebtes Fotomotiv. (Foto: pv)

Das hat Lisa Walther recht schnell mitbekommen. Sie ist für ein Austauschsemester dort, eigentlich studiert sie Wirtschaftspsychologie an einer Hochschule in Frankfurt. Warum gerade China? Das hat einerseits pragmatische Gründe, die Uni in Taiyuan ist die einzige Partner-Uni, andererseits wollte die 27-Jährige ohnehin ins Ausland (»Ich war noch nie länger weg als Urlaub«). Nur musste sie entscheiden: Ob sie auf ihren Kopf oder auf ihren Bauch hört?

Auf der Kopf-Seite: Anstellung in einer Frankfurter Bank, unbefristeter Vertrag, gutes Gehalt. Sicherheit eben. Reicht das, um glücklich zu sein? »Nein, ich bin so ein Bauchmensch.«


Selfie mit Europäer

Deswegen die Entscheidung, aus dem nebenberuflichen Studium ein Vollzeitstudium zu machen und nach China zu gehen, erzählt Lisa Walther in ihrer chinesischen Wohnung sitzend. Eine recht großzügige übrigens: Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer – nicht das, was sich der Europäer von China vorstellt. Im Fernsehen sieht man eher Hochhäuser, viele Wohnungen, noch mehr Menschen, Enge eben. Dass Lisa Walther eine größere Wohnung hat, liegt auch an ihrer Anstellung an der Uni. Sie gibt Tutorien für Wirtschaftsstudenten, bspw. in Makroökonomie, Recht, Projektmanagement – alle auf Deutsch. Die chinesischen Studenten kommen sowieso bald nach Deutschland, um ihren Abschluss zu machen, die Sprache müssen sie also beherrschen. Deswegen redet sie mit ihren Studenten Deutsch. Sprachunterricht und Stunden in Kalligrafie gibt es zwar für die deutschen Austauschstudenten, »aber Chinesisch ist schwer. Essen bestellen geht schon, aber zur Not benutzen wir Google Translator.« Wir, das sind sie und noch vier weitere Studenten aus Deutschland.

Der Job an der Uni sei anstrengend, volles Tagesprogramm, »aber es macht mir viel Spaß und ist sehr bereichernd.«

Lisa-Mareen Walther schaut sich in China auch die Sehenswürdigkeiten an. (Foto: pv)
Lisa-Mareen Walther schaut sich in China auch die Sehenswürdigkeiten an. (Foto: pv)

Überhaupt die Eindrücke. Viele schöne, viele überraschende. Das Essen zum Beispiel: Lisa Walther ist Vegetarierin. Und war deswegen sehr skeptisch. Weil es ja die ein oder andere Geschichte aus China gibt, vor allem die, die von fleischigen, ungewöhnlichen Zutaten handelt. Aber nein, so schlimm sei es nicht. »Ich habe es mir schrecklich vorgestellt, aber bin positiv überrascht.« Klar, es gebe auch kuriose Angebote, Skorpione am Spieß, Wasserschildkröten, frittierte Hühnerfüße, aber das komme ihr eher selten unter.


Beliebtes Fotomotiv

Auch von den Menschen in Taiyuan erzählt die Florstädterin begeistert. Weil die Stadt eher klein und unbekannt im Ausland ist, kommen nicht sehr viele Touristen vorbei. Wer kein Chinese ist, fällt auf. Und müsse schon mal für ein Selfie mit Einheimischen posten.

An manche kulturell bedingten Andersartigkeiten könne sie sich aber nicht gewöhnen, »will ich auch gar nicht« – zum Beispiel an das Spucken auf der Straße. »Ich erschrecke teilweise noch immer, wenn das jemand macht.« Oder manche Gerüche: »Wegen des Smogs.«

Aber das war’s auch schon. Sonst gefällt es ihr. Und für Heimweh, sagt sie, hat sie ohnehin kaum Zeit. Manchmal vermisse sie Freunde und Familie – »aber durch die Technik ist Kommunikation problemlos möglich.« Außerdem seien die ersten Monate schnell vorbeigegangen. »Die Zeit rennt.«


"Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Wahrscheinlich auch, wenn sie nächsten Monat wieder nach Deutschland kommt. Sie wird nicht mehr zurück an ihren Schreibtisch in der Bank gehen. Sie wird Freunde und Familie treffen, von China erzählen, aber bald schon wieder ihre Koffer packen. Lisa Walther zieht weiter. Nach Uganda. Will für drei Monate bei einem Projekt für Waisenkinder mithelfen. Auch so eine Bauchentscheidung. Aber die haben sich ja bisher bewährt. »Später, wenn ich eine Familie gegründet habe, geht das nicht mehr.« Also: »Wenn nicht jetzt, wann dann?«

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