Einzelhandel

»Top Man« schließt: Wieder ein Fachgeschäft weniger

45 Jahre lang war »Top Man« eine der ersten Adressen für den Mann mit Stil in der Wetterau. Jetzt schließt Inhaber Bodo Eife seinen Laden auf der Friedberger Kaiserstraße.
21. April 2017, 05:00 Uhr
»Was ich mache, ist authentisch«, sagt Herrenausstatter Bodo Eife. Aber die Zeiten ändern sich, viele Männer kaufen im Internet ein. Jetzt schließt Eife den »Top Man«. (Foto: Wagner)

Wer nicht selbst ein Einzelhandelsunternehmen führt, kann nur schwer nachempfinden, welcher Druck auf den Inhabern lastet. Am Ende des Monats muss die Kasse stimmen. Und Spaß machen soll der Job ja auch noch. Bodo Eife ist der Spaß abhanden gekommen. Ende Juni läuft sein Mietvertrag für das Fachwerkhaus in der Kaiserstraße 11 aus. Ein großes Banner an der Fassade des »Top Man« verkündet den »Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe«. Es gibt bis zu 50 Prozent Preisnachlass. »Auf manche Waren gibt’s sogar 70 Prozent«, sagt Eife und deutet auf edle Leinenvorhänge von »Zimmer und Rode«, Poloshirts von »Baldessarini«, Herrenhemden von »Einhorn« und Möbel aus den Bielefelder Werkstätten. Im »Top Man« gibt es Schnäppchen mit Stil.

Eife ist ein umtriebiger Mensch. Im Hof seines Ladens hat er Weinproben mit Livemusik und einem Sommelier organisiert. Er verkauft Herrenmode, handgefertigte Möbel und entwirft komplette Inneneinrichtungen, alles auf hohem Qualitätsniveau. »Streichen Sie mal mit dem Handrücken über das Lederpolster«, sagt er. Das Leder ist nicht abgedeckt, sondern durchgefärbt, man sieht die Mastfalten des Tieres. »Glatter als ein Kinderpopo.« Sessel und Hocker kommen zusammen auf fast 4000 Euro. Qualität hat ihren Preis.

Seit einiger Zeit bietet Eife auch einen Weinausschank an. Im Sommer baute er vor dem Geschäft seine Holzterrasse auf, servierte Cappuccino, Käse und Flammkuchen, der als der beste weit und breit bekannt war. Im Juni 2016 serviert Eife gerade Frühstück vom Friedberger Metzger, Tartar mit Kapern, als ihm schummrig vor Augen wird. Herzinfarkt, zwei Reanimation, Intensivstation in der Kerckhoff-Klinik, Eife bekommt zwei Stents gesetzt. »Da habe ich mir die Frage gestellt: Entweder weiterhin Stress und bald Friedhof oder du hörst auf.« Eife hat auf sein Herz gehört. Auch wenn’s schwer fällt.

Aber ganz so schwer dann doch nicht. »Die Stadt hat sich negativ verändert«, spricht er ein Thema an, das viele Geschäftsleute umtreibt. Löcher im Bürgersteig, keine Bewirtung in der zweitgrößten Burg Europas, Parkautomaten, die kein Geld wechseln und Wettbüros statt Fachgeschäften: Eibe winkt ab. »Das ist alles schon zig Mal gesagt worden.

« Verändert die Stadt ihr Bild, verändert sich auch die Laufkundschaft, die aber heutzutage gar nicht mehr läuft, sondern Zuhause am Computer sitzt, bei Amazon oder Zalando Ware bestellt und – das hat er in einer TV-Reportage gesehen – die verschmutzte Wäsche wieder zurückschickt. »Eine Verrohung der Gesellschaft.«

 

Ein Stück Lebensgefühl verkauft

 

Bodo Eife hat seit seiner Kindheit mit der Bekleidungsbranche zu tun. Der Großvater in Rodheim war Schneider, der Bub staunte über die edlen Stoffe. 1966 begann er in Frankfurt im Kaufhof eine Lehre als Schauwerbegestalter, entwarf später Inneneinrichtungen in der gehobenen Preisklasse und verkaufte seinen Kunden im In- und Ausland auch ein Stück Lebensgefühl.

Im Mai 2009 übernahm er das Geschäft auf der Kaiserstraße, machte aus dem vormaligen »Top Men« das »Top Man«: Der einzelne Mann, der Individualist mit Geschmack steht bei ihm im Mittelpunkt. Aber wer kann und will sich das heute noch leisten? »Die meisten meiner Kunden kommen nicht aus Friedberg«, sagt Eife. Er hat auch schon Kunden zur Konkurrenz geschickt. Zum Beispiel einen Mann mit einem breiten Bodybuilder-Kreuz, der eine schmale Krawatte kaufen wollte. Das passt gar nicht, da verzichtet er lieber auf das Geschäft.

Wer mit Eibe durch seinen Laden geht, erkennt schnell, dass Schönheit Freude bereitet. Edle Leinenstoffe, handgefertigte Schuhe aus Italien, Unterwäsche von »Schiesser Revival«, im Weinregal Burgunder und Riesling vom Kaiserstuhl und aus Italien, und im hinteren Teil des Ladens ein 2,20 Meter langer Tisch aus einem Stück Holz: massive Eiche, handgefertigt, architektonisch raumbeherrschend. Ein edles Teil, und auch der Preis von rund 3300 Euro ist nicht ohne. »Wo andere aufhören, gebe ich Gas«, sagt Eife. Er hat immer auf High End-Produkte gesetzt, kriegt bei Möbeln von Ikea »einen Rappel«. »Wer 40 Jahre lang Ferrari verkauft, steigt auch nicht auf Kleinwagen von VW um. Manche sagen, das sei arrogant. Ich sage: Das ist authentisch, was ich mache.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Amazon
  • Bekleidungsbranche
  • Einzelhandelsunternehmen
  • Geschäfte
  • Herrenhemden
  • Ikea
  • Kaufhof Warenhaus AG
  • Schiesser
  • Wetterau
  • Friedberg
  • Jürgen Wagner
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.