Gegen Gewalt

Keine Angst im Wald

Im Bad Nauheimer Waldkindergarten »Wurzelpurzel« wurde Gewaltprävention trainiert. Viola Turba und Juliane Perlbach reden über Distanz, fotografierende Leute und einen Wald ohne Türen.
03. April 2017, 08:00 Uhr
Hinter dieser Übung, die Juliane Perlbach (l.), Viola Turba und der kleine Leonard machen, steckt Taktik: Nicht nur mit Stärke kann man etwas erreichen, sondern auch mit dem Loslassen. (Foto: Nici Merz)

Ist die Welt für Kinder gefährlicher geworden?

Viola Turba: Das ist eine subjektive Wahrnehmung, weil solche Themen auch mehr durch die Medien gehen und schneller verbreitet werden.

Juliane Perlbach: Hier im Wald treffen wir immer wieder auf andere Menschen, denn wir haben keine Türen. Deshalb ist das viel mehr Thema bei uns.

Turba: Wir müssen schauen, welcher Kontakt der Kinder zu anderen Menschen angemessen ist und wo wir das kritisch hinterfragen müssen.

Gab es schonmal merkwürdige Annäherungen von Menschen im Wald?

Turba: Es kommt vor, dass ältere Leute Fotos machen. Dem müssen wir Einhalt gebieten. Im Zweifel gilt es, Distanz zu schaffen.

Perlbach: Und wir müssen die Menschen ansprechen.

An oberster Stelle steht das Selbstbewusstsein

Viola Turba

Was kann ein Kind tun, um sich zu schützen?

Turba: An oberster Stelle steht das Selbstbewusstsein. Außerdem muss ein Kind seine Grenzen kennen und seine eigenen Gefühle wahrnehmen.

Perlbach: Und das Vertrauen in die Bezugspersonen ist wichtig, Klare Regeln gehören dazu.

Turba: Zum Beispiel dürfen sich die Kinder nicht einfach im Unterholz verstecken, ohne dass wir es wissen.

Und was sollten Eltern tun?

Perlbach: Im Zuge des Gewaltpräventionskurses gab es auch Hausaufgaben. Dabei ging es darum, was gilt, wenn man einer fremden Person begegnet, und was zu tun ist, wenn man in Not gerät. Man muss mit seinen Kindern immer wieder sprechen. Und es ist wichtig, sein Kind nicht dazu zu zwingen, den Onkel Fritz zu umarmen. Man muss respektieren, dass ein Kind zu bestimmten Personen Distanz wahrt. Schön ist es, wenn Eltern ein Codewort mit ihrem Kind vereinbaren. Dann weiß das Kind, dass derjenige, der das Codewort kennt, mit seinen Eltern kommuniziert hat.

Wie aber gehen Sie im Waldkindergarten damit um, dass auch Übergriffe von Familienmitgliedern oder von Bekannten oder anderen Vertrauenspersonen begangen werden können?

Turba: Das Thema wird in Geschichten eingebaut. Ein Beispiel ist auch: Wenn wir ein Kind auf die Toilette begleiten, fragen wir, ob wir das Hemd in die Hose stecken dürfen.

Perlbach: Wenn wir etwas mitbekämen, dann gäbe es einen ganz klaren Ablauf. Wir sind für solche Fälle geschult. Es gilt, lieber einmal mehr nachzuschauen, als etwas zu versäumen.

Ist es ein schwieriges Spagat zwischen berechtigtem und übertriebenem Misstrauen?

Turba: Ich glaube, man kann sich gut auf sein Gefühl verlassen. Es wird sogar kritisch, wenn man sich nicht auf sein Gefühl verlässt. Natürlich muss ein Verdacht auch noch überprüft werden.

Und wie ist das Spagat bei Kindern zu meistern?

Turba: Das ist gar nicht so schwierig, wenn man es authentisch lebt.

Aber man sollte keine Angst machen, oder?

Turba: Das wäre das schlechteste – wegen des Selbstbewusstseins. Es geht vielmehr um Regeln. Davon gibt es bei uns im Waldkindergarten nur wenige, aber die müssen klar sein.

In unserem Waldkindergarten ist das soziale Miteinander ein großes Thema

Juliane Perlbach

Wurde in den Kursen auch Kampfsport vermittelt?

Perlbach: Nein, es ging darum, sich selbst wahrzunehmen, nein zu sagen. Außerdem gab es zum Beispiel eine Übung, bei der man im Kreis rennen und schreien sollte.

Turba: Wir haben auch gelernt, wie wichtig es ist, dass ein Kind nicht »Lass mich in Ruhe« sagt, sondern »Lassen Sie mich in Ruhe!« Das kommt ganz anders rüber. Oder dass ich zu Situationen Abstand halten soll, die mir nicht geheuer sind.

Welche Rolle spielen Gewaltprävention und Konfliktvermeidung im »Wurzelpurzel«-Alltag?

Turba: Das ist ein zentraler Punkt geworden. In einem Kindergarten gibt es immer Konflikte zwischen Kindern. Dann fragen wir: »Weißt du noch, wie die Übung war?« Man kann das Gefühl dann noch anzapfen.

Perlbach: In unserem Waldkindergarten ist das soziale Miteinander ein großes Thema, gerade weil wir immer ein anderes Wetter haben und es Gefahren gibt, beispielsweise durch herabfallende Äste.

Turba: Die Kinder sind hier stärker auf einander angewiesen, das fügt sich gut in unser waldpädagogisches Konzept.

Wie wirkt sich ein Gewaltpräventionstraining in der Kita auf das spätere Leben aus?

Perlbach: Die nächsten Herausforderungen kommen. Es muss nicht immer der Mann im schwarzen Golf sein, sondern es kann auch Mobbing sein, eine Erpressung auf der Schultoilette. Wir setzen einen Samen und hoffen, dass er aufgeht und eine kräftige Pflanze wird.

Info

Das Waldkonzept

»Ein Raum mit nichts – und sie spielen Stunden«, sagt Juliane Perlbach und verweist auf die Fantasie der Kinder im Waldkindergarten. Schließlich gibt es wenig Spielzeug im eigentlichen Sinne und stattdessen das, was der Wald hergibt. Viola Turba spricht auch die Abhängigkeit vom Wetter und von den Jahreszeiten an. Durch das Spielen im Wald würden auch Motorik und Sprache gefördert. Perlbach betont, Kinder aus dem Waldkindergarten seien beim Start in die Schule nicht benachteiligt. Träger der Kita ist der gemeinnützige Elternverein Waldkindergarten Wurzelpurzel. Dessen Vorsitzende ist Juliane Perlbach, die pädagogische Leitung liegt bei Viola Turba. Das Training für Gewaltprävention hat gemeinsam mit Martin Tischer vom Verein Selbstverteidigung Wetterau und mit dem Verein Goldener Drache Kampfsport stattgefunden. Die Kooperation zwischen dem Waldkindergarten »Wurzelpurzel« und den beiden Vereinen besteht nach wie vor.

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