Schöner Leben

Was ist Glück – und ist es planbar?

Die UN haben den 20. März zum Tag des Glücks ausgerufen. Was ist Glück? Kann man es planen? Antworten gibt Dr. Michael Putzke, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Friedberg.
20. März 2017, 08:00 Uhr
Ist das ein Glücksschwein? Der Bauer würde Ja sagen, könnte das Schwein antworten, würde es als Berufswunsch vermutlich nicht »Jägerschnitzel« angeben. Glück ist eben relativ, wie der Psychiater Dr. Michael Putzke im Interview erläutert. (Foto: dpa)

Herr Dr. Putzke, der Tag des Glücks soll laut UN daran erinnern, welche Bedeutung Glück und Wohlergehen als Ziel im Leben der Menschen haben. Was halten Sie davon?

Michael Putzke: Welches Glück und Wohlergehen meinen wir? Glück ist nicht garantiert, so ist das Streben nach Glück in der amerikanischen Verfassung verankert, aber eben nicht das Glück selbst. Der Philosoph Wilhelm Schmid hat sich über die Formen des Glücks Gedanken gemacht. Ist es das Glücksgefühl, das entsteht, wenn ich etwas, das ich verlegt habe, wiederfinde, also das Zufallsglück? Ist es das Glücksgefühl, das ich empfinde, wenn Schmerz nachlässt, die depressiv-traurige Stimmung sich zugunsten einer Lebensenergie verabschiedet, also das Wohlfühlglück? Oder ist es das Glücksgefühl, wenn der Tag mit einem schönen Sonnenaufgang beginnt, mit der Beobachtung in der Bahn, wie eine Mutter zärtlich mit ihrem Kind umgeht und dadurch in mir der Eindruck entsteht, das Leben ist schön. Schmid nennt dies die Fülle des Glücks. Anders als bei den ersten beiden, die eher auf den Augenblick konzentriert sind, besteht letzteres Glücksgefühl darin, auch die andere Seite das Unglück, das Negative, das Leidvolle mitzudenken.

Insofern ist der Ansatz an diesem Tag »zu einem höheren Grad und Verbundenheit und Bildung zu führen« ein guter, wenn er zum Nachdenken über das Thema anregt.

Sollte nicht jeder Tag ein Glückstag sein?

Putzke: Nein, auf keinen Fall. Wie ist es, wenn Sie jeden Tag Ihre Lieblingsspeise essen, Ihre Lieblingssendung sehen? Wie lange dauert es, bis das Besondere daran nicht mehr besonders ist? Es scheint, so schreibt Schmid, kaum möglich in unserer Gesellschaft, sich der Glückshysterie zu entziehen. Viele Menschen seien so verrückt nach Glück, dass zu befürchten sei, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glaubten, ohne Glück nicht mehr leben zu können.

Der 20. März ist auch der Tag des astronomischen Frühlingsbeginns. Welche Rolle spielt das Klima, spielen Frühlingsgefühle für unser Wohlbefinden?

Putzke: Allgemein ist es so, dass das Wohlbefinden viel mit physiologischen Prozessen zusammenhängt. So gibt es ein »Zirbeldrüse« genanntes Organ im Zwischenhirn, das für die Ausschüttung des Hormons Melantonin zuständig ist und auf Licht reagiert. Dieses Hormon sorgt für einen Schlaf-Wach-Rhythmus und ist in der dunkleren Jahreszeit deutlich in der Ausschüttung erhöht, so dass die eher ruhigere Lebensweise im Winter evalutionsbiologisch Sinn macht, weil in kälteren Jahreszeiten deutlich mehr Energie verbraucht würde. Werden im Frühjahr die Tage heller, nimmt die Melantoninausschüttung ab und wir fühlen uns insgesamt lebendiger, koppeln dies auch an die erwachende Natur. Auch hier ist dann die Zeit des Darbens evalutionsbiologisch absehbar zu Ende, wir freuen uns über die aufbrechende Natur.

Mit dem Frühjahrsbeginn ist der Frühjahrsputz verbunden, den man auch auf die Seele der Menschen übertragen kann. Wie schafft man es, mit Dingen aufzuräumen, die uns belasten?

Putzke: Es gibt Dutzende von Büchern, die genau dies zum Thema haben. Mir fallen dazu drei Dinge ein. Ein anderer Philosoph, Wittgenstein, hat mal sinngemäß gesagt, der Gruß des Philosophen sei »Lass Dir Zeit«, das heißt, die Frage danach, wie und was aufzuräumen ist, bedarf der Zeit. Siegmund Freud hat uns gelehrt, dass wir viele Dinge, die uns belasten, nicht bewusst wahrnehmen und nur indirekt erschließen können. Dies wäre der Weg der Selbstreflektion. Friedrich Nietzsche hat den Menschen als das Tier benannt, das vergessen könne. Alle drei weisen jeweils eine Richtung, wie wir mit Dingen aufräumen können, die uns belasten, nämlich das Nachdenken, das Nachfühlen und das Vergessenkönnen.

Manche Menschen sind glücklicher als andere, gehen unbeschwert durchs Leben. Ist Glück planbar?

Putzke: Eine entschiedenes JEIN! Es geht eher darum, mit welcher Lebenseinstellung, mit welchen Erwartungen wir unsere Umwelt wahrnehmen. So gibt es Untersuchungen darüber, dass wir uns immer mit einkommenshöheren Gruppen vergleichen und weniger sehen, wie wir in der Einkommenshierarchie stehen. Das führt dann eher zur Unzufriedenheit, die in den Medien dadurch verstärkt wird, dass über die völlig aus dem Rahmen fallenden Gehälter von Stars und Sternchen berichtet wird.

Das gilt natürlich auch für die Manager in der Wirtschaft, diese Diskussion beginnt ja gerade.

Was macht denn glücklich? Geld vielleicht?

Putzke: Freud hat Glück einmal definiert als die späte Erfüllung eines Kindheitstraums. Deshalb mache Geld auch nicht glücklich. Geld ist kein Kindheitswunsch. Ansonsten gilt das, was ich gesagt habe: Es ist hochgradig individuell, was glücklich macht, abhängig davon, wie der Blick aufs Leben ist, welches Lebensmotto wir haben, welche Erfahrungen wir gemacht haben, wie wir auch mit Negativem umgehen können.

Wie lässt sich Unglück vermeiden?

Putzke: Aus meiner Sicht geht es vielmehr darum, zu überlegen, ob Glück und Unglück nicht eine Polarität des Lebens abbilden und das eine nicht ohne das andere zu haben ist.

Gibt es Tricks und Tipps für den Alltag, um glücklicher zu sein?

Putzke: Es gibt vielleicht einige Grundvoraussetzungen, um im Alltag Glück erleben zu können. Zum Beispiel offen zu sein für Neues, sich immer wieder zu vergewissern, dass wir trotz allem in einem sehr privilegierten Land leben und dass dies nichts als Zufall ist, dass es so ist.

Was halten Sie von Glücksbringern?

Putzke: Wenn sie denn glücklich machen, warum nicht. Es gibt in der kindlichen Entwicklung eine Phase, die durch ein magisches Denken charakterisiert ist, das heißt, dass die Dinge, die wir uns vorstellen, auch Wirklichkeit werden können. Insofern ist in einem Glücksbringer ein Teil unserer Kindheit aufgehoben.

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