Traditionsgaststätte

Das »Deutsche Haus« retten

Ruhestand, endlich! Das Ehepaar Jäckel hat sich schon gefreut. Dann kam die Hiobsbotschaft: 250 000 Euro müssen investiert werden, um das »Deutsches Haus« in Bad Nauheim zu retten.
24. Februar 2017, 14:00 Uhr
Die Sanierung des »Deutschen Hauses« soll möglichst bald beginnen, die zerfressenen Eichenbalken werden bereits von Behelfsstützen flankiert. (Fotos: bk)

Eine richtig urige Kneipe – wo gibt es die heute noch? In Bad Nauheim, an der Ecke Hauptstraße/Mittelstraße. Das Gebäude, das als »Deutsches Haus« bekannt ist, wurde um das Jahr 1650 errichtet. Zusammen mit der »Krone« ist es die älteste Gaststätte der Kurstadt. Seit 1981 zapfen Ruth und Dieter Jäckel Bier, schenken den eigenen Apfelwein aus, bereiten in der Küche preisgünstige Mahlzeiten zu. In diesem Jahr wollte das Ehepaar, das 1996 Eigentümer der Immobilie wurde und auch dort wohnt, in den Ruhestand gehen – er wird bald 73, sie 70 Jahre alt. Der Fortbestand der Kneipentradition schien gesichert, denn Sohn Andreas arbeitet seit einiger Zeit mit.

Schon aus diesem Grund haben die Jäckels regelmäßig investiert. »Die Küche wurde neu gemacht, die Toiletten, außerdem Heizung und Fußböden«, zählt Ruth Jäckel auf. Ihr Mann erwähnt die speziellen Fenster des denkmalgeschützten Gebäudes, die allein 10 000 Euro gekostet haben. »Alles, was wir verdient haben, wurde ins Haus gesteckt«, sagt der Gastwirt. Im Herbst gab er einen neuen Außenputz in Auftrag. Als der Handwerker unter die alte Schicht blickte, entdeckte er an den Hauswänden in Richtung Mittelstraße und Hauptstraße etliche morsche Eichenbalken. Schon vor Jahrzehnten muss dort Feuchtigkeit eingedrungen sein. »Wir müssen es instand setzen lassen, sonst fällt alles zusammen«, betont Ruth Jäckel.

Der auf denkmalgeschützte Gebäude spezialisierte Architekt Gustav Jung – selbst Stammgast im »Deutschen Haus« – hat die Aufträge ausgeschrieben. Läuft alles nach Plan, werden die beiden Wände zwischen März und Oktober neu aufgebaut, wobei man die Steine zwischen den tragenden Balken durch eine Fachwerkfüllung ersetzt. Von außen und innen muss abgestützt werden, damit das Gebäude nicht zusammenbricht. In der Gaststube mit ihren 50 Plätzen werden Behelfswände aus Spanplatten aufgestellt, um nicht schließen zu müssen. »Bei gutem Wetter wollen wir den Biergarten möglichst früh öffnen«, sagt die Wirtin.

Die Ankündigung des Architekten, am Ende entstehe eines der schönsten Häuser Bad Nauheims, ist für die Jäckels ein schwacher Trost. »Wir wollten bald an unseren Sohn Andreas übergeben, doch diese Pläne sind jetzt dahin«, seufzt Ruth Jäckel. Die Mammutinvestition muss mit Krediten finanziert werden, den Nachfolger einen solchen Schuldenberg allein abtragen zu lassen, kommt für das Paar nicht infrage – obwohl Dieter Jäckels Gesundheit angeschlagen ist. 250 000 Euro müssen mindestens bereitgestellt werden, die Eigentümer hoffen auf 50 000 Euro aus Denkmalschutz-Fördertöpfen.

Während die Wirtsfamilie um ihre wirtschaftliche Existenz bangt, fürchten viele Gäste um ihre Stammkneipe. »Das ›Deutsche Haus‹ ist für mich zu einem Stück Heimat geworden«, sagt Manfred Wöll aus Rödgen. In der urigen Kneipe finde jeder Anschluss, komme sofort ins Gespräch. Wöll erinnert sich gut an seinen ersten Besuch, als er sich zum »harten Kern« setzte und empfangen wurde, als ob er schon immer dazu gehört hätte. Seit acht Jahren nimmt der Rödgener regelmäßig am KVM-Stammtisch Platz, das Kürzel steht für Klaus (Niemeyer), Volker (Lage) und Manfred (Wöll). Seit 14 Tagen beschäftigen sich die Rentner ernsthaft mit der Frage, wie Stammgäste einen Beitrag zum Erhalt »ihrer« Kneipe leisten können. Zunächst wurde über eine Spendenaktion nachgedacht, jetzt möchte »KVM« eine Art Benefizveranstaltungen organisieren. Erste Ideen sind ein »Lügenmax«-Turnier, ein »Marineabend« mit Shanty-Chor (die Marinekameradschaft hat einen Stammtisch) oder der Auftritt von Künstlern aus Bad Nauheim.

Manfred Wöll wird eifrig die Werbetrommel rühren, hat den HR und Radio FFH angeschrieben. »Wir wollen ein halbes Jahr lang richtig aktiv sein. Es wäre doch gelacht, wenn wir nicht ein paar Tausend Euro zusammenbekämen.« Auch seine beiden Mitstreiter aus Schwalheim spüren förmlich, dass dringend gehandelt werden muss. »Wenn ich am Stammtisch auf der Bank sitze, zieht es von hinten durch die Wand«, beschreibt Klaus Niemeyer den Ernst der Lage.

Das KVM-Trio wird mit seinem Engagement mit Sicherheit nicht allein bleiben. Andere Stammgäste denken ebenfalls über Aktionen nach, etwa die Einrichtung eines Spendenkontos. Auch für sie ist die Kneipe ein unverzichtbarer Bestandteil der Bad Nauheimer Altstadt.

Wer für den Erhalt des »Deutschen Hauses« aktiv werden möchte, kann sich mit Manfred Wöll in Verbindung setzen: Telefon 0 60 32/3 21 63, E-Mail Mwoell42@gmx.de.

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