Zeitzeuge des Schrecklichen

10. November 2017, 20:32 Uhr
Andrei Dorobantu

Zum Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November hat Andrei Dorobantu, Überlebender des Holocaust, vor Schülern im Friedberger Kreishaus gesprochen. Kreis-Sozialdezernentin Stephanie Becker-Bösch eröffnete die Veranstaltung, zu der neben Schülern der Singbergschule Wölfersheim und der Gesamtschule Konradsdorf auch Auszubildende der Kreisverwaltung in den Plenarsaal kamen.

Becker-Bösch erinnerte an die historischen Umstände der Pogromnacht, in der die Nationalsozialisten den Mob mit mörderischer Offenheit aufgefordert hätten, Pogrome zu begehen. Innerhalb von fünf Jahren habe eine Regierung systematisch gegen Minderheiten gehetzt, sie diskriminiert und Gehirnwäsche an einer ganzen Generation betrieben. Schändlich niedrig sei die Zahl derer gewesen, die aktiven Widerstand geleistet hätten.

Auch heute gebe es wieder Politiker, die offen mit rassistischen und diskriminierenden Parolen für sich Werbung machten. »Wer gegen Fremde agitiert, weil sie nicht unsere Religion, nicht unsere Hautfarbe haben, die Menschen geringer achten, weil sie nicht unsere Sprache sprechen, dem darf man nicht das Feld überlassen.«

Auf Initiative des Freundeskreises der Auschwitzer und ihres Vorsitzenden Uwe Hartwig konnte Andrei Dorobantu für eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art gewonnen werden. Dorobantu, Jahrgang 1933, wurde in Oradea, einer Stadt im Norden Siebenbürgens, geboren. Die Judenverfolgung begann spätestens im März 1944 als Ungarn von deutschen Truppen besetzt wurde, obwohl es genauso wie Rumänien Bündnispartner der Nazis war. Anfang April 1944 wurde der Davidstern für Juden Pflicht. Es begannen Enteignungen und Drangsalierungen. Juden durften nur noch zwischen 9 und 10 Uhr ihre Wohnung verlassen. Das war das Signal für Dorobantus Eltern, den elfjährigen Sohn zur Tante der katholischen Mutter zu bringen. Die lebte am Rande der Stadt mit wenigen Nachbarn. Der Ehemann tauchte an anderer Stelle unter. Andreis’ Mutter blieb als Katholikin weitgehend unbehelligt. Kurz darauf begann im Rahmen der »Ungarnaktion« die Deportation der Juden aus der Stadt, die seit 1940 Ungarn zugeschlagen war. Von den 29 000 Juden in Oradea wurden 19 000 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Tausende waren zuvor schon von der Armee zwangsrekrutiert worden, einige konnten rechtzeitig nach Rumänien fliehen. Von den 19 000 Deportierten kamen nur wenige zurück. 5000 Kinder waren unter den Deportierten, nur eines überlebte den Massenmord der Nazis. Auch die Großeltern von Andrei Dorobantu wurden in Auschwitz ermordet.

Dorobantu hat sich dennoch seine positive Grundhaltung bewahrt: »Ich bin optimistisch und glaube an das Gute im Menschen. Ich fordere Achtung und Respekt, gerade Ihnen kommt eine wichtige Rolle zu beim Aufbau einer friedlichen Welt«, sagte er an die jungen Zuhörer gewandt.

Dem Vortrag folgte eine Fragestunde, in der es darum ging, warum Rechtsextreme und Populisten so viel Einfluss gewinnen. Die Debatte über den Holocaust hält Dorobantu für außerordentlich wichtig. »Es ist notwendig, darüber zu sprechen, weil die Menschen wissen sollen, was geschehen ist, damit sich so etwas nicht wiederholt.« (Foto: prw)

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