Notfallseelsorge

Notfallseelsorge: In der schlimmsten Zeit für andere da sein

Der Unfall mit drei toten Teenagern, der Suizid eines jungen Mannes. Es sind Fälle wie diese, die das Team der Notfallseelsorge Wetterau bewegen – und manchmal an ihre Grenzen bringen.
12. Januar 2018, 14:00 Uhr
Es können Einsätze wie dieser sein, bei denen das Team der Notfallseelsorge Wetterau gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften ausrückt: ein Unfall auf der Autobahn 5. (Archivfoto: einsatzfotos.tv/Sajak) (Foto: Sven-Sebastian Sajak)

Stefan Frey, Pfarrer der Gemeinde Weckesheim/Beienheim, sitzt in seinem Büro und denkt nach. Dann erzählt er: »Der Einsatz mit den drei toten jungen Erwachsenen bei Butzbach im Oktober war hochdramatisch. So etwas geht mir selbst besonders nah, weil es das Alter meiner Kinder ist. Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist am Grab seiner eigenen Kinder zu stehen.« Der evangelische Pfarrer ist gemeinsam mit dem katholischen Gemeindereferenten Gregor Rettinghaus Leiter der Notfallseelsorge Wetterau. An 365 Tagen im Jahr sind die beiden und ihr Team im Wetteraukreis im Einsatz.

Pfarrer Stefan Frey ist seit April 2015 Leiter der Notfallseelsorge Wetterau. (Foto: phk)
Pfarrer Stefan Frey ist seit April 2015 Leiter der Notfallseelsorge Wetterau. (Foto: phk)

Seit knapp 20 Jahren sind die beiden Kirchen Träger der Notfallseelsorge. Sie sind da, wenn Menschen den Halt verlieren, weil sie bei einem Unfall einen Angehörigen verloren haben oder wenn Menschen sich das Leben nehmen wollen. Zwischen 100 und 120 Einsätze haben die Helfer jedes Jahr. Sie werden über Funk von der Leitstelle alarmiert, der Einsatzleiter vor Ort entscheidet dann, wann und wie viele Seelsorger er gebrauchen kann. »Wir sind ein vollwertiges Mitglied der Rettungskette und haben ein hohes Ansehen. Der Kreis sagt, dass er niemanden anderen als uns in der Notfallseelsorge will. Das liegt an der guten Zusammenarbeit und daran, dass wir ein verlässlicher Partner sind«, erklärt Frey nicht ohne Stolz. »Es hat noch keinen Einsatz gegeben, bei dem wir nicht zur Verfügung standen.«

 

 

»Seelsorge ist die ureigenste Aufgabe der Kirche«

 

Das bedeutet für ihn und das Dutzend ehrenamtlicher Mitarbeiter aber auch: Jeder muss pro Monat mindestens 48 Stunden Dienst leisten. »Wir versuchen es so zu machen, dass es in das Leben der Ehrenamtlichen hineinpasst, aber Notfallseelsorge ist einfach nicht planbar«, sagt Frey. »Manchmal leidet die Arbeit in der Gemeinde, aber Seelsorge ist eben die ureigenste Aufgabe der Kirche. Hier müssen wir Flagge zeigen.«

Dies hat seinen Preis: Die Fälle können es in sich haben. Ein Fall, der Frey im vergangenen Jahr besonders naheging, war der Suizid eines jungen Mannes. Er betreute den Finder der Leiche und war dabei, als die Polizei die Todesnachricht überbrachte, die alleinerziehende Mutter vor Trauer schrie, mit einem Aschenbecher um sich warf und auch Frey selbst verbal attackierte. »Ich musste mir klarmachen: Hier bin ich Stellvertreter, dies richtet sich nicht gegen mich persönlich.« Frey blieb, denn das oberste Ziel ist es, die Menschen stabil zurückzulassen. »Die Polizei geht nach dem Überbringen der Nachricht. Wir bleiben.« Es gehe darum, den Menschen ein wenig Alltag zu geben, Angehörige zu verständigen, die sich anschließend kümmern.

 

 

80 Stunden Ausbildung, Praktika und zwei Jahre Hospitanz

 

Damit das gelingt, benötigen Notfallseelsorger eine 80-stündige Grundausbildung, Praktika bei Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst sowie eine zweijährige Hospitationszeit bei einem ausgebildeten Notfallseelsorger. Um Ausbildung und später Einsätze zu meistern, brauche es Sprach- und Sozialkompetenz – und Praxis. »Nur die Praxis gibt einem Sicherheit. Wir können die Situationen nicht ändern, aber wir halten sie mit aus und versuchen, den Betroffenen eine Struktur zu geben. Wir gehen nicht eher, bevor wir sicherstellen, dass der Mensch versorgt ist«, erklärt Frey. Dieses Angebot nähmen die meisten Betroffenen gerne an. Hier sei Empathie, Authentizität und Mitgefühl gefragt, aber auch Stärke. »Es gibt Situationen, in denen ich mitweine, aber ich muss trotzdem der Seelsorger bleiben – der, den die Menschen brauchen, und nicht umgekehrt.«

Diese Aufgabe sei nicht immer einfach, doch Frey könne sich auf eines immer verlassen: seinen Glauben. »Es ist nicht so, dass ich manchmal nicht auch meine Zweifel habe, aber die gehören dazu. Nur wenn man durch Zweifel geht, kann der Glaube einen in schwierigen Situationen tragen. Ich stehe fest in ihm, und dafür bin ich dankbar«, sagt der Pfarrer. »Das heißt nicht, dass ich das Kreuz im Einsatz vor mir hertrage, denn manchmal fällt im Einsatz kein Wort über Gott, aber ich glaube, dass die Menschen merken, wenn ihr Gegenüber Menschlichkeit zeigt und in seinem Glauben verankert ist.«

Info

Stichwort: Notfallseelsorge Wetterau

Zurzeit arbeiten 15 Seelsorger in der Notfallseelsorge Wetterau und stehen Angehörigen und Einsatzkräften nach Unfällen, Bränden 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr zur Verfügung, besonders nach erfolgloser Wiederbelebung, bei plötzlichem Kindstod, bei der Überbringung von Todesnachrichten sowie Betroffenen bei der Androhung von Suizid. Die Notfallseelsorge Wetterau mit Sitz in Ober-Mörlen, ein Zusammenschluss der evangelischen und katholischen Kirche, feiert am ersten Maiwochenende 2018 ihr 20-jähriges Bestehen. Die Helfer freuen sich über Spenden für ihre Einsatzausrüstung wie Jacken, Smartphones und Funkgeräte. Gespendet werden kann an folgendes Konto bei der Sparkasse Oberhessen: IBAN: DE 4651 8500 7900 4000 3886, BIC: HELADEF1FRI.

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