Friedberg

Rauswurf bei der Sekte: »Schreiben Sie bitte nicht mit«

20. Juni 2014, 12:08 Uhr
Der angebliche Wunderheiler Bruno Gröning (1906-1959).

Ich hatte mich drei Tage vorher angemeldet, wollte wissen, was es mit dem Bruno-Gröning-Freundeskreis und der »Heilstrom« genannten »kosmischen Energie« auf sich hat, durch den bereits »Tausende von Menschen gesund geworden« seien. »Schreiben Sie bitte nicht mit«, sagt Frau Dujmovic, eine elegant gekleidete Dame mit leiser, aber eindringlicher Stimme. Diskussion zwecklos, ich verlasse den kleinen Saal im Domizil des DRK-Kreisverbandes Friedberg, und ich bin nicht der einzige.

Bruno Gröning (1906-1959) trat 1948 erstmals als Wunderheiler in Erscheinung. »Göttliche Kräfte« wurden ihm nachgesagt. Angefeuert durch Sensationsberichte in den Medien zog der Mann mit dem riesigen Kropf tausende Menschen in seinen Bann, die sich Heilung von ihren Leiden versprachen. Bei den Versammlungen wurden Stanniolkugeln verteilt, die Haare, Blutstropfen oder Fußnägel von Gröning enthalten und zur besseren Übertragung des »Heilstroms« dienen sollten.

Eier legende Wollmilchsau

Der Freundeskreis behauptet, es gebe »Heilungen von organischen Leiden wie z. B. Osteoporose, Arthrose, Krebs, Herzerkrankungen, MS, aber auch von Depressionen sowie von psychischen und körperlichen Suchterkrankungen«. Bruno Gröning, die Eier legende Wollmilchsau unter den Heilpraktikern. Da Gröning keine Zulassung für diesen Beruf hatte und da ihm die fahrlässige Tötung eines 17-jährigen lungenkranken Mädchens zur Last gelegt wurde, verurteilte ihn das Landgericht München 1958 zu einer Bewährungsstrafe mit Geldauflage. Zur Revisionsverhandlung kam es nicht mehr. Gröning, laut Freundeskreis der »bedeutendste Heiler Deutschlands«, starb vorher an Krebs.

Im Saal »Roter Kristall« des DRK-Stützpunktes in der Homburger Landstraße stehen mehrere Reihen Stühle, vier Frauen und drei Männer haben in den ersten beiden Reihen vor einer Art Altar Platz genommen: ein Tisch mit weißem Tuch, links und rechts einer Efeu-Topfpflanze liegen Bücher und Broschüren, darüber, auf einem Podest in der Mitte, ein großes Porträt von Gröning. Als kurz vor 19 Uhr der letzte Zuhörer den Raum betritt und sich in die dritte Reihe setzt, bittet ihn die Referentin, er solle in der Reihe davor Platz nehmen. »Dann muss ich nicht so laut sprechen«, sagt Frau Dujmovic. Der Mann ist irritiert, lehnt das aber ab. »Wegen 30 Zentimetern? Ich bleibe hier sitzen.« Und dies in recht legerer Haltung, während die übrigen Zuhörer kerzengerade auf ihren Stühlen sitzen, Arme und Beine 90 Grad angewinkelt, die Handflächen gen Himmel gewendet und so geöffnet, dass im nächsten Augenblick jener ominöse »Heilstrom« in sie fahren kann.

Pünktlich um 19 Uhr erhebt sich Frau Dujmovic, tritt vor mich und gibt mir zu verstehen, ich solle Stift und Schreibblock weglegen. »Sie sollen das, was Sie hier erleben, auf sich wirken lassen. Danach dürfen Sie schreiben.« Auf meine Erwiderung, dies sei mein Handwerkszeug, das würde ich nicht weglegen und ich wolle mir meine eigenen Gedanken über das Erlebte machen und notieren, wird mir nahe gelegt, den Raum zu verlassen. »Aber bei Scientology sind wir hier nicht?«, ruft der Mann aus der dritten Reihe, schüttelt den Kopf und geht ebenfalls.

Kritik unerwünscht

Sektenexperten warnen vor der Gruppe, die offiziell »Kreis für geistige Lebenshilfe e. V.« heißt. Empfänglich seien vor allem erkrankte Menschen, die mit der von der Schulmedizin gestellten Diagnose nicht zurecht kommen und in der obskuren Heillehre einen Rettungsanker sehen. Kurt-Helmut Eimuth von der Sekten-Information und Selbsthilfe »Sinus« in Frankfurt sieht ein »völlig unbiblisches Verständnis von Krankheit als Frucht negativer Gedanken«. Dies löse massive Schuldgefühle bei den Betroffenen aus, heißt es auf einer Internetseite. Eine kritische Auseinandersetzung habe in den Gruppen keinen Platz, denn: »Über die Wahrheit braucht man nicht zu diskutieren«, wird die 2007 verstorbene Gründerin des Freundeskreises, Grete Häusler, zitiert. Angezweifelt werden auch die »wissenschaftlichen Untersuchungen« der »Heilungen«. Die Enquete-Kommission »Sekten und Psychogruppen« des Deutschen Bundestages warnte 1998 vor dem Bruno-Gröning-Freundeskreis.

Der DRK-Kreisverband hat keine Probleme damit, der Gruppe Räume zu vermieten. »Die mögen seltsame Ansichten haben, das ist aber nichts, was verboten ist oder gegen Gesetze verstößt«, sagt Pressesprecher Norbert Gerlach. »Wir können nicht bei jeder Gruppe, der wir Räume vermieten, die ethischen Ansichten hinterfragen.« (Foto: pv)

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