Die Betonung liegt auf »Bildung«

06. Juni 2014, 16:08 Uhr
Auch der Landrat und sein Stellvertreter schauten am Tag der offenen Tür bei Andreas Balser (2. v. r.) und dessen Mitstreitern vorbei. (Foto: pv)

Seit ein paar Tagen »firmiert« die Antifaschistische Bildungsinitiative Wetterau (Antifa-BI) in einem kleinen Eckgebäude gegenüber dem City-Parkhaus in der Friedberger Innenstadt. Hervorgegangen ist der Verein 2006 aus der Initiative »Aufmucken gegen Rechts«. Damals habe es in der Region viele rechtsextremistisch motivierte Übergriffe gegeben, erzählt der Vorsitzende Andreas Balser im Gespräch mit der Wetterauer Zeitung, in dem auch der Name des ehemaligen NPD-Landeschefs Marcel Wöll fällt. Anfang 2005 war Wöll Mitbesitzer eines Wohnhauses in Hoch-Weisel geworden, in dem fortan konspirative Treffen der neonazistischen Szene stattfanden. Aus dem Friedberger Szenelokal Pavillon (heute Orania) heraus habe sich daraufhin ein linker Widerstand formiert, der schließlich zur Vereinsgründung führte. Denn ohne eine Rechtsform, erklärt Balser, seien die Möglichkeiten gesellschaftlichen Engagements sehr beschränkt.

Mit Blick auf Wölfersheim könnte man meinen, dass der Rechtsextremismus in hiesigen Gefilden auf dem Rückmarsch ist. Besetzte die NPD in der dortigen Stadtverordnetenversammlung 2001 noch vier Sitze, was 12,1 Prozent der Wählerstimmen entsprach, so hat sich ihr Einfluss inzwischen auf zwei Sitze reduziert. Auch im Kreistag ist sie zuletzt von drei Sitzen auf zwei geschrumpft. Das Ergebnis der vorigen Landtagswahl zeigt indes an, dass rechtsextremes Gedankengut in der Wetterau um sich greift, entfielen 2013 auf die NPD doch 33 433 Zweitstimmen gegenüber rund 22 172 im Jahr 2009. Und ihr bestes Wahlergebnis verbuchte die NPD mit ihrem Wahlkampf gegen Migranten und Roma im Wahlkreis Wetterau II (1485 Zweitstimmen/2,9 Prozent), in dem auch Altenstadt liegt, Wohnort von Daniel Knebel, dem offiziellen Landesvorsitzenden, und Stefan Jagsch, der laut Insidern derzeit so etwas wie der kommissarische Vorsitzende der NPD in Hessen ist. Im benachbarten Büdingen lebt Daniel Lachmann, der derzeitige Landesgeschäftsführer. Der starke Zulauf versetzte die Partei in die Lage, sich die Wahlwerbekosten erstatten zu lassen. Zum Ärger der meisten Steuerzahler.

Angesichts der rechtsextremistischen Umtriebigkeit in der Region hat die Antifa-BI viel zu tun. Und der Umfang des vereinseigenen Pressearchivs zeigt an, dass seit ihrer Gründung viel passiert ist. Mehr als ein halbes Dutzend prall gefüllte Leitz-Ordner enthalten Artikel der hiesigen wie der überregionalen Presse über neonazistische Vorgänge in Hessen und Deutschland wie auch über die Aktivitäten des linken Widerstands. Dazu zählen neben der Veranstaltung oder Beteiligung an Demonstrationen und Infoständen vor allem Vorträge, Seminare, Podiumsdiskussionen, Workshops und Kulturveranstaltungen. Auch das Kapitel des als »Schlitzer« bekannt gewordenen Patrick W. ist im Archiv dokumentiert, gegen dessen Aktivitäten sich die Antifa-BI mit anderen aufgelehnt hatte. »Ohne sie [die BI, Anm. der Redaktion] gäbe es weiterhin Gaskammerpartys, Neonazis-Treffen und einen ›Schlitzer‹in der Wiesengasse«, lobten nach W. s Verurteilung die Polizei und das Ordnungsamt Echzell. Trotz dieses Erfolgs sind sich Balser und dessen Mitstreiter bewusst, dass sie gegen die bestehenden Strukturen der Rechten nur wenig ausrichten können. Daher verfolgen sie vor allem einen präventiven, doch umso nachhaltigeren Ansatz.

Präventionsarbeit im Fokus

Besonders erfolgreich sei im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit hiesigen Schulen verlaufen. Vor allem Schülern der neunten und zehnten Jahrgangsstufe habe man die Undercover-Reportage »Blut muss fließen« vorgeführt und darüber diskutiert. Der Film basiert auf einer neunjährigen verdeckten Filmrecherche des Journalisten Thomas Kuban auf Nazi-Konzerten, die die extreme Gewaltbereitschaft und wiederholte Volksverhetzung dokumentiert. Dergestalt versucht die Bildungsinitiative den Rechten das Wasser abzugraben, etwa wenn diese mit Flyern und CDs auf den Schulhöfen im Landkreis für sich werben. Gerade im ländlichen Raum gebe es ein erhöhtes Gefährdungspotenzial, sagt Balser. Auch weil die etablierten politischen Parteien für die allermeisten Jugendlichen uninteressant seien, sei der Bedarf an überparteilichen Angeboten politischer Bildung hoch.

Obwohl Faschismus ein Themenschwerpunkt des Vereins ist, richtet er sich programmatisch gegen jede Spielart »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit«, die sich eben nicht nur an den Rändern, sondern auch in der geselleschaftlichen Mitte findet. Für die Überparteilichkeit der Wetterauer Antifa-BI, die gerne ihr Attribut »Bildungsinitiative« unterstreicht, stehen rund 130 Kooperationspartner, zu denen unter anderem Schulen, Vereine, Religionsgemeinschaften und politische Parteien zählen. Dabei gehören nicht nur die Linken, die SPD und die Grünen zu den Mitgliedern, sondern auch Vertreter von CDU und FDP.

War die Antifa-BI einst ein Häuflein von 20 Personen, so ist ihre Mitgliederzahl inzwischen auf 200 angestiegen. Die Beiträge sowie Spenden und Einnahmen aus Aktionen und Veranstaltungen erlauben es dem Verein, seit Kurzem eine eigene Geschäftsstelle zu betreiben – bislang hatte man eine Bürogemeinschaft mit den Linken unterhalten. Die rund 50 Quadratmeter großen Räumlichkeiten in der Schulstraße 15 dienen nun als Büro und besonders als Gemeinschaftsraum. An den Wänden hängen alte Veranstaltungsplakate, auf dem Bücherregal findet sich eine Urkunde, mit der die BI 2008 von der Wetterauer SPD für ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet worden war. Bei den Büchern handelt es sich um Fachliteratur zu Themen wie Rechtsextremismus, Holocaust oder Didaktik. Ergänzt wird das Angebot durch eine kleine Mediathek.

Etabliert und anerkannt

Balser hofft, dass sich der Raum zu einem Kulturzentrum entwickelt, in dem beispielsweise Lesungen, Filmvorführungen oder kleine Konzerte stattfinden. Ebenfalls für denkbar hält er, dass Schüler die Geschäftsstelle nutzen, um Referate vorzubereiten. Der Verlauf der Tage der offenen Tür am vergangenen Wochenende stimmt ihn zuversichtlich. Einerseits, weil die Veranstaltung mit jeweils 50 bis 60 Leuten pro Tag gut besucht gewesen sei. Andererseits, weil das vielschichtige Publikum mit seiner gemischten Altersstruktur bestätigt habe, dass sich die Antifa-BI in der Wetterau etabliert habe, mithin die Aufklärung, die sie leistet, von allen gesellschaftlich relevanten Akteuren anerkannt und geschätzt werde. Die rechten Strukturen in der Wetterau oder auch der vorübergehende Auftrieb, den Neonazis vergangenes Jahr im Lumdatal erfuhren, zeigen, dass diese Arbeit nötig ist.

Mehr Infos auf www.antifabi.de und auf der entsprechenden Facebook-Seite.

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