Gedenken mit Poetry Slam: Mutig neue Wege gehen

28. Januar 2014, 18:48 Uhr
Poetry Slammer Andreas Arnold präsentiert Mounir Jaber, Sebastian Barwinek, Benedict Hegemann, Dominik Rinkhart, Lena Noske, Tamasgol Sabbagh und Diana Tedros (von links). (Foto: ihm)

»Ich schreibe gesellschaftskritische Lyrik oder Lyrik fürs Leben. Ich hoffe, dass die Leute durch die Kunst etwas mitnehmen können.«

An der Tür zum Saal begrüßen Andreas Balser (Antifa BI) und Stadtjugendpfleger Lukas Hölzinger die Gäste der gemeinsamen Veranstaltung von Antifa BI, »Junity« und Poetry Slammer Andreas Arnold. »Wir stellen zum dritten Mal eine Gedenkveranstaltung auf die Beine«, erläutert Hölzinger. »Wir fragten uns: ›Was können wir machen?» Es gibt Jugendliche, die Interesse und einen Bezug zur Thematik haben, die es aber wenig anspricht, Gedenkveranstaltungen mit Politikern, Redebeiträgen und Kranzniederlegungen zu besuchen. Deshalb wollten wir mal mutig neue Wege gehen.«

Arnold, der gekonnt durch den Abend führt, hatte sofort Ja gesagt, als man ihn fragte, ob er teilnehmen will. »Es ist aber auch eine Riesenverantwortung«, bekennt er. Normalerweise gehe es bei seinen Veranstaltungen flapsig und humorvoll zu. Würden die Gräuel des Holocaust, dessen Schrecken durch die nackten Zahlen in den Geschichtsbüchern kaum greifbar seien, in lyrischen Texten aufgearbeitet, sei das aber sehr berührend. Zwischen den Beiträgen der jungen Poeten liest Arnold Gedichte vor, unter anderem »Bleibtreu« von Mascha Kaleko, die in die USA emigrierte und noch Jahrzehnte später Heimweh nach der Bleibtreustraße in Berlin hatte.

Jakob Kielgaß ist als erster an der Reihe, er liest »Nie«, einen stimmungsvollen wütenden Text, in dem es um Rassismus geht. Diana Tedros (16) aus Friedberg gibt den nachdenklich machenden Tagebucheintrag einer dunkelhäutigen Jugendlichen wieder, die wegen ihrer Hautfarbe beschimpft wird und im vollen Bus allein sitzt. Das, obwohl Begriffe wie Toleranz und Respekt überall an erster Stelle stünden. Der Journalist Dominik Rinkhart aus Karben erzählt, er habe sich bei der Vorbereitung zunächst gefragt, wie er als 21-Jähriger plötzlich auf »superklug und lebensweise« machen soll. Dann las er Leserbriefe in der Zeitung zum Thema »Armutseinwanderung«, was ihn zu dem pointierten Beitrag »Dumm ist, wer Dummes spricht« inspirierte.

»Stilles Gedenken falscher Weg«

Lena Noske aus Friedberg richtet in ihrem Poem ergreifende Worte an eine Frau namens Sulamith, die in Paul Celans »Todesfuge« eine Rolle spielt, Mounir Jaber (Wiesbaden) ruft mit großer Bühnenpräsenz dazu auf, die Gedanken zu ändern, um die Welt zu verändern. Tamasgol Sabbagh (21) appelliert eindringlich, sich immer wieder die Geschichte in Erinnerung zu rufen, damit sie sich nicht wiederhole. Den Schlusspunkt setzt eindrucksvoll Benedict Hegemann. Stilles Gedenken hält er für den falschen Weg, da es das Handeln blockiere und zur irrigen Annahme führe, damit sei alles getan.

Mit schöner Gitarrenmusik und anrührendem Gesang umrahmt Sebastian Barwinek aus Büdingen die Gedichte, am Ende wählt das Publikum seinen Favoriten-Beitrag. Die meisten Stimmen fallen auf Tamasgols Gedicht.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist für junge Leute auch heutzutage ein Thema, wie die 16-jährige Diana im Gespräch mit der WZ schildert: »Ich interessiere mich dafür, habe mich viel damit beschäftigt, nachdem wir es in der Schule durchgenommen haben.«

Der Siegertext von Tamasgol Sabbagh im Wortlaut:

Vermächtnis

Ich schreibe mein Vermächtnis nieder

Auf Seiten gleich leeren Träumen

auf dass mich Erinnerungen säumen

und ich an sie denke, immer wieder

so schreib» ich mein Vermächtnis nieder

die Rufe die noch nicht verhallt

schreib» ich in großen Lettern auf

hier nimmt die Wut noch ihren Lauf

es sind die Fäuste stets geballt

und alles was nach Wahrheit klingt ist ausgedacht und ohne Halt

so schreib» ich mein Vermächtnis nieder,

ich schreib» und schreibe immer wieder

Die Gassen dieser Stadt haben sich sicherlich verändert,

denn die Zeit, sie brachte Fortschritt, sodass man Wunden längst verdrängt hat

mit dem Fortschritt kam die Vorschrift alles Übel zu vergessen

und stets nach vorne sehn, nach vorne sehn

nie Bedauern beizumessen

nie Beklagen, nie bedenken

'›ich bin mir keiner Schuld bewusst,

wir leben gut hier, leben freundlich»'

doch das nur bis zum Überdruss

denn lebt sich’s nebenher meist gut

doch ist der Friede zu fragil

oft ist ein Blick doch schon genug

ein falsches Wort ist meist zu viel

denn die Stimmung ist geladen und sie ist hochexplosiv

bleibt Geschichte unverändert, sind wir wirklich so naiv?

Und vor lauter Angst, schreib ich dann weiter,

ich schreib» und schreib» als tät» es not

ich schreibe mein Vermächtnis nieder

und denke an den deutschen Tod.

Denk» an das, was ich mal las,

an Schreckensbilder in schwarzweiß,

denk» an das Leiden unter Gas

und, dass es kaum noch jemand weiß

und

ich ringe oft nach Atem und bin von Ohnmacht halb gelähmt

ich ringe oft nach Atem weil mich der Gedanke quält,

dass sich wirklich nichts verändert

und sich Geschichte wiederholt

weil die Gasse, die gebrannt hat,

nun der neue »›Feind»' bewohnt

und keiner will’s gesehen haben

und keiner denkt, dass sowas geht

wir erinnern uns nicht gern,

auch wenn es in den Büchern steht

Und deshalb schreibe ich stets weiter

ein Vermächtnis das nicht mein

ein Vermächtnis für all jene

deren Mund sich traut zu schreien,

deren Herz sich traut zu fühlen

und deren Kopf noch weiß warum,

wenn wir Geschichte mit uns führen

wird sie niemals wirklich stumm.

Und weil die, die gingen, es nicht durften

schreiben wir nun ihr Vermächtnis.

Sprecht und lernt von dem was war,

dann bleibt es immer im Gedächtnis.

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