»Die Versuchung ist keine fünf Minuten entfernt«

Friedberg (buc). Nahezu unscheinbar liegt die Salus-Klinik zur Behandlung Drogenabhängiger in der Warthfeldsiedlung Richtung Dorheim. Verstecken wollen sich jedoch weder die Klinik noch die 70 Patienten. In einer vierteiligen Serie gibt die WZ Einblicke in die Einrichtung und stellt zwei Patienten vor.
22. Februar 2010, 18:46 Uhr
Der Eingang zur Salus-Klinik. (Fotos: buc)
Der Direktor der Salus-Klinik, Michael Stehr, sitzt in seinem Büro - bei geschlossener Tür. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise steht sie immer weit offen. Geöffnet ist sie nicht nur für seine Mitarbeiter. Auch die Patienten sind willkommen. Geschlossen ist sie nur, weil Besuch da ist und Stehr über die Klinik und die Patienten erzählt. Seine Patienten sind Drogenabhängige, die nicht mehr lediglich »auf Entzug« sein, sondern mit Hilfe der Rehabilitationseinrichtung dauerhaft von ihrer Sucht befreit werden wollen. Sie nennen ihn auch »Buddha« (»wegen der Buddha-Statuen in seinem Zimmer«, erklärt eine Patientin). Manche sagen auch »Papa Schlumpf« (»Wegen der Pfeife und der Brille«, wie einer seiner Schützlinge verrät). Seit fünf Jahren ist Stehr Direktor der Klinik. Zuvor war er rund 30 Jahre in der Alkoholsucht-Rehabilitation tätig und hat zwei Drogenkliniken aufgebaut. Ihm steht ein Team aus 25 Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern zur Seite.

 

Die Friedberger Klinik gehört zur Gruppe der Salus-Kliniken. Als einzige dieser Gruppe werden hier Drogenabhängige therapiert. »Salus« heißt aus dem Latein übersetzt Wohlbefinden. Das ist auch das Motto, dem sich die Klinik verschrieben hat. Gemeinsam mit den Patienten sollen neue, konstruktive Lebensziele und die Gestaltung des Alltags frei von Drogen entwickelt werden. 2009 kamen 230 Drogenabhängige nach dem Entzug hierher. Wichtigste Voraussetzung ist, dass der Betreffende am Tag der Aufnahme körperlich »völlig entgiftet« ist. In der Regel kommen die Patienten aus einer Drogenentzugsklinik. Um den Therapieplatz muss sich der Patient selbst bewerben. Die Wartezeit nach dem Antrag beträgt aktuell rund drei Monate. Da nicht jeder Antragsteller die Therapie antritt, kann es aber schneller gehen, betont Stehr.

Stufenmodell in der Therapie

In der Therapie gehe man nach einem Stufenmodell vor, erläutert der Direktor. Die erste Stufe der »stationären Therapiephase« dauere einen Monat und bedeute: kein Verlassen des Klinikgeländes, kein Internetzugang. Besuch von außen sei jedoch unbeschränkt möglich. Das werde auch viel genutzt. Ab dem zweiten Monat dürfen Patienten in Begleitung von Patienten der dritten Stufe das Gelände verlassen. Stufe drei beginnt ab dem dritten Monat und dauert regulär drei Monate lang.

Regulär bedeutet zweierlei: Auf der einen Seite kann die Therapie bei Erfolg früher beendet werden. Auf der anderen Seite können die Patienten auch eine Verlängerung beantragen. Sie könnten sich dann - wie auch in den anderen Stufen außerhalb der Therapie- und Arbeitszeiten - frei bewegen. Auch Heimfahrten und Übernachtungen sind in der dritten Stufe erlaubt.

Größtmögliche Freiheiten

Diese größtmöglichen Freiheiten seien wichtig für den Therapieerfolg, erklärt der Diplompsychologe. Es gehe nicht darum, die Patienten möglicht weit von Quellen der Versuchung und von Konflikten fern zu halten. »Die Verführungssituation liegt am nächsten Bahnhof. Da sind sie mit dem Fahrrad in fünf Minuten. Und in zwanzig Minuten sind sie mitten in der Frankfurter Szene.« Nicht die Distanz von Drogen sei entscheidend für den Erfolg. Entscheidend sei, dass Abhängige lernten, mit der Verführung umzugehen. Denn, so Stehr, Sucht sei wie eine chronische Erkrankung.

Bei allem Freiraum: Zur Therapie gehört ein geregelter Tagesablauf. »Manche kommen direkt aus dem Gefängnis oder von der Straße hierher. Die müssen sich erst an einen Tagesablauf gewöhnen«, erklärt Anja - eine Patientin, die wir in einer späteren Folge vorstellen werden. Vor allem das frühe Aufstehen mache Drogenabhängigen schwer zu schaffen. Viele lebten zuvor mehr nachts als tagsüber. Zu jeder Mahlzeit gilt deshalb Anwesenheitspflicht. Und Pünktlichkeit. Wer sich nicht an die Regeln des Hauses hält, muss seine Koffer packen. Das klingt hart, »aber«, betont Stehr, »wir sind eine der liberalsten Einrichtungen dieser Art«.

Regelmäßiges Arbeiten

Nach dem Frühstück um 7 Uhr arbeiten alle an Wochentagen drei bis vier Stunden täglich. Die meisten Arbeiten im Haus - beispielsweise die Essenszubereitung, Gärtnertätigkeiten, Hausmeister- und Handwerkerarbeiten - werden von den Patienten selbst in die Hand genommen. An die Arbeitstherapie schließen sich Gruppen- und Einzeltherapien an. Der Rest ist Freizeit. Dieser große Leerlauf sei wichtig, unterstreicht der Direktor. »Viele unserer Patienten sind lethargisch geworden«, erläutert er. Deshalb wecke man mit vielfältigen Sport-, Kultur- und handwerklichen Angeboten Interessen. Denn viele wüssten gar nicht, welche Welt ihnen offenstehe, wenn sie nicht im Drogenrausch sind.

Andererseits wird Eigenengagement vorausgesetzt. Das Wochenende gestalten die Patienten selbst. Ein breites und ausgefeiltes Programm müssen sie über die Woche in verschiedenen Freizeitgruppen erarbeiten. Unter anderem gibt es die Kinoprogramm-Gruppe, Koch- und Backgruppen und diverse Kreativgruppen. Jeder muss an mindestens zwei Veranstaltungen teilnehmen. Besonders hoch im Beliebtheitskurs steht der Sport. Volleyball ist Sportart Nummer eins in der Klinik. Jeden Abend nach dem Abendessen findet ein Turnier statt, an dem jeder teilnehmen kann.

Sobald die »stationäre Therapiephase« beendet ist, können Patienten innerhalb der Salus-Klinik eine sogenannte Adaptionsmaßnahme wahrnehmen. Sie bekommen dann für maximal drei Monate ein kleines Einzimmerappartment mit eigenem Zugang in einem getrennten Gebäude auf dem Gelände. Dies biete sich vor allem für diejenigen an, die sich im Rhein-Main-Gebiet niederlassen wollten, sagt Stehr. Mit Ausnahme der Sitzungen mit dem betreuenden Therapeuten oder einem Sozialarbeiter lebten die Patienten völlig selbständig. Die Salus-Mitarbeiter helfen ihnen, sich sozial zu integrieren. Sinnvoll sei, so Stehr, dass die Adaptions-Teilnehmer ein Praktikum machen, Kontakte wiederbeleben und zum Beispiel Volkshochschulkurse belegen.

Beachtliche Erfolgsquote

Bleibt die Frage, ob die Therapie nicht nur von kurzfristigem, sondern dauerhaftem Erfolg gekrönt ist. Um das herauszufinden, werden die ehemaligen Patienten ein Jahr nach der Entlassung angeschrieben und anhand eines Fragebogens nach ihrer Situation befragt. Mit dem Ergebnis der letzten Jahre sei er sehr zufrieden, so Stehr. 40 Prozent der Patienten, die die Therapie erfolgreich abgeschlossen hätten, seien weiterhin frei von Drogen.

Doch nicht jeder, der in die Salus-Klinik kommt, wird auch wenige Monate später als erfolgreich therapiert entlassen. Das schafften aber immerhin sechs von zehn Patienten, sagt Stehr erfreut. Der Misserfolg der übrigen 40 Prozent der Aufgenommenen kann zwei Gründe haben. Entweder baten die Patienten - häufig mangels Eigenmotivation - um Entlassung. Oder sie wurden entlassen. Zum Abbruch gezwungen werde beispielsweise, wer nicht oder kaum an der Therapie mitarbeite, wer rückfällig werde oder sich nicht an die Regeln des Hauses halte. Aber auch die Abbrecher seien keine hoffnungslosen Fälle, unterstreicht Stehr. Die Tür der Klinik steht ihnen weiterhin offen.

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