Friedberg

Polizei-Pressesprecherin: »Es gibt keinen Maulkorb«

24. November 2015, 12:26 Uhr
Nur der Polizeihund hat einen Maulkorb: Polizei-Pressesprecherin Sylvia Frech erläutert in einem persönlichen Schreiben, warum manche Informationen der Öffentlichkeit vorenthalten werden – und andere nicht. (Foto: Nici Merz)

Im sogenannten Pressekodex sind Richtlinien festgelegt, die den Umgang bei der Berichterstattung über Straftaten im Zusammenhang mit der Nationalität vorgeben. Diese sind auch in der Medienlandschaft umstritten und werden vor allem in Zeiten von »Lügenpresse«-Intonierung intensiv diskutiert.

Dagegen gibt es bei vielen großes Verständnis dafür, dass die Presse in ihrer Berichterstattung über Suizid extrem zurückhaltend agiert. Wir berichten nur, wenn es im öffentlichen Raum geschieht und wenn viele Menschen es wahrgenommen haben. Zeitungslesern könnte bei Meldungen über Zugverspätungen der abstrakte Begriff des »Personenschadens« aufgefallen sein. Nun ja.

Diese Zurückhaltung resultiert aus dem wissenschaftlich nachgewiesenen »Werther-Effekt«, also der Tatsache, dass es Nachahmer gibt. Zuletzt deutlich messbar nach dem Suizid von Ex-Fußball-Nationalspieler Robert Enke. Sinn und Zweck der Vorgaben zu Nationalitäten von Straftätern im Presse-kodex ist ein anderer: »Die Erwähnung könnte Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren.«

Die Wetterauer Zeitung bezieht ihre Informationen über Einbrüche, Schlägereien oder Betrugsfälle häufig direkt von der Polizei. Zuständig ist dafür seit geraumer Zeit Sylvia Frech. Sie ist Pressesprecherin im Bereich der Polizeidirektion Wetterau und damit verantwortlich für die Informationen, die an die Öffentlichkeit weitergegeben werden. In einem persönlichen Beitrag äußert sie sich zur »Berichterstattung in Flüchtlingszeiten«:

Es ist ein Vorwurf, der mich als Pressesprecherin häufig erreicht. »Ihr habt doch einen Maulkorb!«, heißt es dabei gleichsam von Medienvertretern und Bürgerinnen und Bürgern. Zeit damit aufzuräumen.

Gestern Morgen kam eine Kollegin aus dem Einbruchskommissariat zu mir. Sie berichtete von der Beschwerde eines Bürgers. Er wurde vor einiger Zeit Opfer eines Einbruchs. Diebe hatten sein Haus auf den Kopf gestellt und eine größere Summe Bargeld entwendet. Nun beschwerte er sich bei der Kollegin, dass durch die Berichterstattung die ganze Nachbarschaft Kenntnis davon erlangt habe.

Schutz der Privatsphäre

Was hat das mit Flüchtlingen zu tun, fragen Sie sich? Ganz einfach. Es geht um den Schutz der Privatsphäre. Der Einbruch stand in der Zeitung, weil ich als Pressesprecherin der Polizeidirektion Wetterau in den täglichen Meldungen darüber berichtet hatte. Unter der Angabe der Straße (ohne Hausnummer), der Tatzeit und einer groben Einschätzung des entstandenen Schadens bat ich die Bevölkerung um Mitteilung verdächtiger Wahrnehmungen. Dies geschah im ureigensten Auftrag und Interesse der Polizei, Straftaten aufzuklären. Zudem geht es darum, Lesern wie Ihnen Kenntnis über die Kriminalitätslage in Ihrem örtlichen Umfeld zu verschaffen. Das hat nichts mit der Befriedigung von Neugier zu tun. Die Polizei kommt damit zugleich ihrem Präventionsauftrag nach, Bürgerinnen und Bürger mit den notwendigen Informationen zu versorgen, um sich vor Straftaten zu schützen.

Geburtsort nicht von Bedeutung

Nun sprechen wir hier von einem Delikt, das zweifelsohne eine große psychische Belastung für die Betroffenen darstellt, bei dem es in erster Linie aber um Sachwerte geht. Wenn Bürger in einem solchen Fall nicht mit der Berichterstattung einverstanden sind, was sollen dann erst Opfer von Gewaltdelikten sagen? So sind etwa Körperverletzungen zwischen Bekannten, »Saufkumpanen« oder völlig fremden Menschen Bestandteil der tagtäglichen Polizeiarbeit.

Regelmäßig greife ich in angemessener Weise einige dieser Fälle auf, um darzustellen, welche Aufgaben die Polizei wahrnimmt, die nicht im Fokus der Medienarbeit stehen. Etwas detaillierter berichte ich als Pressesprecherin von solchen Fällen, die sich in der Öffentlichkeit ereigneten. So werden Sie beispielsweise keine Details von mir lesen, wenn Eheleute sich in ihrer Wohnung gestritten oder auch geschlagen haben. Sehr wohl aber werde ich berichten, wenn dabei Gegenstände aus dem Fenster flogen und die halbe Nachbarschaft auf den Beinen war.

Die Abwägung zwischen dem Schutz der Privatsphäre und dem öffentlichen Interesse an der Berichterstattung ist vielfach ein Spagat, den ich gerne und bewusst täglich vornehme. Ob Brillenträger oder Hundebesitzer, ob Frühaufsteher oder Marathonläufer – für meine Berichterstattung ist dabei grundsätzlich nicht von Interesse, welche Eigenschaften oder äußeren Merkmale eine Person auszeichnen. Die Ausnahme besteht darin, wenn eben diese Eigenschaften und Merkmale zur Suche eines Straftäters wichtiger Bestandteil einer Meldung sind. Ebenso verhält es sich mit der Nationalität. Ob die streitenden Eheleute in Deutschland oder einem anderen Land dieser Erde geboren wurden, ist für mich für die reine Berichterstattung nicht von Bedeutung.

Wenn eine in Deutschland unter dem Asylstatus lebende Person einen Ladendiebstahl begeht, dann werde ich deren Nationalität ebenso wenig nennen wie den Diebstahl von einer Person mit deutschem Personalausweis. Und so werden Sie von mir auch keine Berichterstattung über eine Körperverletzung in einem Wohnheim finden, die keinerlei Außenwirkung hatte, ganz gleich welcher Nationalität die Streitenden angehören.

Das alles hat, wie Sie meinen Worten entnehmen, nichts damit zu tun, dass mir und meinen Kolleginnen und Kollegen ein Maulkorb verpasst wurde. Das, sehr verehrte Leserin und sehr verehrter Leser, leitet sich in meinen Augen aus dem Persönlichkeitsschutz her und spiegelt sich ebenso im Kodex des Deutschen Presserates wider.

Und noch eines darf ich Ihnen versichern. Auch wir Pressesprecher sind nur Menschen. Tatsächlich geht auch uns manchmal in der Berichterstattung etwas verloren. Sylvia Frech , Pressesprecherin

Der Pressekodex – Ziffer 12

Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden. Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten: In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

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  • Berichterstattung
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