Mit Alu-Hut gegen den Quer-Denken-Wahnsinn

02. November 2015, 18:33 Uhr
Rund 200 Demonstranten gehen gegen die Quer-Denker auf die Straße.

Das sei richtig, dass die Presse draußen bleibe, sagt ein Mann aus Aschaffenburg. Und Rechtsextreme seien auch keine da. Aber was ist mit dem Organisator Dr. Michael Vogt, der die »Abschaffung des Parteienstaates« fordert? Ist das nicht verfassungsfeindlich? »Nein«, meint ein Mann aus Dresden. »Sehe ich anders.« Zuckt mit der Schulter und geht.

+++ Zur Bildergalerie

Vor der Friedberger Stadthalle marschieren am Samstagmorgen keine paramilitärischen Einheiten auf, und es ist auch niemand mit dem Ufo angereist. Die Teilnehmer sehen auch ganz normal aus, lassen sich aber nicht in die Karten blicken. Die Quer-Denker bleiben lieber unter sich. Und nur die wenigstens von ihnen kriegen gegen halb Elf mit, dass vor der Stadthalle demonstriert wird. »Drinnen hört man davon nichts«, sagt ein Security-Mann.

Die Demonstranten sind lauter. Mit Trillerpfeifen und Punk-Musik ziehen sie vom Bahnhof zur Stadthalle. Andreas Balser von der Antifa-BI, die das »Bündnis gegen geistige Brandstiftung« initiiert hat, ist zufrieden mit dem Zuspruch. »200 Leute? Mehr haben wir nicht erwartet.« Alles ist friedlich, nur ab und zu skandiert ein schwarzes Blöckchen »Hoch! die! anti-nationale! Solidarität!« Friedberg im Ausnahmezuständchen.

Auf dem Europaplatz und vor der Stadthalle werden Reden gehalten. Als Demokrat dürfe man »nicht einfach zuschauen, wenn rechtsradikales Gedankengut nach Friedberg kommt und versucht wird, es in die Gesellschaft einzuschmuggeln«, sagt Sozialdezernent Helmut Betschel (Grüne). »Da leisten wir Widerstand.« Jan Steffen von der satirischen Partei »Die Partei« verteilt den neuesten Schrei der Esoterik-Szene: Alu-Hüte gegen »wirres Denken«. Vermutlich schützen sie auch gegen die Kondensstreifen am Himmel, die in Wirklichkeit Gift enthalten, das die Weltregierung zur Gedankenkontrolle versprüht. Ernst oder Satire? Man weiß es nicht so genau, vermutlich beides.

In der Stadthalle versammle sich ein »gefährlicher Mix aus rechtsextremer Ideologie, klassischem Rechtspopulismus und weltfremden Verschwörungstheorien«, sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl. Der Organisator verkläre Rudolf Hess als Kämpfer für den Frieden und hetze offen gegen die parlamentarische Demokratie. Nicht weniger harmlos sei, dass beim Kongress »allerlei unnützes Zeug als vermeintliche Heilbringer verkauft werden«. Andreas Balser tritt dem Vorwurf entgegen, das Bündnis übertreibe. Er verweist auf Vogts Internetseite, wo ein Video mit dem Titel »Das Merkel-Regime muss gestürzt werden!« verbreitet wird. »So reden keine Demokraten.« Die Antifa verteidigt Merkel. Das gibt es auch nicht alle Tage.

Zwischen Stadthalle und Demonstranten stehen Absperrgitter und rund 50 Polizisten. Kommen Kongressteilnehmer, buht die Menge und ruft »Kein Recht auf Nazi-Propaganda«. Ein Mann wird wild und zeigt den Demonstranten den Stinkefinger. »Ich bin doch kein Nazi. Das ist diffamierend«, schimpft er. »Sie finden da drinnen keinen Anhaltspunkt für das, was hier behauptet wird«, pflichtet ihm ein bulliger Security-Männer bei und stellt mit verschwörungstheoretisch-coolem Blick mal eben in Frage, »ob wir derzeit überhaupt in einer Demokratie leben«. Und nein, die Presse komme nicht rein.

Als der Demo-Zug vor der Stadtkirche eintrifft, beginnt ein buntes Fest mit syrischem Essen, Liedern von Brecht und Eisler und vielen Gesprächen. Der Motorradclub »Kuhle Wampe« ist dabei, die Jusos verteilen satirische Aufkleber mit der Aufschrift »Nazis nehmen uns die Arbeitsplätze weg«, während sich Pfarrerin Susanne Domnick über die vielen unterschiedlichen Gruppen freut, die gemeinsam ein Fest feiern (siehe Kasten).

Dass auch einige der Demonstranten noch Nachhilfe in Sachen Meinungsfreiheit brauchen, zeigt sich am Stand der FDP. Die Liberalen müssen sich Schimpfwörter anhören. »Es gibt hier Leute, mit denen kommen wir politisch nicht zusammen. Aber wir haben uns trotzdem gut unterhalten«, sagt der Kreistagsabgeordnete Peter Heidt. Die Fotokünstlerin Karin Günther-Toma aus Rosbach zeigt »Freundbilder«, die zum Miteinander der Kulturen aufrufen. Sie habe die Fotos nach den rechtsextremistischen Brandanschlägen in Rostock und Hoyerswerda 1992 geschossen, erzählt sie. »Die sind immer noch aktuell. Ist das nicht furchtbar?«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Demonstranten
  • FDP
  • Jungsozialisten
  • Lisa Gnadl
  • Rudolf Hess
  • Stadthallen
  • Verschwörungstheorien
  • Weltall
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 43 - 10: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.