Virus tötet Kaninchen

Echzell (sda). Nach vier Tagen waren fast alle Stallhasen von Cornelia und Siegfried Schmitz tot. Die Tiere der Züchter aus Bingenheim hatten sich mit einem Virus infiziert – eines, das zurzeit täglich im Labor der Veterinärmedizin an der Gießener Universität nachgewiesen wird.
27. Juli 2016, 14:43 Uhr
Grünfutter frisch von der Wiese schmeckt Kaninchen am besten, zurzeit sollten Tierhalter jedoch darauf verzichten, damit zu füttern: Es besteht die Gefahr einer Infektion.

An einem Freitagabend ist der erste Stallhase gestorben. Cornelia und Siegfried Schmitz dachten sich noch nichts dabei. »Es kommt immer mal wieder vor, dass schwache junge Tiere sterben«, sagt die Bingenheimerin. Doch als ihr Mann am nächsten Morgen zu den Kaninchen ging, lagen fünf weitere tot im Stall. »Das Sterben hat das ganze Wochenende über nicht aufgehört.« 38 Stallhasen sind gestorben, nur vier haben überlebt.

Nach einigen Gesprächen mit der Tierärztin und nach der Untersuchung im Labor des Instituts für Virologie der Uni Gießen stand fest, dass die Tiere der Bingenheimer Züchter mit einem Virus mit dem Namen RHDV-2 infiziert waren. Für Menschen oder andere Tiere besteht keine Gefahr, sich zu infizieren. Übertragen wird es durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren, zum Beispiel Feldhasen, oder über passiven Kontakt. Das bedeutet, dass bspw. ein Insekt, das auf einem kranken Tier saß, das Virus verschleppt. Möglich sei auch, dass das Virus durch Gras übertragen werde, mit dem ein krankes Tier Kontakt hatte. Einer Infektion vorzubeugen, ist daher nahezu unmöglich.

Die behandelnde Tierärztin rät daher zu Moskitonetzen an den Ställen. Zudem empfiehlt sie Hasenbesitzern, zurzeit kein Grünfutter von der Wiese, sondern das Heu aus dem vergangenen Jahr zu füttern. Die Tiere sollten auch nicht in der Nähe von wilden Kaninchen untergebracht werden, wie auf einer Außenfläche, die ans Feld grenzt. Wegen der passiven Übertragung bestehe auch für in der Wohnung gehaltene Kaninchen die Gefahr, infiziert zu werden.

Zurzeit werden täglich Ausbrüche des Virus im Gießener Labor nachgewiesen, sagt Dr. Matthias König vom Institut für Virologie am Fachbereich Veterinärmedizin. Die Seuche verläuft in den meisten Fällen tödlich (Sterblichkeitsrate: 90 Prozent). Nach einer Inkubationszeit von 12 bis 36 Stunden treten Symptome wie Fieber, Atemstörungen oder blutiger Nasenausfluss auf. Erkrankte Tiere sterben innerhalb von 24 bis 72 Stunden.

Manchmal sterben sie aber auch ohne Ankündigung, so sei es bei den meisten Stallhasen von Cornelia und Siegfried Schmitz gewesen: »Sie sind einfach umgefallen, einer hatte noch eine Karotte im Mund«, erzählt die Bingenheimerin. »Es ist schon heftig, du kannst nichts dagegen machen.« Denn auch die Tiere, die schnell geimpft worden seien, seien schließlich gestorben.

Was den Impfstoff angeht, handelt es sich um einen für den Vorgänger: RHDV ist bereits in den 80er Jahren zum ersten Mal aufgetreten. 2010 kam eine neue Variante auf: RHDV-2. Zahlreiche gegen RHDV geimpfte Tiere starben, und anders als vorher waren auch Jungtiere unter acht Wochen sowie Feldhasen betroffen. Ein Impfstoff gegen Infektionen mit RHDV-2 ist in Deutschland nicht zugelassen, in Frankreich schon – das habe bürokratische Gründe, wie König sagt: Denn für Impfstoffe gebe es entweder EU-weite Genehmigungen oder länderspezifische. Da der RHDV-2-Impfstoff keine EU-weite Genehmigung habe, müsse erst eine für Deutschland beantragt werden.

Wie lange das Verfahren dauert, »hängt auch mit dem Leidensdruck zusammen«. In einigen Fällen sei dennoch eine Impfung möglich, dafür müsse dann eine Sondergenehmigung bei der zuständigen obersten Landesbehörde beantragt werden.

Das Friedrich-Loeffler-Institut schlägt basierend auf einer Studie eines Impfstoffherstellers vor, mit in Deutschland zugelassenen RHDV-Impfstoffen im Abstand von drei Wochen und dann halbjährig zu schützen – zwar schütze dies nicht vor Infektionen, solle jedoch einen schweren Verlauf der Krankheit verhindern.

Das Virus: Die sogenannte Hämorrhagische Krankheit der Kaninchen (RHD) trat erstmals 1984 bei europäischen Kaninchen in China auf, als Erreger wurde 1991 ein Calcivirus identifiziert. Seither, schätzen Veteriniärmediziner, sind rund 250 Millionen Kaninchen der Seuche zum Opfer gefallen. RHDV ist über längere Zeit infektiös, in Kadavern bis zu drei Wochen. Ein Impfstoff ist seit 2011 zugelassen, Jungkaninchen werden im Alter von acht Wochen geimpft und erhalten jährlich Auffrischungen. Doch bereits 1996 trat eine Variante des Virus auf, gegen die die vorhandenen Impfstoffe keinen vollständigen Schutz bieten. Später, 2010, entdeckten Wissenschaftler eine weitere Variante, die den Namen RHDV-2 bekam, zuerst in Frankreich, später auch in Italien und auf der Iberischen Halbinsel, und die auch bei geimpften Tieren zu einer hohen Sterblichkeit führte. Seit 2013 wird RHDV-2 auch in Deutschland nachgewiesen.

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