»Klärchenweg«

Es geht ums Erinnern

Es ist nur ein schmaler Verbindungsweg in Burg-Gräfenrode. Aber der für die Straße gewählte Name »Klärchenweg« soll stets erinnern an die Holocaustüberlebende Claire Zweig aus »Roggau«.
30. Juni 2017, 14:00 Uhr
Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach, Bürgermeister Guido Rahn und Hartmut Polzer bringen das Zusatzschild am Straßenschild Klärchenweg an, das erläutert, nach wem die Straße benannt wird. (Foto: jwn)

Ü ber 40 Bürgerinnen und Bürger hatten sich in den frühen Abendstunden am Mittwoch in Burg-Gräfenrode im Neubaugebiet versammelt, um das Namensschild eines kleinen Verbindungsweges zu enthüllen. »Mit diesem Straßenschild ›Klärchenweg‹ wird heute in Burg-Gräfenrode an ein jüdisches Mädchen erinnert, das am 16. Oktober 1922 in diesem Ort geboren wurde«, leitete der Initiator der Namensgebung, Hartmut Polzer, die kleine Feier ein, zu der der Heimat- und Kulturverein Burg-Gräfenrode, die evangelische Kirche Burg-Gräfenrode und die Initiative Stolpersteine geladen hatten.

Polzer erzählte kurz die Lebensgeschichte der einstigen Mitbürgerin Klärchen Kirschberg, die 1938 im Alter von 15 Jahren von ihren Eltern nach England und damit in Sicherheit geschickt wurde. Sie überlebte den Holocaust in Deutschland, ihre Eltern aber kamen ums Leben. Erst nach dem Krieg erfuhr sie vom Schicksal ihrer Eltern und schwor daraufhin, nie wieder nach Deutschland zurückkehren zu wollen. Erst im hohen Alter änderte das Ehepaar Zweig, Klärchen Kirschberg hatte inzwischen geheiratet und lebte mit ihrem Mann Arnold Zweig in den USA, ihre Einstellung zu Deutschland und kehrte zurück in ihre alte Heimat. »Ich habe mein Burg-Gräfenrode nie vergessen«, erklärte sie 2013 anlässlich eines Besuchs in ihrem Heimatdorf.

Mit der Heimat Frieden geschlossen

Ähnlich äußerte sich dazu auch Bürgermeister Guido Rahn: »Durch den Straßennamen soll in den Menschen die Erinnerung an eine traurige Vergangenheit geweckt werden. Denn nur wer seine Vergangenheit kennt, wird die Fehler von damals nicht wiederholen.« Kaum einer in Deutschland könne sich noch vorstellen, was es heißt plötzlich aussortiert zu werden nach Religion, Hautfarbe oder Nationalität. Und weil in Deutschland seit über 70 Jahren Frieden herrsche, müsse gerade deshalb daran erinnert werden, »dass wir alles tun sollten, um diesen Zustand zu erhalten«. Rahn lobte auch den Entschluss der fast 90-Jährigen, am Ende doch Frieden mit ihrem Heimatland zu schließen und sogar als Zustifterin der Bürgerstiftung Karben beizutreten.

»Ich habe Respekt vor dieser Dame, nach so einem Schicksal noch einmal nach Karben zurückzukehren«, sagte Monika Schäfer am Rande der kleinen Feier. Sie war nur durch Zufall dazu gestoßen und deshalb neugierig auf den kleinen Film, der 2009 in Florida mithilfe der Initiative »Stolpersteine« entstanden war und in dem Klärchen Kirschberg in deutscher Sprache ihren Lebensweg schildert.

Die kleine Verbindung zwischen der neuen Hirschbacher Straße und dem Sohlweg »Klärchenweg« zu benennen sei bereits 2013 im Ortsbeirat beraten worden, wie Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach sagte. Nachdem die einzige Straße im Neubaugebiet auf Vorschlag der Freiwilligen Feuerwehr den Namen der Partnergemeinde in Österreich erhalten hatte, blieb nur der Verbindungsweg übrig. Die Idee dazu hatten Irma Mattner und Hartmut Polzer. Sie sind auch nicht traurig, dass es nur so einer kleiner Weg ist, der den Namen »Klärchenweg« erhält. Denn ihnen geht es um das Erinnern. Und das sei bei einem Fußweg vielleicht besser aufgehoben als auf einer großen Straße, in der kaum einer die Muße zum Nachdenken findet.

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