Straßenname

Erinnern an Klärchen

In Karben sind bereits viele Stolpersteine verlegt worden. Jetzt gibt es in Burg-Gräfenrode erstmals ein Straßenschild, dessen Namen an das Schicksal eines jüdischen Mädchens erinnert.
30. Mai 2017, 19:53 Uhr
Der Verbindungsweg zwischen dem neuen und dem alten Burg-Gräfenrode heißt jetzt Klärchenweg und erinnert an das jüdische Mädchen Claire Kirschberg. (Fotos: pe/pv)

Wenn ein Neubaugebiet entsteht, ist es die Aufgabe des Ortsbeirates, Straßennamen vorzuschlagen. Das war vor vier Jahren in Burg-Gräfenrode so, wo ganz in der Nähe des Kreisels am Ortseingang das Neubaugebiet »Sohlweg« entsteht. Rasch war man sich in Roggau einig, dass ein Straßenname auf die langjährige Freundschaft der örtlichen Feuerwehr zu den Kameraden im österreichischen Hirschberg hinweisen sollte. Aber ebenso schnell wurde ein Vorschlag von Hartmut Polzer, einem der Initiatoren der Aktion Stolpersteine in Karben, beschlossen. Für den kleinen Verbindungsweg zwischen dem neuen und dem schon bestehenden Teil des Ortes hatte er dem Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach im August 2013 den Namen Klärchenweg vorgeschlagen. Mittlerweile ist das Neubaugebiet weit fortgeschritten, die Straßen sind gebaut, die Namensschilder angebracht. Auch »Klärchenweg« ist schon zu sehen. Der Fuß- und Radweg soll Ende Juni in einer Veranstaltung noch einen Zusatz bekommen, der an Claire Kirschberg, Klärchen genannt, erinnert.

In der Freihofstraße in Burg-Gräfenrode erblickte Claire Kirschberg im Jahr 1922 das Licht der Welt. Sie hatte, wie sie sagt, eine sehr glückliche Kindheit. Dass sie jüdischen Glaubens war, bereitete ihr im damaligen Dorf keine Probleme. Einmal durfte sie sogar beim Krippenspiel in der evangelischen Kirche als Engel mitwirken: »Man hatte mir riesige, mit Gänsefedern beklebte Flügel umgehängt.«

Doch die Ausgrenzung von Juden nahm im Nazi-Deutschland immer mehr zu und erreichte sogar Burg-Gräfenrode. Selbst in der jüdischen Bezirksschule in Bad Nauheim habe sie nicht länger bleiben können, erinnert sich Polzer, der »Klärchen« später in den USA viermal besucht hatte. Claire Kirschberg floh deshalb im April 1939 im Alter von 16 Jahren mit einem Kindertransport nach London. Übrigens gerade noch rechtzeitig, denn dieser, von der britischen Regierung und jüdischen Gemeinden in Deutschland organisierte Fluchtweg stand ausschließlich jüdischen Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 17 Jahren offen.

Kurz zuvor hatte sie sogar noch die Ausreise für ihre Eltern erreichen können. »Das junge Mädchen hat zur damaligen Zeit und unter diesen schwierigen Bedingungen eine große Leistung vollbracht«, betont Polzer. Allerdings sei es zu der Ausreise der Eltern nicht mehr gekommen, denn der Krieg sei »immer näher gekommen«. Ein Schiff zur Ausreise hätten die Kirschbergs nicht mehr erreichen können.

In England habe sie die Landessprache schnellstmöglich erlernt, berichtete sie bei ihrem letzten Besuch in Karben im Jahr 2011. Nach Aufenthalten in Familien sei sie der Armee beigetreten und zur Krankenschwester ausgebildet worden. Erst nach Kriegsende habe sie von der Ermordung ihrer Eltern erfahren.

Aufgrund der schmerzlichen Erinnerungen sei sie lange Zeit nicht in der Lage gewesen, nach Deutschland zu kommen, sagte sie einmal. Dennoch zog es sie viel später immer wieder in ihren Heimatort Burg-Gräfenrode. Sie habe sich dort nach und nach wieder wohlgefühlt und alte Freundschaften wieder aufgenommen.

Im Februar 2009 wurden in Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Juden in Burg-Gräfenrode »Stolpersteine« verlegt, auch in der Freihofstraße, wo Familie Kirschberg wohnte. Im Rahmen dieser Verlegung bekam die Karbener Initiative Kontakt zu Klärchen Kirschberg, verheiratete Claire Zweig, besuchte sie und ihren Mann Arnold Zweig in Hollywood in Florida und dokumentierte ihr Leben in dem Film »Klärchen – Flucht in eine fremde Welt«, der inzwischen mehrmals im Karbener Kino gezeigt wurde. Es ist die Geschichte des jungen jüdischen Mädchens aus Burg-Gräfenrode, das nach Flucht nach England in London, Liverpool, Nottingham, New York und Pittsburgh immer wieder neu beginnen musste. Zusammen mit weiteren Interviews von Zeitzeugen, Weggefährten und Historikern ist eine Dokumentation über die Zeit vor und während des Nationalsozialismus in Karben entstanden, die auch das weitgehend unbekannte Thema der rettenden Kindertransporte beleuchtet. Claire Zweigs Geschichte sei auch die Geschichte von Ausgrenzung. »Und Ausgrenzung ist auch heute noch Thema«, sagt Polzer gegenüber der WZ. Deshalb sei das Straßenschild, das Ende Juni in dem offiziellen Akt noch ein Zusatzschild erhält, nicht nur Erinnerung, »sondern auch ein Zeichen für die Zukunft«.

Klärchen Kirschberg sagte bei ihrem letzten Besuch in Karben vor sechs Jahren: »Ich habe mein Burg-Gräfenrode nie vergessen«. Jetzt sorgt die Stadt dafür, dass auch künftige Generationen stets an sie erinnert werden.

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