Selzerbachschule

Jonglieren für mehr Selbstbewusstsein

Der 13-jährige Finn Schuldt aus Karben macht mit beim Circus Ubuntu. Das ist keiner unter dem Motto »Menschen, Tiere, Sensationen«, sondern ein besonderer Zirkus.
28. März 2017, 14:00 Uhr
Der 13-jährige Finn Schuldt aus Karben jongliert beim Zirkus Ubuntu. Hier begeistert er mit seinem Auftritt in seiner alten Schule, der Selzerbachschule in Klein-Karben. (Foto: pe)

Vor rund anderthalb Jahren hat für Finn Schuldt eine weite Reise begonnen. Sein Ziel: Horst in Schleswig-Holstein. Die zehn Monate zuvor hatte er zu Hause verbracht, war nicht mehr zur Schule gegangen. »Finn ist ein ADHS-Kind«, sagt seine Mutter Silvia Schuldt. Seine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung beschreibt die Mutter so: Konzentrationsschwäche, starker Bewegungsdrang, aber auch »Ausbrüche von null auf 180«.

Die Grundschule hatte der Junge noch absolviert, doch schon dort war er aufgefallen. Deswegen führte sein weiterer Weg zunächst an die Förder- und Sonderschule nach Niddatal-Assenheim. Psychologen hätten ihm aber bescheinigt, »dass er den Druck nicht aushält«, sagt seine Mutter. Das Jugendamt in Friedberg schlug den Eltern vor, ihn in den Zirkus Ubuntu zu schicken.


Schwerer Abschied

Nahe Elmshorn, im Ort Horst, gibt es seit 1995 eine spezielle Einrichtung, die pädagogische Jugendarbeit in Form eines Zirkusses betreibt. »Die Kinder wohnen in eigenen Zirkuswagen«, erklärt Felicitas Pink, die Leiterin der aktuellen Tournee. Vor Ort erhalten sie Förderunterricht, der auf den Stand jedes Einzelnen zugeschnitten sei. Manche lernen Mathematik, manche Englisch, aber alle sollten sportlich sein. Denn der Unterricht greift immer wieder das Thema Zirkus auf.

Ob dieser spezielle Zirkus, dessen Name aus dem Afrikanischen stammt und so viel wie Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gemeinsinn bedeutet, dem Jungen helfen würde? Auf jeden Fall war es sowohl für die Eltern als auch für ihn zunächst ein tiefer Einschnitt. »Es hat schon wehgetan, dass er hier weggegangen ist«, sagt Silvia Schuldt. »Für mich war es auch schwer, erst hatte ich gar keine Lust, aber mittlerweile macht es mir Spaß«, erklärt Finn.


Rückkehr mit alten Gefühlen verbunden

Dieser Montagmorgen ist für den 13-Jährigen ein besonderer, denn er kehrt dorthin zurück, wo er vier Jahre hingegangen ist, an die Selzerbachschule. »Das weckt schon alte Gefühle, obwohl heute die Kinder natürlich gewechselt haben«, sagt Finn. Aber es mache Spaß, mal wieder in der alten Turnhalle zu spielen. Da sitzen über 100 Mädchen und Jungen, die das neue Programm »Andorra« sehen. Mitten in den acht Artisten ist auch Finn. Er jongliert mit dem Diavolo, steht auf dem großen Ball, jongliert mit Keulen und zeigt sich sehr geschickt beim Seilhüpfen. Die Eltern Silvia und Roger Schuldt sowie Oma und Opa Helga und Lutz Schuldt sitzen im Publikum und spenden genauso wie die Kinder und die Lehrerinnen nach jeder Darbietung frenetischen Applaus.

Das ist für Finn wie die anderen im Team Balsam für die Seele. Genau das fasziniere ihn am Zirkus: Die Konzentration, der Applaus und die Freude des Publikums, sagt er der WZ.


"Bin selbstbewusster und mutiger geworden"

Eltern und Großeltern spüren die Fortschritte, die Finn bei diesem besonderen pädagogischen Projekt macht. »Er hat sich im sozialen Verhalten stark verbessert«, freuen sie sich vor der Vorstellung. Finn selbst sagt das nach der Zirkusvorstellung auch von sich: »Ich bin selbstbewusster und mutiger geworden. Früher war ich schüchtern. Wäre nie allein nach Frankfurt gefahren.« Und hätte wohl nie allein mit dem WZ-Redakteur gesprochen.

Er habe in einem tollen Team schon viel gelernt. Als die Tourneeleiterin dazu kommt, bestätigt sie: »Finn und ich kommen gut zurecht. Es gibt auch mal Konflikte, aber wir kriegen das immer wieder hin.«

Einmal im Monat und in den Ferien darf Finn zurück in seine Heimat. Zu den nächsten großen Ferien wird das allerdings anders sein: »Ich habe mich für den großen Zirkus beworben«, freut er sich. Mit dem geht er während der Ferien auf eine vierwöchige Tournee durch Norddeutschland. Seine Familie freut sich mit ihm, aber besonders darauf, dass er ab Herbst wieder in die Schule eingegliedert werden kann. Ein sicht- und spürbarer Erfolg dieser besonderen pädagogischen Arbeit.

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