Auf den Spuren jüdischer Mitbürger

Bad Vilbel (cze). Bei der Stadtführung »Jüdisches Leben in Bad Vilbel« wird den 13 Teilnehmern eines gleich völlig klar: Die Geschichte der jüdischen Bad Vilbeler Bürger ist zu vielschichtig, um sie in 90 Minuten darzustellen.
14. September 2010, 18:06 Uhr
Stolpersteine vor dem Haus des jüdischen Frauenarztes Dr. Jakob Theodor Szametz erinnern an die Verfolgung durch den Nationalsozialismus.

Und es wird deutlich, die Juden, die im 19. Jahrhundert bis hin zur Zeit des Nationalsozialismus in der Quellenstadt lebten, waren bei der christlichen Bevölkerung geachtet und gesellschaftlich voll integriert. Die wenigen, die bis heute in Erinnerung blieben, haben sich vehement für das Wohl ihrer Mitmenschen eingesetzt.

Am Brunnen- und Bädermuseum begrüßt Goar Laupus – selbst Russin, aber nicht jüdisch – am Sonntagnachmittag zwölf Damen und einen Herrn, die ihr auf dem Rundgang durch die Vergangenheit folgen wollen. Durch die Lohstraße geht es hinauf zum Gronauer Weg. Ziel ist der jüdische Friedhof. Klein ist er, unauffällig und verwildert. Erst bei genauem Hinsehen entdeckt man die Religionssymbole siebenarmiger Leuchter und Davidstern auf den Türen des eisernen Tores. »Erst 1845 nach zähem Ringen mit der evangelischen Gemeinde konnte das Grundstück für den jüdischen Friedhof erworben werden«, erklärt Laupus.

Strenge Auflagen waren zu beachten, die von den Traditionen der Christen abweichen: »Ein jüdischer Friedhof ist für die Ewigkeit angelegt. Die Toten müssen am ersten Tag nach Eintritt des Todes in weiße Tücher gehüllt mit den Füßen nach Osten bestattet werden. Auf ihre Reise ins Jenseits legt man ihnen eine Handvoll Erde aus Israel, und ihre Ruhe darf niemals gestört werden.«

Die jüdische Grabstätte umfasst etwa 60 Gedenksteine aus Sandstein oder Granit. Ohne Einfassung stehen sie in unregelmäßigen Reihen in der Wiese und tragen hebräisch-deutsche Inschriften. Namen wie Hermann Strauss, Moses Goldberg, Regine Schoenfeld oder Josef Stern verweisen auf die Zeit von Anfang bis Ende des 19. Jahrhunderts.

Heute ist die jüdische Ruhestätte ein Denkmal. »Schon vor Jahrhunderten gab es Juden in Bad Vilbel, doch schriftliche Erwähnung finden sie erstmals zu Anfang des 18. Jahrhunderts«, berichtet die Stadtführerin. »Bis 1887 besaßen sie in Deutschland fast keine Bürgerrechte: Sie durften nicht wählen, keiner Zunft angehören, nur wenige Berufe ausüben. Ihre Wohnungen wurden meist außerhalb des Stadtzentrums in einem sogenannten Ghetto angesiedelt – zwischen zwei Stadtmauern.«

Die Zuhörer erfahren, wovon sich die jüdischen Bad Vilbeler ernährten: von Tauschgeschäften, dem Handel mit Lebensmitteln oder Münzen, oder sie betrieben Herbergen. Erst rund 40 Jahre nach Einführung der Demokratie im Jahre 1848 erlangten sie die Gleichstellung mit christlichen Bürgern per Gesetz.

Der Rundweg führt durch den Kurpark entlang der Nidda zur Homburger Straße. Vor dem Haus mit der Nummer 15 bleiben alle stehen. Goar Laupus erinnert an einen Frauenarzt, der dort mit seiner fünfköpfigen Familie lebte und arbeitete: Dr. Jakob Theodor Szametz. Von 1912 bis zu seiner Flucht 1936 habe er in der Homburger Straße seine Praxis betrieben. Sehr beliebt sei er gewesen, denn im Ersten Weltkrieg habe er als Schularzt unentgeltliche Hilfe im Kampf gegen die Tuberkulose geleistet. Das Haus ist gut erhalten und fünf Stolpersteine zeigen, dass alle Familienmitglieder den Holocaust durch Flucht nach Palästina überlebten, bis auf einen Sohn, der nach Riga floh.

Ein zweiter Name ist den Bad Vilbelern in bester Erinnerung: Dr. Albert Chambré – Lehrer der einstigen Höheren Schule in der Frankfurter Straße 85, die heute Stadtschule heißt und eine Grundschule ist. Wegen seiner jüdischen Herkunft entließ man den engagierten Lehrer im Jahre 1933 aus dem Dienst. 1936 nach Frankfurt geflohen, genügte seine schmale Beamtenrente nicht, um sich und seine Familie zu ernähren und er musste Privatstunden geben. 1938 verschleppten die Nationalsozialisten den ehemaligen Lehrer nach Dachau, wo er am 14. November 1938 ermordet wurde.

»Auch eine Synagoge gab es in Bad Vilbel, ein bereits bestehender Bau in der Frankfurter Straße 95, in dem es auch ein Ritualbad gab«, sagt Goar Laupus. Doch Hinweise auf diese Zeit gibt es heute nicht mehr.

»Überhaupt ist es für Interessierte sehr schwierig, die Geschichte der Juden in Bad Vilbel zu verfolgen, denn es gibt so gut wie keine Literatur«, bedauert Laupus. »Umso erfreulicher, dass es wenigstens die Stadtführungen gibt«, lobt eine Teilnehmerin.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Evangelische Kirche
  • Friedhöfe
  • Josef Stern
  • Juden
  • Judenfriedhöfe
  • Mitmenschen
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.