Bad Nauheim

Tankeschön für Billigsprit

05. November 2014, 17:08 Uhr
Manuel Fischer von der Freien Tankstelle hat deutlich mehr Kunden, seit die Spritpreise im Keller sind.

Als die Spritpreise das letzte Mal so tief standen, war Christian Wulf noch Bundespräsident. Thomas Gottschalk moderierte »Wetten, dass..?«, Joseph Ratzinger erteilte den päpstlichen Segen und im Bad Nauheimer Rathaus hatte Bernd Witzel noch das Sagen. Über drei Jahre ist es her, dass man in Deutschland so billig tanken konnte. Am Dienstagmorgen stand der Preis für einen Liter Super-Benzin in Bad Nauheim bei 1,399 Euro, für einen Liter Diesel musste man gerade mal 1,239 auf den Tisch legen.

Wolfgang Ewald kann sich noch an ganz andere Preise erinnern. Als seine Familie die Aral-Tankstelle am Ortseingang von Nieder-Mörlen 1953 eröffnete, hieß der Bundespräsident noch Theodor Heuss, der Dieselpreis stand bei 41 – Pfennig, wohlgemerkt. Zeiten, in denen sich als Tankstellenbetreiber noch deutlich mehr Geld verdienen ließ. »In den 90er Jahren haben wir pro verkauften Liter noch 5 Pfennig bekommen. Heute sind es nur 2 Cent«, ärgert sich Ewald. Soll heißen: Um sein eigenes Auto volltanken zu können, muss er über 60 volle Tankladungen verkaufen. Auf den Benzinpreis hat er keinen Einfluss. Die Werte werden morgens vom Mineralölkonzern ins System eingestellt, im Laufe des Tages wird er angepasst. Doch obwohl der Sprit momentan so günstig ist, hat Ewald nicht mehr Kunden als sonst. »Die Leute kaufen nicht mehr Benzin. Wenn die Preise hoch sind, tanken sie zwar weniger, zum Beispiel für 15 oder 20 Euro, dafür kommen sie häufiger. Bei den jetzigen Preisen kommen sie ein Mal und machen den Tank voll.« Somit haben die günstigen Spritpreise eher Nachteile für Ewald, denn das meiste Geld macht er inzwischen mit seinem kleinen Shop. Der Senior gibt sich dabei einfallsreich. Neben den klassischen Produkten wie Zigaretten, Schokoriegel und Getränken bietet er auch Bilder, Lampen und Bembel an. Irgendwie muss das Geld ja reinkommen.

»Damit bezahlt inzwischen die Hälfte der Kunden«, sagt Ewald und wedelt mit einer silbernen Karte, die ihm gerade eine Frau gereicht hat. Es handelt sich um eine der vielen Tankkarten, die Mineralölkonzerne an Unternehmen und Lastwagenfahrer ausgeben. Neben dem bargeldlosen Zahlen und einer Auflistung des Verbrauchs bieten die Karten auch einen Pannenservice und das Zahlen der Mautgebühr. Ewald: »Die Lastwagenfahrer auf der A 5 suchen über das Handy die nächste Aral-Tankstelle und landen dann bei mir. Der Spritpreis ist da nicht so wichtig.« Die Kundin gibt ihm recht. »Ich fahre einen Firmenwagen. Ich versuche, nicht auf der Autobahn zu tanken, aber ansonsten ist nur wichtig, dass es eine Aral- oder BP-Tankstelle ist.«

Mit Kanistern an der Zapfsäule

Bei der TC-Tankstelle könnte sie mit ihrer Karte nicht zahlen. Dabei würde es sich lohnen. Während der Liter Diesel an der Aral 1,249 Euro kostet, werden 800 Meter weiter nur 1,239 Euro fällig. Bei der TC, die Anfang des Jahres die Esso abgelöst hat, machen sich die niedrigen Spritpreise stark bemerkbar. »Wir haben mindestens doppelt so viele Kunden«, sagt Manuel Fischer. Ein Blick hinter den Angestellten verdeutlicht den Ansturm, fast alle Zigarettenfächer sind bereits leer – und das morgens um 9 Uhr. Fischer sagt, dass viele Kunden über Apps wie »clever tanken« oder »ADAC Spritpreise« zu der Tankstelle in Nieder-Mörlen gelotst werden. Einige würden sogar mit Kanistern anrücken, um den billigen Sprit zu bunkern. Doch trotz des höheren Absatzes mache auch die TC ihren Hauptgewinn mit dem kleinen Shop. »Deswegen ist es hier auch so vollgestopft«, sagt Fischer. Warum die Kraftstoffe momentan so billig sind? »Wegen der niedrigen Rohölpreise. Und wegen des Frackings, das die USA massiv betreiben«, weiß Fischer (siehe Kasten) und erklärt, wie der Preis an der TC zustande kommt: Via App übermittelt er das Angebot der konkurrierenden Tankstellen Jet, Shell und BFT an die Zentrale, die dann den Preis festlegt.

Der ist deutlich billiger als bei der Shell-Tankstelle. Hier kostet der Liter Diesel am Dienstag 1,309 Euro, also 7 Cent mehr als an der knapp einen Kilometer entfernten TC. Standortleiterin Jessica Bingel begründet das unter anderem mit einer defekten Leitung, die jüngst für Lieferschwierigkeiten gesorgt habe. »Auf der anderen Seite bieten wir regelmäßig Rabattaktionen an, wodurch wir genauso billig sind wie die anderen Tankstellen.« Wie bei der Aral tanken laut Bingel auch an der Shell viele Kunden mit Tankkarten. Einen größeren Ansturm durch die niedrigeren Kraftstoffpreise habe sie jedoch nicht beobachtet. »Die Leute tanken, wenn sie tanken müssen.«

Eine Veränderung hat die Standortleiterin aber doch ausgemacht. »Die Leute haben bessere Laune, wenn sie bei uns an der Zapfsäule stehen.« Somit kann man zumindest die Spritpreise von der Mecker-Skala streichen. Jetzt muss nur noch das Wetter nachziehen.

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