Parkinson-Klinik: Zweifelhafter Ruf schreckt Investoren ab

23. Juli 2010, 18:32 Uhr
Seit Jahren ein Problemfall: die Parkinson-Klinik. (Foto: nic)

Bürgermeister Bernd Witzel, der Vorsitzender des GZW-Aufsichtsrats ist, winkt auf Anfrage unserer Redaktion ebenso ab wie Marcus Jürgens, Geschäftsführer der Kalovida Grundbesitz GmbH, der die Gebäude der Parkinson-Klinik in der Franz-Groedel-Straße gehören. Witzel und Jürgens halten die Unternehmensstruktur der »Parkinsonklinik im Zentrum für Bewegungsstörungen«, so der offizielle Name, für undurchschaubar und wollen sich auch aufgrund der Geschichte des Krankenhauses, die mit zahlreichen Klagen, Ermittlungsverfahren (siehe auch unten stehenden Bericht) wirtschaftlichen Flauten, Entlassungen von Spitzenpersonal und einem Gewaltverbrechen (vor zwei Jahren wurde Klinik-Geschäftsführerin Karin Prokein von ihrem ägyptischen Berater erschlagen) belastet ist, nicht auf ein Geschäft einlassen. Äußerst einsilbig geben sich Insolvenzverwalterin Petra Fuchs und die derzeitige Geschäftsführerin der Parkinson-Klinik, Marion Schiebel-Zuske. Unterlagen, die der WZ vorliegen, lassen den Verdacht zu, dass der Insolvenzantrag spät, wenn nicht gar zu spät gestellt wurde. Insolvenzverschleppung ist strafbar.

Ein Blick ins Zeitungsarchiv genügt, um die Vergangenheit der Parkinson-Klinik, deren Existenz nun ernsthaft gefährdet ist, als bewegt bezeichnen zu können. Wobei die Verantwortlichen, allen voran die verstorbene Karin Prokein, Entscheidungen in der Öffentlichkeit als harmlos oder gar als erfolgversprechend verkauften. Ein Beispiel aus dem Jahr 2002: »Einvernehmlich«, so die offizielle Sprachregelung, trennte sich die Klinik damals von der renommierten Chefärztin Prof. Alexandra Henneberg. Tatsächlich war eine handfeste Auseinandersetzung vorausgegangen. Schon damals gab es Gerüchte über ein bevorstehendes Aus der Klinik. Weniger unklar drückte sich Prokein 2007 aus, als sie erneut einen Chefarzt feuerte, diesmal fristlos. Vorwurf: Unregelmäßigkeiten bei privatärztlichen Abrechnungen. Ob es zu der angekündigten Strafanzeige gegen den Mediziner kam, ließ die Geschäftsführerin nie verlauten.

Spätestens 2006 spitzte sich die finanzielle Lage in der Franz-Groedel-Straße zu. Und wieder hatte Prokein scheinbar eine Lösung des Problems parat. Nachdem der ehemalige Eigentümer der Immobilie Insolvenz anmelden musste, zauberte die Geschäftsführerin den ägyptischen Geschäftsmann Khaled Al-Toukhy als Käufer aus dem Hut. In einer Pressemitteilung wurde der Eindruck erweckt, der Eigentümer der Kairoer Misr-University for Science und Technology habe auch die Klinik übernommen. Tatsächlich wurden nur die Immobilien veräußert - was selbst dem Käufer offenbar nicht klar war.

Käufer über den Tisch gezogen?

So schildert es heute zumindest Kalovida-Geschäftsführer Marcus Jürgens: »Al-Toukhy hat in dem guten Glauben gehandelt, für 5,5 Millionen Euro Gebäude und Betriebs GmbH zu erwerben.« Heißt auf gut Deutsch: Der Ägypter sei über den Tisch gezogen worden. Und Jürgens glaubt auch zu wissen wie. Der Mitarbeiter Prokeins - ebenfalls Ägypter und heute wegen Totschlag an seiner Chefin im Gefängnis - habe den Vertrag falsch übersetzt. Weiterer schwerer Vorwurf des Kalovida-Geschäftsführers: Damals sei von der Klinikleitung ein Gutachten vorgelegt worden, wonach die Immobilie in gutem Zustand sei, was sich als falsch erwiesen habe.

Wie Jürgens erklärte, seien Gerichtsprozesse die Folge dieser »Partnerschaft« gewesen. Al-Toukhy sei unterlegen, weil er den Kauf der Betreiber GmbH nicht habe nachweisen können. Prokein tat ein Übriges, um den Käufer zu verärgern: Die Parkinsonklinik zahlte lange Zeit keine Miete, weil die Gebäude angeblich trotz Zusage nicht saniert worden seien. Jürgens: »De facto lag kein Grund zur Mietminderung vor.« Prokein war zunächst nicht nur Klinik-Chefin, sondern auch Geschäftsführerin der Kalovida Grundbesitz GmbH und der ebenfalls im Al-Toukhy-Besitz befindlichen Kalovida Beteiligungs GmbH (sie wird derzeit liquidiert). Diese beiden Posten verlor sie, vermutlich aufgrund des Zerwürfnisses mit dem ägyptischen Investor.

Vor ihrem gewaltsamen Tod versuchte Prokein mit dem Gesundheitszentrum Wetterau ins Geschäft zu kommen, wollte mit ihrer Klinik in Räumlichkeiten des GZW unterkommen. Das scheiterte, in Sachen Beteiligung an der Parkinson-Klinik winkte die GZW-Chefetage damals ebenfalls ab. Und dabei bleibt es: Nach Aussage des Aufsichtsratsvorsitzenden Witzel hat das Gesundheitszentrum kein Interesse an einer Übernahme der Klinik. »Die Träger GmbH dürfte völlig verschuldet sein. Zudem handelt es sich um eine total verschachtelte Betreibergesellschaft«, sagt der Bad Nauheimer Bürgermeister. Das GZW habe allerdings ein Interesse daran, zumindest einen Teil der 160 Akut- und Rehabetten für Parkinsonkranke in der Region zu halten.

Al-Toukhy hatte zunächst über eine Übernahme nachgedacht, obwohl er nicht nur die 5,5 Millionen Euro fürs Gebäude bezahlt, sondern auch viel Geld in die Sanierung gesteckt hat. Inzwischen winkt die Kalovida GmbH allerdings ab. Jürgens: »Die Klinik ist marode. Wir haben kein Interesse zu investieren.« Dem Geschäftsführer schwebt nach möglichem Auszug oder dem Aus für die Parkinson-Klinik eine Umnutzung der Gebäude vor. Insolvenzverwalterin Fuchs will zu Übernahmeinteressenten nichts sagen. »Es gibt keine Neuigkeiten«, lässt sie auf Anfrage lediglich ausrichten. Klinik-Geschäftsführerin Schiebel-Zuske spricht von »mehreren Anfragen«.

Mahnungen und »Letzte Mahnungen«

Zu Vorgängen in der Vergangenheit macht die heutige Klinik-Chefin keine näheren Angaben. Begründung: »Ich könnte viel sagen, aber es geht um die Zukunft des Hauses, seiner 120 Mitarbeiter und der Patienten, denen damit nicht gedient wäre.« In einem Punkt ist sich Schiebel-Zuske allerdings sicher. Ein Fall von Insolvenzverschleppung liege nicht vor: »Sonst wäre ich wohl kaum noch Geschäftsführerin.«

Der WZ-Redaktion liegen allerdings Kopien von Mahnungen und »Letzten Mahnungen« von Lieferanten an die Parkinsonklinik vor, die aus dem Februar stammen. Darin sind unbezahlte Rechnungen aufgeführt, die zum Teil bis in den Mai 2009 zurückreichen. Das ist ein Indiz dafür, dass sich die GmbH lange vor dem Insolvenzantrag vom 26. Mai 2010 in Zahlungsschwierigkeiten befand. Bereits im Juli 2009 war bei einem Abteilungsleiter-Treffen - eine Kopie des Protokolls liegt unserer Redaktion vor - von einem »Einbruch bei der Reha« die Rede, was mit der Politik der Krankenkassen zusammenhänge. Vielleicht auch damit, dass die Klinik seit Jahren erklärt, ein Qualitätsmanagement nach der DIN-Norm eingeführt zu haben, bis heute hat sich das Haus aber nicht durch eine Prüfungskommission zertifizieren lassen. Jedenfalls soll sich die Auslastung der Klinik ständig verschlechtert haben: Zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags waren nur noch 60 von 160 Betten belegt.

Und in der Pflege kam es zu Qualitätsproblemen. So erklärte eine Mitarbeiterin beim Abteilungsleiter-Treffen im Juli 2009: »Die Pflege leidet unter Personalmangel. Grund hierfür sind Krankheiten und Urlaube. Die Mitarbeiter leisten Doppelschichten und arbeiten zum Teil mehrere Wochenenden hintereinander ... Es ist kein böser Wille, wenn ein Fehler passiert, sondern Überarbeitung.«

Ob es für die Beschäftigten weitergeht, wird sich spätestens Anfang August zeigen. Dann wird entschieden, ob aus dem vorläufigen ein endgültiges Insolvenzverfahren wird. Das ist nur möglich, wenn es Perspektiven für Entschuldung und Fortbestand des Hauses gibt.

Parkinsonhilfe: Was ist aus Millionenerbe geworden?

Noch eine undurchsichtige Angelegenheit sorgte vor Jahren für Schlagzeilen. Unter Mitwirkung von Klinik-Chefin Karin Prokein gründete sich der Verein Parkinsonhilfe Bad Nauheim. Ursprüngliches Ziel: Kranken, die nicht über genügend Geld verfügen, sollte eine Behandlung in dem Krankenhaus ermöglicht werden, beispielsweise durch die Übernahme des Eigenanteils, der von den Patienten zu entrichten ist.

Tatsächlich, so der Vorwurf des ehemaligen Schatzmeisters, habe der Verein mit seinem beträchtlichen Vermögen (der Klub hatte 1 Million Euro geerbt) die private Parkinsonklinik gesponsert, beispielsweise Personalkosten von Mitarbeitern übernommen. So liegt der WZ die Kopie eines Beratervertrags zwischen der Parkinsonhilfe und einer PR-Beraterin von 2002 vor, die seit damals für die Klinik tätig ist. Das Honorar wurde dem Vertrag zufolge vom Verein bezahlt. Inzwischen wird das Geld offenbar von der Klinik direkt überwiesen. Es handelt es sich aber um den exakt gleichen Nettobetrag wie in dem 2002 geschlossenen Vertrag vereinbart.

Aufgrund der Vorwürfe des Schatzmeisters wurden staatsanwaltliche Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue gegen den Vereinsvorstand aufgenommen. Was aus dem Vermögen des Klubs geworden ist, bleibt im Dunkeln. Klinik-Geschäftsführerin Marion Schiebel-Zuske dazu: »Diese Frage kann von der Klinik nicht beantwortet werden.«   Bernd Klühs

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