Demenz-Pilotprojekt: Eine Insel als Anlaufstelle

19. November 2015, 18:43 Uhr
Solche Merkzettel helfen im Anfangsstadium der Demenz, bei fortschreitender Krankheit sind pflegende Angehörige rund um die Uhr gefordert.

Heidy Lang strahlt eine große Portion Gelassenheit aus. Das hilft der Bad Nauheimerin bei ihrem täglichen Umgang mit Demenzkranken. »Wichtig ist, die Betroffenen abzulenken, zu beruhigen, sie nicht in Panik zu versetzen«, weiß die Expertin, die im Freiwilligenzentrum (FWZ) der Kurstadt für das Projekt Senioren- und Demenzbegleiter verantwortlich ist. Zudem leitet sie die Tagesstätte Demenz-Ja gegenüber des Hochwaldkrankenhauses. Schon heute hat die Einrichtung große Bedeutung für die Betreuung Demenzkranker und die Entlastung der Angehörigen. Im Rahmen des FWZ-Pilotprojekts Hilfe-Insel Silberstern, das jetzt anläuft, werden Heidy Lang und ihre Räumlichkeiten eine zentrale Rolle spielen.

Ähnlich wie bei der Hilfe-Insel Leon für Kinder, die sich verirrt haben, wird eine Anlaufstelle für Demenzkranke geschaffen. Lang oder eine andere Seniorenbegleiterin sind rund um die Uhr unter der Telefonnummer 0 60 32/50 99 24 zu erreichen, wenn verwirrte Personen irgendwo in der Stadt aufgefunden werden. »Auch Polizei und Feuerwehr können sich an uns wenden. Wir nehmen den Demenzkranken in Empfang, bringen ihn erst mal ins Demenz-Ja und verständigen die Angehörigen«, erläutert Ingrid -Schmidt-Schwabe, Vorsitzende des Freiwilligenzentrums, das Konzept. Hauptfinanzier des Projekts, das zwei Jahre lang erprobt wird, ist die Bad Nauheimer Pitzer-Stiftung.

Ziel: Betroffene aus Isolation holen

Wie groß ist der Bedarf für solch eine Hilfe-Insel in Bad Nauheim? »Ich habe selbst schon drei verwirrte Senioren aufgegabelt, die nicht mehr wussten wohin«, erzählt Lang. Sie hört bei ihrer Arbeit immer wieder von älteren Männern und Frauen, die plötzlich aus ihrem Zuhause oder dem Pflegeheim verschwinden. Oft werden sie von Privatleuten, von Feuerwehrmännern oder Polizisten gefunden, die keine Erfahrung im Umgang mit Demenzkranken haben. Hinzukommt Angst bei den Betroffenen, gerade wenn sie mit Uniformträgern konfrontiert sind. Diese Lücke wollen Lang und Schmidt-Schwabe mit dem Projekt schließen. »Es ist ein weiterer Mosaikstein unseres Hilfsangebots für Demenzkranke, von dem nicht zuletzt die Angehörigen profitieren sollen«, sagt Schmidt-Schwabe. Sie hält oft Vorträge zu diesem Thema, trifft Frauen oder Männer, die ein Elternteil oder den Ehepartner betreuen, im Demenz-Café, das vom FWZ jeden Freitagnachmittag angeboten wird. Oft seien die Angehörigen an der Grenze der Belastbarkeit angelangt, hätten ihr gewohntes Umfeld, den Freundeskreis aufgeben müssen. Lang: »Kürzlich ist eine Frau zu mir gekommen, deren Mann sich ständig bis auf die Unterhose auszieht. Wenn dann ein Arzttermin ansteht, ist die Verzweiflung nahe.«

Um Unterstützung zu leisten, hat das Freiwilligenzentrum unter Federführung von Lang in Bad Nauheim über 100 Senioren- und Demenzbegleiter ausgebildet. Drei Monate dauert der vom Land finanzierte Kurs. Etwa 50 Betreuer sind laut Schmidt-Schwabe derzeit im Einsatz, kümmern sich zum Teil um mehrere Personen. »Meist wird mit der Familie ein fester Tag in der Woche vereinbart. Dann kann der betreuende Angehörige planen, sich etwas vornehmen.« Die ehrenamtlichen Begleiter können von den Krankenkassen bei leichten Fällen eine Unterstützung von 104 Euro pro Monat erhalten, bei stark eingeschränkter Alltagskompetenz des Kranken sind es 208 Euro. Sie gehen mit den Senioren spazieren, lesen vor, führen Gespräche.

Wie die beiden Expertinnen berichten, werden etwa 70 Prozent der Demenzkranken zu Hause betreut – Tendenz steigend. Wie viele Menschen in Bad Nauheim betroffen sind, wissen Lang und Schmidt-Schwabe nicht, aber jede fünfte Person über 80 leide an Alzheimer oder einer anderen demenziellen Krankheit. In Pflegeheimen seien 60 bis 70 Prozent der Bewohner dement. Manche Heimleitungen hätten die Aktivitäten des FWZ zu Beginn kritisch gesehen, eine Konkurrenzsituation sei befürchtet worden. Inzwischen funktioniert die Kooperation nach Angaben von Schmidt-Schwabe reibungslos. »Manche Begleiter sind heute fest in einem Pflegeheim beschäftigt, weil sich ihre Betreuungsarbeit hervorragend bewährt hat.«

Wichtig sei, die Kranken und ihre Angehörigen aus der Isolation der eigenen vier Wände zu holen. Manche gingen nicht mehr raus, um keine unangenehmen Überraschungen zu erleben. »Wenn der verwirrte Senior sich etwa im Restaurant mit der Wurstscheibe die Brille putzt«, beschreibt Lang eine Situation, die viele Angehörige als peinlich empfinden, weil in der Gesellschaft die nötige Sensibilität fürs Thema Demenz fehle.

Als besonders schmerzlich empfänden es Töchter oder Söhne, wenn sie vom Vater oder der Mutter nicht mehr erkannt werden. Schmidt-Schwabe: »Man muss sich die Krankheit wie ein Reihe von Büchern vorstellen, in der eines nach dem anderen umfällt.« Lang erzählt von einem alten Mann im fortgeschrittenen Stadium, der genau berichten kann, was er als 35-Jähriger gearbeitet hat. »Warum soll er die 50-jährige Frau neben sich als seine Tochter akzeptieren?«

Das Kurzeitgedächtnis gehe zuerst verloren, etwa beim türkischstämmigen Bad Nauheimer, dessen Deutschkenntnisse plötzlich wie weggeblasen sind. Die Familienmitglieder verdrängten die Anfänge der Erkrankung häufig, obwohl Fremde die Symptome längst richtig deuteten. Werde schließlich ärztliche Hilfe gesucht, folge oft monatelanges Warten auf den Termin beim Neurologen.

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