Kreis Gießen

Mann aus Lollar muss hinter Gitter

Ein 40-Jähriger aus Lollar muss ins Gefängnis, weil er sich an zwei Kindern verging. Die Richter sprechen von einem »ungewöhlichen« Fall.
20. April 2017, 05:00 Uhr
Der Angeklagte – neben Verteidiger Carsten Marx – nimmt das Urteil ohne erkennbare Regung auf. Er muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. (Foto: sha)

Wie es der jungen Frau heute geht, lässt sich nur erahnen. Sie sei ein »pummeliges und lustiges Kind« gewesen, berichtete die Mutter vor der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts. Nachdem das Mädchen davon erfuhr, dass sie vom Freund ihrer Mutter im Schlaf missbraucht worden war, soll sie regelrecht abgemagert sein, habe »fast 33 Kilo verloren«. Außerdem habe die inzwischen 16-Jährige eine Essstörung entwickelt. Sie sei »total verstört« gewesen und habe sich »völlig abgekapselt«. Auch in der Schule sei es bergab gegangen: Ihre Tochter habe über 100 Fehlstunden angehäuft, schilderte die Mutter mit tränenerstickter Stimme. Der Mann, der sich in den Jahren von 2010 bis 2012 an dem Kind vergangen hatte, wurde am Mittwoch verurteilt. Er muss wegen teils schweren sexuellen Missbrauchs für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Neben dem Mädchen hatte er sich auch an dem kleinen Sohn einer späteren Lebensgefährtin vergriffen. Beide Kinder hatten nicht mitbekommen, wie der Lollarer sie unter der Kleidung berührt oder ihre Hände an seinen Penis geführt hatte, um sich selbst zu befriedigen. Wie wurde der Mann dennoch entdeckt?

 

Täter fotografiert eigene Übergriffe

 

Er geriet ins Fahndungsraster der Kriminalpolizei, die bei einer Hausdurchsuchung jede Menge kinderpornografisches Material fand. Über 10 000 Bilddateien, wie eine Beamtin mitteilte. Auf einer Kamera und einem Handy entdeckten die Polizisten dann noch weitere Aufnahmen: Der Angeklagte hatte die nächtlichen Übergriffe auf die schlafenden Kinder in Pohlheim und Lollar ausgiebig fotografiert und im Internet angeboten.

»Diese Bilder lassen sich nie mehr aus dem Netz löschen«, betonte Richter Prof. Patrick Gödicke. Vermutlich würden sie »auch gerade jetzt« irgendwo auf der Welt immer noch kopiert, getauscht und heruntergeladen. Damit habe der Angeklagte die beiden Kinder »zu Tausch- und Kaufobjekten gemacht«. Im Gegensatz zu dem Mädchen sei der heute zehn Jahre alte Junge »nicht in dem Umfang traumatisiert« gewesen, berichtete Rechtsanwalt Hans-Peter Dietz, der die Nebenklage für dieses Kind vertrat. »Für meine Mandantin ist nichts mehr, wie es war«, unterstrich Sandra Buhr, die die Nebenklage der 16-Jährigen übernommen hatte. Die bis heute in Therapie befindliche Jugendliche habe es »schwer getroffen«, dass »ein vertrauter Freund« ihr dies angetan habe.

Die Mutter des Mädchens hatte berichtet, sie und der Angeklagte seien auch nach dem Ende der Beziehung noch »wirklich dicke Freunde« gewesen. »Er gehörte zu meinem Inventar.« Auch die Tochter sei sehr vertraut mit dem Mann gewesen. Die Familie hätte schon Pläne geschmiedet, um gemeinsam Weihnachten und Silvester zu verbringen, als die Polizei sie mit den Übergriffen konfrontiert habe. Seitdem bestehe gar kein Kontakt mehr. Aber dies sei vermutlich auch besser: »Ich habe Angst, dass mir die Sicherungen durchbrennen und ich ihn über den Haufen fahre, wenn ich ihn sehe«, sagte die Zeugin.

Auch das Gericht sprach in seiner Urteilsbegründung von einer »perfiden Herangehensweise« des Täters. Der Fall sei deshalb »ungewöhnlich«, weil die Opfer die Übergriffe nicht unmittelbar erlebt hätten, sondern im Nachhinein durch das Wissen um die Taten belastet würden. Immerhin hatte der Lollarer die Vorwürfe schon im Ermittlungsverfahren eingeräumt und den beiden Minderjährigen so eine Aussage vor Gericht erspart, äußerte Verteidiger Carsten Marx. Der Angeklagte erklärte sich zudem bereit, 7500 Euro Schmerzensgeld an das Mädchen zu zahlen sowie 2500 an den Jungen. Staatsanwältin Janny Link hatte zwar betont, dass der geständige Mann nicht vorbestraft sei, aber dennoch vier Jahre und acht Monate Haft gefordert.

Schließlich seien die Opfer bis heute teils »schwer beeinträchtigt«. Ein psychiatrischer Gutachter hatte dem Täter wegen ebenfalls vorhandener Sexualkontakte zu Erwachsenen eine »Pädophilie in einer Nebenströmung« attestiert. Er empfahl eine Behandlung in der sozialtherapeutischen Anstalt eines Gefängnisses. Die Reflektionsfähigkeit des 40-Jährigen sei »nicht sehr ausgeprägt«. Seine Bereitschaft dazu hatte der Angeklagte bereits bejaht. Worte der Reue schienen ihm eher schwerzufallen. »Ich kann mich nur entschuldigen. Ob es dadurch besser wird, sei dahingestellt«, sagte er.

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