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Wie die unerwünschte Revolution gebändigt wurde

Artikel vom 06.04.2009 - 11.26 Uhr

Wie die unerwünschte Revolution gebändigt wurde

Als »Universalanarchie« und »Weltkuddelmuddel« hat der Dichter und europäische Weltbürger Heinrich Heine die revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 in Deutschland bezeichnet. Heine äußerte mehrfach seine Skepsis über die »romantischen Träumereien« der Revolutionäre. Und mehr als Träumereien waren es am Ende auch nicht. Rückblickend lässt sich feststellen, dass die Mehrheit der Bevölkerung gar keine Revolution wollte, »weil sie deren Erfolgschancen niedriger einschätzte als den Weg allmählicher Veränderung«, wie der Historiker Wolfgang Schieder einmal geschrieben hat.
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Bürgerwehren waren während der Revolution von 1848 eine Reaktion der Obrigkeit und des gemäßigten Bürgertums auf die vielfachen Forderungen nach einer allgemeinen Volksbewaffnung. Oberstes Ziel war es, die gesetzliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Mitglieder rekrutierten sich aus einem »Bürgerthum«, das »die Freiheit zu unterscheiden weiß von Zügellosigkeit, das die Willkür verabscheut, von welcher Seite sie auch ausgeübt werden sollte«. Mit diesen Worten zitiert das »Intelligenzblatt« am 3. Juni 1848 in einem Bericht über die Fahnenweihe der Bürgerwehr deren Kommandanten, den Großherzoglichen Bergrentmeister Karl Textor. Die Bürgerwehr war am 19. März in »Gerlachs Saal« gegründet worden.»Wie fast überall im großen deutschen Vaterlande, fühlt man auch hier das Bedürfnis, sich zu bewaffnen und in größerer Anzahl unter einem selbstgewählten, tüchtigen Führer zusammenzutreten um bereit zu sein, wenn es gilt gegen äußere und innere Feinde zu stehen und zu streiten«, berichtet das »Intelligenzblatt«. Erste Waffenübungen fanden auf der Seewiese statt. Die schwarz-rot-goldene Fahne, gestiftet »von den Frauen und Jungfrauen hiesiger Stadt«, trug den Schriftzug »Mit Gott für Freiheit und Vaterland «. Die zeitgenössische Karikatur zeigt vermutlich die Friedberger Bürgerwehr und spielt offenbar auf deren jämmerliche Rolle bei den antisemitischen Ausschreitungen des 3. und 4. Juni 1848 an. Damals zog eine gewaltbereite Menge zum Haus »Zum kleinen Landeck« (Kaiserstraße 38) der jüdischen Familie Grödel.Viele Bauern waren bei David Grödel verschuldet. Am zweiten Abend wurde das Haus verwüstet. Die Bügerwehr alarmierte zwar ihre Mitglieder, die aber nur tatenlos in der grölenden Menge standen und die jüdische Familie nicht schützen wollten oder konnten. (jw/Foto: Stadtarchiv Friedberg)
-Die Revolution war unerwünscht. Die bürgerlichen Liberalen, so Schieder, waren »in hohem Maße einem obrigkeitsstaatlichen Untertanengeist verhaftet«, was auch für die mehrheitlich monarchisch gesinnte Bevölkerung Oberhessens gilt. Eine republikanische Propaganda, wie sie der linke »Wetterauer Volksbote« (siehe Folge 6) betrieb, konnte daher keinen Erfolg haben. Das bürgerliche »Intelligenzblatt« hielt denn auch weitgehend an seiner unpolitischen Leitlinie fest, verzichtete auf politische Kommentare.
Am 7. März 1848, einen Tag, nachdem der hessen-darmstädtische Erbgroßherzog Ludwig der Opposition Zugeständnisse gemacht und politische Mitsprache versprochen hat, reist eine Delegation des Friedberger Stadtrats nach Darmstadt. Die Dankadresse an den »weisen und gerechten Fürst« ist in der Ausgabe vom 15. März nachzulesen. Sie schließt mit einem Satz, der bezeichnend für die Haltung der bürgerlich-liberalen Opposition im Jahr 1848 ist: »Dankerfüllt und in treuster Hingebung unserm ruhmgekrönten Fürsten aus der Fülle unsers Herzens Heil und Segen in der Ferne zurufend, erstirbt in tiefster Verehrung - der Bürger-Vorstand Friedbergs«.

»Wohlgeregelte Monarchie«

Die Autorität der Fürsten wird nicht infrage gestellt, und wenn - wie in einem kurzen Text vom 31. Mai 1848 - Nordamerika eine lobende Erwähnung erfährt, weil dort »das natürliche, das vernünftige Recht sein erlesenes Reich« baut und jenseits des Ozeans »der Tag der Freiheit« anbricht, so folgt sogleich eine Einschränkung: »Nicht eben die republikanische Form ist's, die wir die Sonne dieses Tages nennen; nein! nur der republikanische Geist, der gar in wohlgeregelter Monarchie weit sicherer herrscht, als in der Demokraten sturmbewegtem Reiche«. Nicht der Sturz der Regenten wird propagiert, sondern die konstitutionelle Monarchie, nicht das Gegen-, sondern das Miteinander, die Verbindung von monarchischem Prinzip und Volkssouveränität.
Der Weg dorthin führt über Volksversammlungen, die durch Annoncen bekannt gegeben werden. So laden die Bürgermeister Jung und Holtzmann aus Okarben und Petterweil »sämmtliche Bürger in der Wetterau« zu einer Beratung am 17. März 1848 in den Karlshof nach Okarben ein, wo die »Überreste mittelalterlicher Feudallasten« diskutiert werden sollen.

Das Mittelalter wird entsorgt

Seit der politischen Neuordnung Deutschlands unter Napoleon im Jahr 1806 mussten die Bauern in Oberhessen an zwei Herren Steuern und Abgaben zahlen: an den neuen Landesherrn in Darmstadt und an ihre alte Herren, denen sie nach wie vor den Zehnten und andere grundherrschaftliche Abgaben zu leisten hatten. Das wollte der neue Ministerpräsident Heinrich von Gagern ändern. In einer offiziellen Verlautbarung, abgedruckt im »Intelligenzblatt« vom 22. März 1848, verspricht er nicht nur die Feudallasten zu beseitigen, sondern auch die Aufhebung aller »Privilegien einzelner Klassen«, nennt als Ziel die »Gleichstellung der Einwohner der standesherrlichen Bezirke mit den übrigen Staatsangehörigen« und fügt eine Warnung an die Leser aus: »Hütet Euch, ich muss es Euch mit Ernst sagen, den Weg des Gesetzes zu verlassen.«
Wer die gesetzliche Ordnung in Zeiten revolutionärer Unruhen aufrechterhalten will, braucht eine Bürgerwehr. So lautete eine Forderung der ersten Volksversammlung in Friedberg. Hofgerichts-Advocat Wilhelm Trapp berichtet am 25. März im »Intelligenzblatt«, die Versammlung habe zunächst eine provisorische Bürgergarde aufgestellt. Fast alle Erschienenen hätten ihre Bereitschaft zur Mitwirkung erklärt und ein Hoch auf den Fürsten sowie auf die »Vermahnung zu guter Mannszucht« angestimmt. Die Gleichberechtigung der Geschlechter war zu jener Zeit noch kein Thema, was auch die mit »D. R.« (die Redaktion) unterzeichnete Ergänzung verdeutlicht: »Wir glauben nicht unerwähnt lassen zu dürfen, dass bei dem freudigen Eifer, der Alle für die gute Sache beseelt, auch Friedbergs Frauen und Jungfrauen sich aufs Ehrenvollste betheiligen und mit stets gewohnter Thätigkeit sich beeilen, für die Bürger-Garde die nöthigen Abzeichen u. s. w. zu fertigen.«

Kein »Scandalblatt«

Immer wieder ist vom »göttlich vorgeschriebenen Pfad der Ordnung und Gesetzlichkeit« die Rede, der nicht verlassen werden dürfe. Revolutionäre Aufrufe wie im »Wetterauer Volksblatt« findet man im »Intelligenzblatt« keine. Dass der Redaktion solche Pamphlete zugesandt werden, zeigt eine Notiz vom 1. April 1848, die direkt unter dem Zeitungskopf der ersten Seite platziert ist. Dort heißt es: »Die Redaktion des Intelligenz-Blattes, die dasselbe nicht zu einem Scandalblatt erniedrigen will, erklärt allen, welche sie mit Zusendungen beehrt haben oder noch beehren wollen, dass sie jedem Artikel, der augenfällige Unwahrheiten, Entstellungen, beleidigende Ausfälle gegen bestimmte Personen enthält, im Interesse der Wahrheit, der Ordnung und des Rechts die Aufnahme in dem Theile des Blattes, welcher zu gemeinnützigen Besprechungen bestimmt ist, verweigern wird.«
Seit dem Tod des Firmengründers Carl Bindernagel im Januar 1848 führt Prokurist Philipp Vogt zusammen mit der Witwe Ernestine Bindernagel den Verlag. Es spricht für Vogts Geschäftstüchtigkeit, dass er der Politik dennoch ihren Platz einräumt - ohne freilich die Verantwortung hierfür übernehmen zu wollen: »Dagegen stehen die Spalten des Intelligenz-Blattes gegen Bezahlung der bekannten Inseratgebühren Jedem zu jeder Mittheilung offen - jedoch müssen wir uns auch hier einige Bemerkungen erlauben: 1) Sollte ein Artikel sehr schmutzige Ausfälle enthalten, so werden wir ihn nur dann aufnehmen, wenn des Einsenders Namen mit abgedruckt wird. 2) Wir werden in aufreizenden und Schmähartikeln keinerlei Verbesserungen, weder in Styl noch Orthographie, vornehmen, indem uns das eigenständig unterschriebene Manuscript in Fällen, wo gerichtl. Klage erhoben wird, als Beleg dienen muss.«
Die Revolution bringt Bewegung in die Wetterau und die heimische Presse. Auf einer weiteren Volksversammlung am 19. April 1848 in Friedberg wird mit dem Landrichter Gustav Hofmann ein Vertreter für die Paulskirchenversammlung gewählt. Ein Aufsatz im »Intelligenzblatt« erörtert die Geschichte der Pressefreiheit, und der Bürgerverein warnt vor der Einführung einer Republik, die mit »Gesetzlosigkeit (Anarchie)« gleichgestellt wird. Über diese und andere Themen wird zum Teil ausführlich berichtet, dazu kommen Nachdrucke von Artikeln aus anderen Zeitungen, »selbständige Aufsätze über die Zeitfragen sind jedoch fast gar nicht vertreten«, stellte schon Bindernagel-Nachfolger Dr. Fritz H. Herrmann im Jubiläumsjahr 1934 in seiner Firmenchronik fest. Wie überhaupt eine Darstellung der Revolution von 1848 in Friedberg, welche sich alleine auf die Berichte im »Intelligenzblatt« stützen müsste, sehr lückenhaft und selektiv ausfallen müsste. Berichte über Versammlungen des monarchisch-gesinnten Bürgervereins werden abgedruckt, während die Versammlungen des linken Volksvereins zwar in Annoncen beworben werden, in der Berichterstattung aber fehlen. Ähnlich - wenngleich im Ton viel schärfer als das gemäßigte »Intelligenzblatt« - verfährt auch das linke »Wetterauer Volksblatt«, wenngleich mit umgekehrten Vorzeichen.
Jürgen Wagner

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Artikel vom 06.04.2009 - 11.26 Uhr
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