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Wenn ein Lappen eine ganze Familie ruiniert

Artikel vom 15.11.2009 - 20.35 Uhr

Wenn ein Lappen eine ganze Familie ruiniert

Friedberg/Wetteraukreis (hed). Warum ein Lappen fast die Existenz einer ganzen Familie auslöscht, wie ein paar Steaks für einen Millionenschaden sorgen und weshalb beim Leistenverlegen besondere Vorsicht geboten ist - für die Beantwortung solcher Fragen ist Jörg Reinemer zuständig. Der 41-jährige Familienvater besitzt ein geschultes Auge, wenn es um Details geht. Muss er auch: An seinen Schlussfolgerungen hängen oft hohe Geldsummen. Reinemer ist Brandermittler bei der Kripo in Friedberg.
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Als 2002 in Karben das denkmalgeschützte Geburtshaus des Wetterauer Dichters Peter Geibel fast vollständig ausbrannte und eine junge fünfköpfige Familie über Nacht obdachlos wurde, war Reinemer vor Ort. Er und seine Kollegen vom Landeskriminalamt verbrachten Tage in dem von den Flammen zerstörten Fachwerkhaus und versuchten, die Katastrophe zu rekonstruieren. Wie sich herausstellte, hatte ein mit Holzpflegemittel getränkter Lappen, der in einer Schublade lag, einen Wärmestau in seinem Behältnis verursacht - der Lappen entzündete sich quasi selbst, ein Glimmbrand entstand. »Um das herauszufinden, bedarf es jahrelanger praktischer Erfahrung«, erklärt der Brandermittler, der selbst mehrere Jahre von einem älteren Kollegen angelernt wurde. »Da lernt man, genauer hinzugucken.«

Etwa 150 Fälle im Jahr müssen die Beamten bearbeiten. Wenn Reinemer vor Ort ermittelt, handelt es sich zumeist um schwerwiegende Fälle wie den Großbrand des Mehrfamilienhauses in Friedberg, den Kellerbrand in der Nähe des Bad Nauheimer Bahnhofs oder jüngst der Brand im Schützenhaus in Fauerbach. In letzterem Fall konnten die Ermittler feststellen, dass das Feuer gelegt worden war. Näheres darf Reinemer nicht verraten: Noch läuft ein Verfahren.

Was er am Tatort untersucht, ist jedoch kein Geheimnis: »Meistens gehen wir über das Ausschlussverfahren. Wenn wir wissen, wo das Feuer nicht ausgebrochen ist, sind wir schon einen Schritt weiter.« Waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch »klassische« Brände (Strohdächer, Scheunen, Holzkamine), so sind Materialien und Brandursachen heute diffiziler: »Alles kann brennen«, weiß Reinemer. Sein erster Blick am Tatort gilt dem so genannten Brandtrichter, der auf den Brandherd schließen lässt. Man erkenne ihn an den Rußverfärbungen im Holz oder an besonderen Stellen mit geschmolzenen Kunststoffen, die den Hitzegrad des Feuers verrieten. »Wo die Nägel am längsten aus der Wand stehen, da hat’s am stärksten gebrannt«, nennt Reinemer ein anderes Beispiel. Auch die Art des Rauchs gebe Hinweise auf die Ursache. Berichteten die Feuerwehrleute von sehr dunklem Rauch, deute vieles auf ein Feuer unter - wie die Ermittler sagen - »fetten Bedingungen« hin, so bei Bränden, bei denen der im entflammten Stoff enthaltene Kohlenstoff freigesetzt wird (Benzin, Diesel). Bei niedrigen Temperaturen oder wenn zu wenig Sauerstoff für eine Verbrennung mit offener Flamme zur Verfügung stehe, verbleibe der Großteil des Kohlenstoffes im brennbaren Stoff, und es entstehe heller Rauch. Auch Flammenfarben wie blau (mit Luft vermischtes Flüssiggas) oder gelb (Zimmerbrände ohne ausreichende Luftzufuhr) sowie die Form der züngelnden Zerstörer würden bei der Ursachenforschung helfen.

Auch wenn sich viele Feuer auf häufige Szenarien (brennende Zigaretten, Kurzschlüsse durch defekte Kabel) zurückführen ließen, so müsse doch jeder Fall individuell untersucht werden. Nicht selten ist Brandstiftung im Spiel - was eine Versicherung natürlich ›brennend‹ interessiert.



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Artikel vom 15.11.2009 - 20.35 Uhr
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