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Euthanasie-Vergangenheit von Gießener Hirnforschern verschwiegen

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Artikel vom 11.01.2017 - 16.00 Uhr

Euthanasie-Vergangenheit von Gießener Hirnforschern verschwiegen

Gießen (mö). Bis kurz vor Weihnachten hatte die Neurologische Klinik der Justus-Liebig-Universität eine Geschichte. Aber dann war auf der Homepage des Uniklinikums Gießen und Marburg (UKGM) plötzlich ein weißer Fleck, die Zeilen über die Historie der Nervenklinik waren gelöscht worden. Die Universität reagierte damit offenkundig auf einen in der Gießener Allgemeinen Zeitung Mitte Dezember erschienenen Kommentar.

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Die historische Nervenklink Am Steg. Hier arbeiteten Hallervorden und Spatz nach dem Krieg. (Foto: Schepp)
© Oliver Schepp
Die GAZ hatte herausgefunden, dass in zwei aktuellen Publikationen des Uniklinikums die Verstrickung der beiden Hirnforscher und Professoren Julius Hallervorden und Hugo Spatz in die Euthanasie-Verbrechen der Nazis verschwiegen wurde. Uni und UKGM haben eine Überprüfung der Veröffentlichungen angekündigt.

Der mörderische Umgang der Nationalsozialisten mit Behinderten war vor einigen Wochen im Zusammenhang mit Recherchen des JLU-Medizinhistorikers Prof. Volker Roelcke zum Thema geworden. Das von Roelcke geleitete Institut für Geschichte der Medizin geht Hinweisen nach, dass die Nervenklinik in den ersten Nachkriegsjahrzehnten an illegalen Medikamentenversuchen beteiligt war - an eigenen Patienten und/oder Waisenkindern, die in Heimen lebten.

Recherchen der Düsseldorfer Pharmakologin Sylvia Wagner hatten zuvor zum Psychiater Dr. Hans Heinze junior geführt, der von 1957 bis 1961 als Assistenzarzt in der Gießener Nervenklinik tätig war, bevor er 1961 als Oberarzt an die niedersächsische Landesanstalt Wunstorf wechselte. Dorthin hatte ihn sein Vater Hans Heinze geholt. Der war während der Nazizeit als »Euthanasie-Heinze« bekannt, gilt als zentrale Figur beim staatlichen Massenmord an geistig behinderten Menschen und führte in der Nachkriegszeit in Niedersachsen an Heimkindern ohne deren Wissen Arzneimittelstudien durch. Hallervorden wiederum war ein enger Mitarbeiter von Heinze und wie dieser im Herbst 1940 an der Auswahl von geistig behinderten Kindern beteiligt, die ermordet und deren Hirne seziert wurden. Die von Hallervorden geleitete Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung in Berlin (später Max-Planck-Institut) wurde in den letzten Kriegsjahren nach Dillenburg verlegt und nach dem Krieg in Gießen angesiedelt. 1949 wurde er hier Abteilungsleiter. In dieser Funktion soll Hallervorden seine Sammlung mit 600 Gehirnschnitten von Euthanasieopfern weiter genutzt haben, erst in Gießen, dann in Frankfurt. Leiter des Gießener Instituts war bis 1957 Hugo Spatz. Er war wie Hallervorden Mitglied der NSDAP und im Zuge der berüchtigten T 4-Aktion an der wissenschaftlichen Verwertung der Hirne von geistig Behinderten beteiligt.

Aber weder in dem Beitrag zur Geschichte der Nervenklinik auf der Homepage des UKGM noch in der 2013 erschienenen Festschrift »50 Jahre neurologische Klinik der Justus-Liebig-Universität Gießen« wurde auf die Beteiligung von Hallervorden und Spatz an der Euthanasie hingewiesen. Beide Wissenschaftler werden in den Publikationen als Wiederaufbauhelfer gewürdigt und mit dem »Aufschwung« für die Gießener Hirnforschung verbunden, zu dem die Verlegung des Max-Planck-Instituts nach Gießen geführt habe.

Konfrontiert mit diesem Sachverhalt erklärten Universität und Klinikum vor einigen Tagen in einer gemeinsamen Erklärung gegenüber der Gießener Allgemeinen: »Nach der Veröffentlichung einer Forschungsarbeit der Pharmakologin Sylvia Wagner über Medikamentenversuche in den 1950er und 1960er Jahren und der Berichterstattung dazu in den Medien, unter anderem in der Gießener Allgemeinen, hat das UKGM eine Internetseite zur Geschichte der Neurologie vorübergehend vom Netz genommen, um sie gemeinsam mit Prof. Volker Roelcke vom Institut für Geschichte der Medizin zu prüfen und zu überarbeiten. Im Zuge dessen werden auch Teile der Festschrift zu 50 Jahre Neurologische Klinik im Lichte neuerer Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen.«

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Artikel vom 11.01.2017 - 16.00 Uhr
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