Wölfersheim-Berstadt (sto). Wilhelm Butte war von 1796 bis 1804 Pfarrer in Berstadt, später Staatsrat im Rheinland und Gelehrter an der Universität in Landshut. Während seiner Zeit in der Wetterau verfasste er zahlreiche Artikel, in der er Berstadts Bewohner mit ihren positiven wie negativen Seiten beschrieb.
Der frühere Adolf-Hitler-Platz heißt heute wieder Tanzhof. Die Wahrzeichen sind geblieben: Kirche, Wasserturm und das einstige Rat- und Schulhaus.
Von seinen Schäfchen schien er nicht die beste Meinung gehabt zu haben, doch das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Butte monierte beispielsweise, dass man alle Bewohner außer ihrem Familien- noch einen Dorfnamen hätte. Butte sah zwar diese Handhabung ein, da in den selben Schulklassen mehrere Johannes oder Catharinas mit identischem Familiennamen saßen. Also musste ein Zusatz zur Unterscheidung her. Dennoch bewertete Butte diese Sitte negativ - sie war ihm wohl nicht amtlich genug.
Manchmal mehr als eine Version
Der Arbeitskreis (AK) Dorferneuerung hat auf Initiative seines bisherigen Vorsitzenden Erhard Dorner in den vergangenen Wochen eine Aktion ins Leben gerufen, um die alten Dorf- beziehungsweise Hausnamen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und schlägt vor, diese auf Schilder an den Häusern anzubringen. Die Schilder kosten 16 Euro und können bis Ende Mai bei den Mitgliedern bestellt werden.
Eine Arbeitsgruppe des AK hat alle Hausnamen der Berstädter Häuser, die bis in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, recherchiert. Dabei wurde für fast jedes Gebäude ein Hausname ausfindig gemacht, zusammen sind es 154. Bei manchen Gebäuden existieren sogar mehr als eine Version.
Die Hausnamen haben alle einen Bezug zu den einstigen Bewohner. Zum einen beziehen sie sich auf einstige Familiennamen wie »Doinches« nach Dönges oder »Kowersch« nach Koburger. Dies ist die größte Gruppe. Zum Zweiten weisen die Namen auf einstige Tätigkeiten der Bewohner hin wie »Polizeideynersch« (Polizeidiener) oder »Poartewortz« nach Pfortenwächter, die an einem der einstigen drei Ausgänge des befestigten Dorfes wohnten. Eine dritte Variante orientiert sich am Vornamen eines Bewohners, wie »Sandersch« nach Alexander, »Neckels« nach Nickolas oder »Marieches«, wo eine Frau namens Marie lebte, die nach dem Tod ihres Mannes bei der Cholera-Epidemie im März 1814 ihre drei Buben alleine aufziehen musste. Schließlich gibt es noch die Kategorie der Dorfregion wie »Bähresch« (wohnen am Berg) oder »Placke«. Der Placke war ein unbebautes Areal, um den in der heutigen Untergasse mehrere Häuser standen. So war es logisch, dass die alten Berstädter hier zur Unterscheidung der Bewohner einen Doppelnamen ersannen: »Plackehinkels«, »Plackeschreinersch« und »Plackeschusters«.
Vom Tanzhof zum Hitler-Platz
Solche Dopplungen waren öfters nötig, um den Bewohner zu kennzeichnen. Als Beispiel seien »Färwersch« genannt. Die Familie betrieb in der »Foarb« eine Färberei. Zwei Bürger erlernten dort diesen Beruf und waren als Färber tätig. So entstanden »Färwerhannese« (Johannes) und »Färwerackers« (mit dem Familiennamen Acker). Da es eine weitere Familie namens Acker gab, erhielt sie als Differenzierung den Ortsteil »Hohn« (auf der Hohl) und hieß demnach »Hohnackersch«.