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Kaffeefahrten, Wochenmarkt und Seehotel

Artikel vom 27.08.2008 - 00.00 Uhr

Kaffeefahrten, Wochenmarkt und Seehotel

Reichelsheim (hed). Welchen Kandidaten werden die Reichelsheimer bei der Bürgermeisterdirektwahl am 7. September favorisieren? Den zugezogenen 49-jährigen Ex-Bundeswehrhauptmann, der ein Dienstleistungs-Gebäude einrichten und einen externen Wirtschaftsförderer nach Reichelsheim holen will (Bertin Bischofsberger)?
Rund 350 Bürger folgen im Reichelsheimer Bürgerhaus den Ausführungen der drei Kandidaten für die Nachfolge von Bürgermeister Ger
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Rund 350 Bürger folgen im Reichelsheimer Bürgerhaus den Ausführungen der drei Kandidaten für die Nachfolge von Bürgermeister Gerd Wagner. (Fotos: hed)
Den 50-jährige Vereinsmenschen aus Heuchelheim, der den Bergwerksee mit Hotel und Schwimmbad für Touristen attraktiv machen möchte und ein Jugendparlament für eine sinnvolle Einrichtung hält (Hans-Günter Scholz)? Oder den 44-jährigen Politologen, der in nächster Zukunft keine großen Investitionen mehr tätigen würde und sich für längere Öffnungszeiten der Jugendzentren einsetzt (Rainer Schauermann)? Hilfe bei der Entscheidung erhofften sich die rund 350 Reichelsheimer, die am Dienstagabend bei der WZ-Podiumsdiskussion im Reichelsheimer Bürgerhaus den Ausführungen der drei Bewerber lauschten.

Das Interesse war groß, als die WZ-Redakteure Dagmar Bertram und Manfred Merz den drei potenziellen Nachfolgern von Bürgermeister Gerd Wagner (SPD) auf den Zahn fühlten. Bertin Bischofsberger (parteilos, tritt für die CDU an), Hans-Günter Scholz (FWG) und Rainer Schauermann (SPD) beantworteten über zwei Stunden lang alle Fragen der Moderatoren und versuchten, die Zuhörer im voll besetzten Bürgerhaus von ihren Vorstellungen zu überzeugen.

Schon im ersten Block mussten die Kandidaten zu brisanten kommunalen Themen Position beziehen und ihre Fachkenntnis unter Beweis stellen. Für Bischofsberger stand fest, dass der neue Bürgermeister einen engen finanziellen Spielraum bei den Investitionen haben wird. Scholz hingegen versprach, sich dafür einzusetzen, die Sportplätze aufzuwerten und Jugendarbeit in Vereinen zu unterstützen. Schauermann gab an, nach den »großen Brocken« Turnhalle und Kiga-Sanierung vorerst keine größeren Investitionen tätigen zu wollen.
Neue Einnahmen werde die »finanziell kerngesunde Stadt« durch steigende Bevölkerungszahlen und die damit verbundene Einkommenssteuer bekommen, prognostizierte Schauermann. Anderer Meinung war Scholz: Die Menschen, die früher von Frankfurt nach Reichelsheim gezogen seien, würden angesichts steigender Kosten vermehrt wieder wegziehen, sagte der FWG-Kandidat. Bischofsberger sprach sich für ein aktiveres Stadtmarketing aus, das Neubürger in die Kommune locken soll.
Neben neuen Mitbürgern wollen sich die Kandidaten auch um Gewerbetreibende bemühen: »Ich bin für neue Bistros, Cafés und einen Wochenmarkt der Landwirte«, erklärte Bischofsberger, der es außerdem für sinnvoll hält, einen externen Wirtschaftsförderer nach Reichelsheim zu holen. »Wofür haben wir denn einen Bürgermeister?«, fragte Schauermann seinen Mitstreiter. Eine projektbezogene Gewerbeansiedlung könne vielmehr durch schnelle, flexible Entscheidungen der Verwaltung erreicht werden, meinte der SPD-Bewerber. Er hingegen wolle zuallererst einmal mit den vor Ort ansässigen Betrieben reden, um zu verhindern, dass diese den Standort wechseln, meinte Scholz unter dem Applaus der Zuhörer.

Während Scholz die Notwendigkeit eines neuen Verwaltungsgebäudes in Frage stellte, warf Bischofsberger die Idee eines (von einem privaten Investor finanzierten) Dienstleistungszentrums auf dem Raiffeisengelände in den Raum. Schauermann hofft, dass sein Parteikollege Wagner diese »unpopuläre Entscheidung« noch vor Ende dessen Amtszeit trifft.

Wie beim Stichwort Jugendpolitik hatten Schauermann (»längere Öffnungszeiten der Jugendeinrichtungen«), Bischofsberger (»Angebot an das Freizeitverhalten anpassen«) und Scholz (»Jugendparlament mit eigenem Budget«) auch in Bezug auf die Senioren verschiedene Ansichten. Anderslautende Zwischenrufe erhielt der für die CDU antretende Kandidat, als er meinte, das Freizeitvergnügen der Senioren dürfe nicht nur aus »Kaffeefahrten zum Weintrinken am Rhein« bestehen, was Schauermann dazu veranlasste, seinen Kontrahenten kurzerhand auf eine solche Tour einzuladen.
Ein See für Touristen oder Einheimische?
Einigkeit herrschte in puncto Straßenverkehr und Bürgerfreundlichkeit: Die Öffnungszeiten der Verwaltung müssten ausgeweitet und den Arbeitszeiten der Bürger angepasst werden, meinten alle Kandidaten. Zu-schnell-Fahrern sollte durch vermehrte Kontrollen Einhalt geboten werden. Scholz wolle sich gar so lange »beim zuständigen Sachbearbeiter auf den Tisch setzen«, bis sich etwas tue. Konträre Ansichten hingegen beim Thema Bergwerksee: Unter seiner Regie könnten dort in zehn bis 15 Jahren ein Seehotel und ein Schwimmbad für Touristenströme sorgen, lautete Scholz' Gedankenspiel. »Der See soll primär für die Bevölkerung sein und kein Ballermann 6«, konterte Bischofsberger und erntete Zustimmung.

»Warum sollte ich Sie wählen?«, fragte ein Reichelsheimer, als das Saalmikrofon für die Fragen aus der Bevölkerung angeschaltet war. Um Antworten waren Scholz (»Meine Stärken liegen in der Förderung sozialer Bereiche und in der Jugendarbeit«), Schauermann (»Ich besitze Fachkenntnis, schrecke vor keiner Entscheidung zurück und habe die nötige Erfahrung«) und Bischofsberger (»Bei der Bundeswehr habe ich Menschenführung gelernt, und als Verwaltungswirt im Frankfurter Büro der Stadtverordnetenversammlung weiß ich, wie politische Entscheidungen zu fällen sind«) – wie den ganzen Abend lang – nicht verlegen.

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Artikel vom 27.08.2008 - 00.00 Uhr
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