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»Holocaust-Gedichte sind nicht unproblematisch«

Artikel vom 06.01.2010 - 02.00 Uhr

»Holocaust-Gedichte sind nicht unproblematisch«

Reichelsheim-Blofeld (dab). Im Haus von Dr. Michael Lobisch-Delija ist es mollig warm, seine Couch lädt zum Entspannen ein, vor dem Wohnzimmerfenster breitet sich die verschneite Landschaft aus, und der Cappuccino mit perfekter Milchhaube schmeckt vorzüglich. In diesem heimeligen Umfeld über die Themen zu sprechen, die Lobisch-Delija bewegen, ist schwierig. Denn größer könnte der Kontrast kaum sein. Der 57-Jährige aus Blofeld schreibt Gedichte. Zwei von ihnen handeln von Auschwitz.
Seit 1995 schreibt Dr. Michael Lobisch-Delija Gedichte. Ȇber Nacht: Da wollten Texte raus, die sich im Unterbewusstsein geformt
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Seit 1995 schreibt Dr. Michael Lobisch-Delija Gedichte. »Über Nacht: Da wollten Texte raus, die sich im Unterbewusstsein geformt hatten.« (Foto: dab)
Die Befreiung des Konzentrationslagers jährt sich am 27. Januar zum 65. Mal. »Das Thema ist in der Schule totgeschwiegen worden«, erzählt Lobisch-Delija. »Ich ging während der Adenauer-Zeit aufs Gymnasium. Die Französische Revolution haben wir ein halbes Jahr lang behandelt, rauf und runter. Das Dritte Reich nur eine Woche.« Das, was in der Schule nicht zur Sprache kam, sah sich Lobisch-Delija in Filmen an. »Das hat mich nie losgelassen.« Seine Betroffenheit drückte er eines Tages in Gedichten aus.

Zum Schreiben kam der Vorruheständler, der in Gießen Medizin studierte, als Oberarzt in Darmstadt tätig war und 20 Jahre in der Forschung arbeitete, »über Nacht«, wie er sagt. »Da wollten Texte raus, die sich im Unterbewusstsein geformt hatten.« Im ersten Jahr entstand auf diese Weise exakt ein Gedicht pro Monat. Dann wurden die Texte zwar seltener, »aber besser«, schmunzelt der 57-Jährige. »Die ersten, naja, das waren Anfängergedichte.«

Heute weiß Lobisch-Delija, dass seine Texte »gut abhängen« müssen, bis sie fertig sind. »Am besten ein Jahr und länger.« Man ärgere sich sonst, wenn sie zu früh gedruckt würden und man nichts mehr ändern könne. Ideen kämen ihm meist im Halbschlaf. Deshalb liege auch ein Notizbuch auf seinem Nachttisch. »Man muss sie schnell aufschreiben, ehe sie wieder weg sind.« Nach der Eingebung kommt die Arbeit: Er schleift, überprüft, stellt um. Dem Rat von Kollegin Sarah Kirsch folgend, schreibt er seine Texte mehrmals ab. »Dabei reflektiert man jedes Wort.« Die Kunst dabei sei, Überflüssiges wegzulassen.

Lobisch-Delija hat vor allem einen Anspruch an seine Texte: »Sie müssen von jedermann gelesen und verstanden werden können - nicht nur von Germanisten.« Zunächst einmal, gibt er zu, schreibe er aber für sich selber. »Man schreibt, weil man schreiben muss.« Geld könne man damit nicht verdienen. »Es gibt mehr Menschen, die schreiben, als Menschen, die das lesen.« Der Drang, vielleicht auch der Zwang, zu schreiben, unterscheidet ihn in seinen Augen von Romanschriftstellern. »Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen: Heute schreibe ich ein Gedicht. Ich wäre wohl ein schlechter Schriftsteller«, sagt er und blickt auf Ken Folletts Wälzer »Die Tore der Welt«, den er gerade liest. »Allein diese Recherche«, stöhnt er.

Lieber schreibt der Blofelder über Themen, die ihn umtreiben - wenn er nicht gerade zur Kamera greift (zurzeit stellt er in der Orthopädischen Uniklinik in Gießen aus). In fünf Zyklen hat er seine Gedichte eingeteilt: Emphasis (»Dinge, die wichtig sind und kommentiert werden sollten«), Gaja (»Umweltgedanken«), Eros (»verrückt, wie Leute darauf anspringen«), Blut (»bei diesem Titel habe ich marketingtechnisch gedacht, um neugierig zu machen«) und Kronos. In diese letzte Kategorie, »Zeit«, fallen auch seine Auschwitz-Gedichte »Schädelstätte« und »Klage und Hoffnung«.



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Artikel vom 06.01.2010 - 02.00 Uhr
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