Nidda (am). Das Leben ist gefährlich. Besonders jenes scheint immer gefährlicher zu werden, das sich in der Freizeit abspielt. Makabere, großflächige Plakate warnen an den Landstraßen vor den Folgen von Fahrten unter Alkoholeinfluss, die Werbung für den Sprit an sich scheint ganz und gar aus dem Alltag verschwunden. Zigarettenpackungen sind mit Warnungen versehen, die vielen den Appetit auf die Fluppe verdirbt.
Noch ist es ruhig auf der Tanzfläche...
Und jetzt auch noch das: Aufgrund der Lautstärke nahe der Tanzfläche warnt am Eingang des »Lokschuppens« in Nidda ein Flatterzettel vor Hör- und Gesundheitsschäden - dort, wo Legionen von jungen und mittelalten Menschen hineinströmen, um die »Lange Nacht« zu zelebrieren. Na bravo, Herr Discothekenbesitzer: Nun bekommen wir ob der deutschen Hinweis- und Warnwut noch mal jene Argumente um die Ohren gehauen, mit denen uns einst die Eltern den Besuch im Tanzschuppen versucht haben zu vermiesen, und wir fragen uns ernsthaft, ob der gelegentliche Anfall von Tinnitus nicht auf die früheren, nächtlichen Tanzflächenmarathons zurückzuführen ist und ob da nicht die Möglichkeit einer Klage... Aber nein, wir sind ja nicht in den USA, und früher gab es natürlich auch nicht derartige Flatterzettel am Eingang der Discos.
Keiner der »Langen Nacht«-Gänger jedenfalls scheint sich von derartigen Warnungen den Weihnachtsvorabendspaß verderben lassen zu wollen. Recht haben sie! Wenn man heutzutage jegliches Fährnis der Spaßgesellschaft ins Kalkül zöge... Wenngleich, nahe des nicht ausgewiesenen Tanzbodens, also dem Areal vor dem Discjockey, klingelt dem Seltengänger solcher Partys dann doch noch mal die Warnung wortwörtlich im Kopf: »Jingle bells«, da basst es tatsächlich in einer Lautstärke, wie man sie sich für das Jüngste Gericht vorstellt. Als der Plattenaufleger alle Hebel nach vorne schiebt (»22 Uhr, zum achten Mal, die geilste Nacht des Jahres«), hat es ein wenig den Anschein, als locke der Ansager auf dem Rummel die Umherstehenden zum Ritt auf der Achterbahn mit dem Dreifach-Überschlag.
Der Fotograf ist genauso beliebt wie der DJ
Die Ansage in Verbindung mit einem derzeit angesagten Hit wirkt Wunder, denn das Epizentrum des Sichauslebens, des Sichpräsentierens, des Schaulaufens vor der Kommandozentrale dieser Nacht, füllt sich, von hinten wird ständig Nachschub hineingepumpt. Den rustikalen Charme des Lokschuppens schlucken ganz und gar die von Weitem leuchtenden Neonbilder und eine unübersehbare Masse Mensch. Den Rest erledigt das Zischen einer Klapperschlange, ein Gerät, das unaufhörlich Nebelschwaden über die Menge legt. Wen es nach vorn, zum Tresen oder in die Raucherzone drängt, für den gilt es sich vorbeizuwinden, im Dschungel der Menschenleiber durchzuschlängeln - Berührungen nicht ausgeschlossen, unvermeidbar, hie und da womöglich erwünscht. Schlange stehen ist überall, am Eingang, zur Toilette, zur Garderobe, zum Bierholen.
Eine Massenveranstaltung wie diese ist stets eine gute Gelegenheit, die neusten Handy-Modelle zu studieren, die allenthalben gezückt werden. Von unten bläulich beleuchtete Gesichter, die brandaktuelle Neuigkeiten von dieser Party an andere Partygänger absetzen, um im Gegenzug Wasserstandsmeldungen von anderen Tanz-Events zu erhalten - am besten gleich mit beweiskräftigen Fotos (»Rat mal, wer hier mit wem rumknutscht...«). Beinahe anachronistisch wirkt da der Hinweis auf einem anderen Zettel, der an einer Säule haftet: »Dein Foto auf echtem Fotopapier - 100 Jahre lichtecht.« Das muss für jene Handyfotografen, die lediglich von einem Byte zum anderen denken, bevor sie die Löschtaste drücken, gleichfalls sensationell wie fremd anmuten. Denn es lebe der Augenblick, es lebe diese lange Nacht. Dafür sind die Fotografierer der Internetseite »Partypiraten« unterwegs, um die Feiernden für das Worldwideweb abzulichten oder für die große Leinwand, die über dem DJ-Pult platziert ist. Da gilt es, sich in cooler Pose zu positionieren, wobei diese Coolness mit der Zeit recht abgedroschen ist. Zumindest wird der Fotograf von den Posewilligen ähnlich umgarnt wie einst nur der DJ als Star des Abends.
Das wahre Leben aber ist mittendrin im Menschenstrudel, aus dem Arme zur Musik rhythmisch herauszucken, Gläser zum Zuprosten hervorblitzen, Mitsingversuche ungehört bleiben, Formation getanzt wird, wo man sich selbst - und die längste Nacht des Jahres feiert.