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»Wir lassen uns nicht spalten«

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Artikel vom 25.05.2013 - 09.34 Uhr

»Wir lassen uns nicht spalten«

Karben (jas). »Der Angriff auf Einzelne in unserer Stadt ist ein Angriff auf uns alle. Aber wir lassen uns nicht spalten. Wir brauchen keine neue Identität und keine Ausgrenzung. Und wir werden die Angreifer müde machen, bis sie ihre Aktivitäten einstellen«, sagt Stadtrat Philipp von Leonhardi.

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Direkt neben dem orangefarbenen Haus der Ditib-Gemeinde befindet sich der Stützpunkt der »Identitären Bewegung« (l.). (jas)
Erst wenige Tage alt ist die Nachricht, die viele aufgeschreckt und diese deutlichen Worte nötig gemacht hat: In einem Ladengeschäft in der Groß-Karbener Bahnhofstraße hat sich die als rechtsextrem eingestufte Gruppierung »Identitäre Bewegung« ihren Stützpunkt für das Rhein-Main-Gebiet eingerichtet – in direkter Nachbarschaft zur dortigen Ditib-Gemeinde. Sofort haben sich Stadt, Parteien, Kirchen, Vereine und Schule zusammengefunden, um zu zeigen, dass die Organisation in Karben auf eine breite Front des Widerstands treffen wird. »Wir werden den Angriff gemeinsam abwehren«, betont von Leonhardi.

Die »Identitäre Bewegung« entwickelte sich zunächst in Frankreich, später entstanden Gruppierungen in anderen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland und Österreich. »Die Gruppe war bisher informell im Internet organisiert«, so von Leonhardi. Zur Verbreitung ihres Gedankengutes nutzten sie insbesondere soziale Netzwerke. »Diese Anonymität haben sie jetzt aufgegeben und das Büro eröffnet. Eine neue Art der Provokation«, sagt der Stadtrat, der in Richtung der rechtsextremen Gruppierung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, deutliche Worte findet: »Wir lassen uns unseren offenen Kulturbegriff nicht zerstören. Wir werden uns mit bürgerlichem Engagement wehren und sehr eindrücklich beweisen, dass wir zusammengehören, ganz gleich welcher Herkunft, welcher Kultur und welcher Religion. Die Gruppe soll sich an den Karbenern die Zähne ausbeißen.«

Den Beteiligten sei klar, dass eine harte Probe bevorstehe und viel Arbeit auf alle zukomme, »aber wir werden zeigen, dass die ›Identitäre Bewegung» ein extremer Außenseiter ist«. Der Verfassungsschutz seinerseits müsse nachweisen, dass die Gruppe eine rechtsextreme Gruppe ist und sich außerhalb der Verfassung bewegt. Das allerdings könne dauern, so von Leonhardi.

Dieser Ansicht ist auch Hartmut Polzer von der Initiative »Stolpersteine«, der sich sofort dem Aktionsbündnis angeschlossen hat. »56 Stolpersteine in Karben erinnern und mahnen. Allein in der Bahnhofstraße, einst das jüdische Zentrum Groß-Karbens, sind es 21«, informiert Polzer und erinnert daran, dass in nur 200 Metern vom nun eröffneten Stützpunkt entfernt ein Ort sei, »wo schon einmal ein Gotteshaus gebrannt« habe. »Das ist reine Provokation und sehr erschreckend.« Positiv sei, dass man sich in Karben schon immer für ein Miteinander der Kulturen eingesetzt habe und im Kampf gegen Rechts nun auf Bestehendes zurückgreifen könne, so Polzer. »Wir werden das Problem lösen, nicht kurzfristig, aber erfolgreich.« »Wir hören erst auf, wenn wir wieder in Ruhe und Frieden leben können«, fügt von Leonhardi hinzu.

»Ich war sehr schockiert und empört, als ich von meinem Vater von der Gruppe hörte«, sagt Nureddin Koçak, der zur Ditib-Gemeinde gehört. Die Öffnung des Ladens sieht er als »dreiste Drohung«. Als normale, unkomplizierte Nachbarschaft beschreibt er das bisherige Verhältnis zwischen Gemeinde und direktem Anwohner. Und sehr überrascht sei er daher über die Entwicklung. »Die Nachricht hat uns beunruhigt«, bestätigt auch seine Mutter Irfaniye Koçak, die die Vorsitzende des Frauenvorstands der Ditib-Gemeinde ist. »Wir müssen jetzt zeigen, dass wir in Karben zusammenhalten. Ausländer und Deutsche«, sagt Nureddin, der gerade an der KSS sein Abitur macht und im Projekt »Schüler helfen Schülern« mitarbeitet. Dem Aktionsbündnis angeschlossen hat sich auch der Ausländerbeirat. Die Bürgerstiftung und der Verein Kulturscheune Karben (KSK) habe bereits signalisiert, mitarbeiten zu wollen. Von Beginn an ist außerdem die KSS dabei. »Wir müssen die Bewegung unbedingt ernst nehmen«, sagt Lehrerin Monika Lenniger. Die Schule sei sehr besorgt, gerade weil sich die »Identitäre Bewegung« hauptsächlich an Jugendliche richte. Sicher sei sie, dass es aus der Schülerschaft heraus eine Gegenbewegung geben werde. »Die Schule ist schon lange ein starker Kämpfer für eine multikulturelle Gesellschaft und gegen Rassismus.« Erste Veranstaltungen in der Schule sind geplant, eine weitere wird es im Bürgerzentrum geben.

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Artikel vom 25.05.2013 - 09.34 Uhr
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Leserkommentare
(02.06.2013 23:47)
Jeremias Senfgeber
Karben ist nicht Ffm.
Am Weekend wurde die große Stadt von tausenden besessenen Occupisten heimgesucht, was ganz harmlos ist gegenüber den unvorstellbaren Ereignissen in Karben. Gut, daß die dortigen Antifanten sich heldenhaft gegen das Wüten der Identitären gestellt haben. Oder sind diesen Leuten nur zu viele Stolpersteine auf den Kopf gefallen?
(02.06.2013 17:04)
Furby
Verfassungsschutz beeil dich..
An den Verfassungsschutz ist der Apell zu richten, sehr-schnell und intensiv zu prüfen, wie sich deren Aktivitäten und Äusserungen mit dem Grundgesetz und unserer gesellschaftlichen Ordnung verträgt oder auch eben nicht.
Karben, an der Peripherie der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main, ist wahrscheinlich nicht deren letzter geplanter neuer Standort.
Ein/e Wetterauer Bundestagsabgeornete/n in Berlin zu haben, ist da sicher hilfreich..
(29.05.2013 19:54)
bla
Was war los?
Was haben denn die "Identitären" für einen Angriff gemacht, dass sich da verteidigt werden muss? Oder sind die Karbener schlichtweg intolerant und haben deshalb schon früher Gotteshäuser einfach so angezündet? Eine "multikulturelle" Gesellschaft sollte vor allem tolerant sein und nicht nur von Toleranz reden!
(29.05.2013 12:02)
Richard1962
Reflexhaft
Immer die selbe Leier! Ohne sich mit dem Thema "Identitäre Bewegung" auseinanderzusetzen, ohne deren Ziele zu hinterfragen, eben reflexhaft und ohne nachzudenken. Immer die selben, stereotypen Verhaltensmuster. Die üblichen empörten aber immer politisch korrekten Vertreter der "gesellschaftlich relevanten" Institutionen üben den Schulterschluss gegen die vermeintliche "rechte" Gefahr. Darin bestärkt werden sie, ebenso vorhersehbar, von den sich wieder einmal als Opfer gerierenden oder sich in einer potentiellen Bedrohungslage wähnenden Islamvertretern. Mein Gott ist das armselig, ihr Karbener!
(28.05.2013 19:06)
Johanna Rath
Die Identitäre Bewegung
ist keine Bedrohung für Karben und sicherlich nicht rechtsextrem. Auch der Verfasser dieses Artikels muß letzten Endes eingestehen, daß es gar keinen Nachweis darüber gibt. Wer wird nicht alles vom Verfassungsschutz "beobachtet"? Selbst der Hamburger Senat ist auf eine Anfrage der Grünen (oder Linken?) zu dem Schluß gekommen, daß die Identitäre Bewegung nicht als rechtsextrem einzustufen sind. So wie Ditib die türkische und islamische Identität pflegt, wollen die Identitären das mit der deutschen Identität machen. Hier wird so getan, als wäre die räumliche Nähe zu Identitären in irgendeiner Weise bedrohlich - dabei sind sie noch nie irgendwo gewalttätig geworden. Ditib kann die Identitären kritisieren, und im Gegenzug darf sich dann auch Ditib mal der Kritik aussetzen. So ist das in einem demokratischen Staat mit Meinungsfreiheit.
»Wir werden das Problem lösen, nicht kurzfristig, aber erfolgreich.« »Wir hören erst auf, wenn wir wieder in Ruhe und Frieden leben können« - Also bitte, wo sind "Ruhe und Frieden" hier gestört worden? Und wie wird "das Problem" (daß eine legale Gruppierung ein Büro eröffnet) "gelöst"?
Interessierte können sich auf der Internet-Seite der Identitären ihre Positionierungen durchlesen und dann selbst entscheiden, wie "rechtsextrem" das ist.
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