Karben (cf). Die Stadt Karben plant gemeinsam mit der Abicon GmbH den Bau einer Bioerdgasanlage in der Nähe des Marienhofs. Die Pläne des Projektes stellten auf der gemeinsamen Sitzung des Haupt- und Finanz- sowie des Stadtplanung- und Infrastruktur-Ausschusses zwei Mitarbeiter des auf Anlagenplanung und Durchführung von Biogasanlagen und Fotovoltaik spezialisierten Unternehmens vor.
Leicht torfig riechen die Gärreste aus der Biogasanlage, die Diplom-Ingenieur Ulrich Löttert-Götz (stehend) den Ausschussmitgliedern mitgebracht hatte, hier mit Lars Hermanns.
»Wir sind ein unabhängiges Unternehmen ohne wirtschaftliche Verbindungen zu Anlagenbauern, Energieversorgern und Banken«, erläuterten Diplom-Ingenieur Ulrich Löttert-Götz und Carola Daume von der Abicon Projektentwicklung Biogas den Ausschussmitgliedern und Bürgermeister Guido Rahn. Stimmen die Stadtverordneten zu, dann könnte die Baugenehmigung im November beantragt werden. Baubeginn wäre 2011. Die Bauzeit für die 1,7 MWel (elektrische)-Biogasanlage beträgt acht bis zehn Monate. Geeigneter Standort für die geplante Biogasanlage ist nach Ansicht der Experten der Marienhof. Auswahlkriterium für den Standort sei die Überlegung gewesen, Umwelt und Bevölkerung mit geringen Emissionen zu belasten und nicht die Nähe der nächsten Gasleitung.
Der Schall unterschreite bei Tag und Nacht Lärmvorgaben um mehr als 6 BA. »Gefüttert« werden soll die Bioerdgasanlage mit 38 000 Tonnen nachwachsenden Rohstoffen. Die ergeben einen Output von 30 Millionen Kilowattstunden Strom. Ins Netz eingespeist werden könnten 350 Kubikmeter Bioerdgas pro Stunde. »Während der Verweilzeit der Substrate im Fermenter und Nachgärer entsteht aufgrund anaerober Abbauvorgänge Biogas mit einem Methananteil von rund 52 Prozent, erläuterte Löttert-Götz das Verfahren. Im Anschluss laufe das Rohbiogas durch eine Druckwasserwäsche zur Gasaufbereitung. Dabei werde CO2 abgetrennt. Das aufbereitete Biomethan verfüge über einen Methangehalt von fast 98 Prozent.
Das gewonnene Gas habe Erdgasqualität. Es könnte in zwei bis drei Kilometer Entfernung ins Erdgasnetz eingespeist oder Unternehmen wie der Kelterei Rapp’s oder dem Hallenfreizeitbad zur Verfügung gestellt werden. Benötigt werden ausreichend große Flächen für die nachwachsenden Rohstoffe, etwa 250 Hektar für Mais und Rüben, 100 Hektar für Getreide, Gras und Silage. Geeignet für die Einspeisung sind 6000 Kubikmeter Gülle, Puten-, Hühner-, Schaf-, Bullen- oder Pferdemist und 500 Tonnen kommunaler Grünschnitt und Material aus Biotopstrukturen wie Hamsterstreifen.
Innerhalb der Ernte fallen in vier Wochen rund 1500 Fahrten vom Feld zur Anlage an. Zur Gärausbringung werden es laut Berechnungen der Firma Abicon 13 000 Fahrten sein. Der Gärrest wird als Dünger wieder in den natürlichen Kreislauf durch die Landwirte zurückgeführt. »Erfahrungsgemäß nehmen die Landwirte mindestens 70 von 90 Prozent der Gärreste wieder zurück.« Die Gärreste enthielten noch rund zehn Prozent Biogas. »Einmal im Monat erhalten die Landwirte eine Gärrest-Analyse, um ihre Düngung entsprechend abstimmen zu können«, sagte der Experte. Verteilt werden die Gärreste in einem Radius von bis zu 15 Kilometern rund um die Anlage. Das Unternehmen rechnet mit 1400 Fahrten im Jahr durch Groß-Karben und Heldenbergen. Die Nordumgehung könne hier eine große Entlastung bringen. Aufgrund der neuen Technik der Gasaufbereitung handele es sich bei der geplanten Anlage um eine innovative. »Vor dem Hintergrund der politischen Ziele der Bundesregierung wird diese Anlagenart das zukünftige Standbein der Biogasbranche sein«, sagte der Referent.
Im Anschluss an ihren Powerpointvortrag luden die beiden Abicon-Mitarbeiter die Ausschussmitglieder zur Ortsbesichtigung der Schwälmer Biogas GmbH nach Willingshausen-Ransbach ein. Die dortige Anlage war eine der ersten und größten Bioerdgasanlagen in Deutschland. Sie ging Mitte 2009 in Betrieb und ist mit 1,7 MWel so groß wie die in Karben geplante.