»Faltsch Wagoni« über alltägliche menschliche Schwächen
Karben (jas). Als die Stadt 2007 drohte, den Geldhahn zuzudrehen, stärkten die beiden Künstler von »Faltsch Wagoni« der Kulturinitiative Karben (KiK) den Rücken. Auf der Bühne der Kulturscheune stand das Duo bereits zweimal und begeisterte mit intelligent-amüsanter Wortakrobatik. Da war es eigentlich gar keine Frage, dass »Faltsch Wagoni« auch im Jubiläumsjahr des 20-jährigen KiK-Bestehens wieder mit von der Partie sein mussten.
»Faltsch Wagoni« forschen auf der Bühne der Kulturscheune wortgewandt nach menschlichen Gründen und Abgründen. (Foto: Stavenow)
Unter dem Motto »Wort & Wild - Artgerechte Unterhaltung« boten
Silvana und Thomas Prosperi eine Kombination aus Sprachvarieté, Musik
und Gesang, die vor allem eines nicht war: langweilig. Ob wilde Gesänge, orientalische Klänge, komische Poetik oder fein ausgetüftelte sprachliche Klangspiele, untermalt mit sphärischen Klängen auf dem Theremin (ein elektronisches Musikinstrument, das ohne körperliche Berührung gespielt wird) - »Faltsch Wagoni« rückten die kleinen und großen menschlichen Schwächen gnadenlos ins Scheinwerferlicht. »Da, wo der Mensch ist, ist Kultur, da, wo er nicht ist, ist Natur«, sangen die beiden Krieger aus der Unterhaltungsliga, tanzten ums imaginäre Lagerfeuer und widmeten sich schließlich der Nacktschnecke, wegen unpassender Kleidung einer vom Klimawandel bedrohten Art. Da half es auch nichts, dass der Verband der Nacktschneckenschützer den Tieren 684 Funktionsschlüpfer schenken mochte - gewebter Naturschutz in Polyacrylmethyl. Die Schnecke wollte einfach nicht.
In rasantem Tempo plauderten »Faltsch Wagoni« über die Landwirtschaft und schöpften dabei die ganze Bandbreite menschlicher Sprache aus. Da wurde ohne Unterlass gereimt und mit Anlauten gespielt, dabei aber nicht vergessen, die Gentechnik und den Ehrgeiz der Menschen, alles ins Unendliche steigern zu wollen, ins Visier zu nehmen. Wohin die fortschrittliche Landwirtschaft führt? Ganz klar: zu Portionsputen in praktischem Petersilienpudding, falschem Formfisch aus verfilzter Fenchelfaser und Indoorfarmen im Wolkenkratzerformat mit dem Charme von Bankenvierteln.
Vom Bauerndasein führten »Faltsch Wagoni« ihre Zuschauer direkt in den Zoo, um - hinter eilig auf der Bühne errichteten Gitterstäben - das Publikum mit Erdnüssen zu füttern und über den Ursprung des Menschen zu philosophieren. »Der Mensch ist die Crème de la crème, sein Vorfahr war ein Klumpen Lehm«, dichtete das Duo, um dann zu grübeln, »oder war es doch das Ursüppchen mit Rippchen?«.
Flugs landeten die KiK-Fans im Zottelzeitalter, wurden Zeugen einer typischen Diskussion zwischen Zottelfrau und Neandertaler und hörten etwas über die Phase des Fremdzottelns. Wie die Situation heute ist, verdeutlichten »Faltsch Wagoni« mit Percussion und Gitarre: »Wir sind Primaten und sind missraten, wir gehen auf Jagd mit Einkaufstüten«, sangen sie. Überleben werde einzig und allein der »homo konsumens«, zu unterscheiden an »aldi-arten Plastiktüten«, so das Duo. Sogar der Lackaffe sei vom Aussterben bedroht. »Ein extrem heikles Geschöpf«, die Aufzucht sei langwierig und kostspielig, »schließlich liebt er nur sich selbst.«
Noch in keiner Weise bedroht hingegen sei die Art Mensch, die in »Offroad-Luxus-Traktoren« ihre Erfüllung sucht und selbst zum Kindergarten oder ins Fitnessstudio um die Ecke in Edelkarossen düst. »Mit einem ›Tuareg‹ da biste der King in jeder Asphaltwüste«, witzelte das Paar und gab das derzeit geltende Motto aus: »Wir fahren SUVs!«
Und dann war da noch der moderne Höhlenmensch, der seine virtuelle Welt kaum noch verlässt, sich aber die Natur in sein persönliches Reich geholt hat - der »Tarzan von Marzahn« eben, dem »Faltsch Wagoni« einen eigenen Song gewidmet haben. »Dem Tarzan von Marzahn ist ein Leben ohne Viecher allzu profan«, dichteten sie. Pikantes Detail: Die rhythmische Begleitung gab’s - passend zum Text - auf einem mit Zähnen bestückten Pferde-Unterkiefer.