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Seit 100 Jahren fundierte Heimatforschung

Artikel vom 12.11.2009 - 19.16 Uhr

Seit 100 Jahren fundierte Heimatforschung

Friedberg (jw). Gleich von mehreren Jubiläen konnte Lothar Kreuzer, Vorsitzender des Geschichtsvereins Friedberg, gestern bei der Vorstellung von Band 57 der Wetterauer Geschichtsblätter im Bibliothekszentrum Klosterbau sprechen: Vor 175 Jahren wurde - zeitgleich mit dem WZ-Vorgänger Intelligenzblatt - der Verlag der Buchhandlung Bindernagel gegründet, in dem seit 100 Jahren die stets fundierten Bände zur Heimatgeschichte erscheinen - zunächst als Friedberger und seit 1952 als Wetterauer Geschichtsblätter.
Seit 100 Jahren erscheinen die Geschichtsblätter (v. l.): Herausgeber Lutz Schneider (mit einem historischen Band), die Autoren
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Seit 100 Jahren erscheinen die Geschichtsblätter (v. l.): Herausgeber Lutz Schneider (mit einem historischen Band), die Autoren Michael Zieg und Burkhard Steinhauer mit dem aktuellen Band und Geschichtsvereinsvorsitzender Lothar Kreuzer mit dem ersten Exemplar von 1909. (Foto: Wagner)
60 Jahre ist es her, dass die Bände nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgelegt wurden, und seit 50 Jahren erhalten die derzeit rund 400 Mitglieder des Geschichtsvereins den Band gratis. Sechs Beiträge sind im neuen Band abgedruckt, fünf kürzere und ein langer, und der stellt eine lokalhistorische Premiere dar: Erstmals wird die Geschichte einer der Friedberger Burgmannenfamilien umfassend dargestellt, die Familie derer zu Selbold. Der Autor Michael Zieg hat zahlreiche, von der Forschung bislang unbeachtete Quellen erschlossen und zeigt detailreich und anschaulich das Leben der Ritter im ausgehenden Mittelalter. Für viele Friedberger bedeutsam dürfte auch der Aufsatz von Burkhard Steinhauer sein, der die Straßenverhältnisse im alten Friedberg und die Stadterweiterung nach Süden Ende des 19. Jahrhunderts beleuchtet.



Michael Ziegs unumstrittener Verdienst sei die erstmalige quellengestützte Darstellung der Geschichte einer Wetterauer Niederadelsfamilie, von denen viele Mitglieder in Diensten der Friedberger Burg standen, sagte Stadtarchivar Lutz Schneider, der Herausgeber der Geschichtsblätter. Fünf Jahre hat Zieg geforscht, ist in unzähligen Archiven auf Urkunden und andere Dokumente gestoßen und hat daraus eine lebendige, über 350 Seiten umfassende Studie über das Beziehungsgeflecht der Familie von Selbold gemacht. Wer jenseits von Mittelaltermärkten mit fantasy-haften Rüstungen wissen will, wie die Ritter wirklich gelebt haben, erfährt es von Zieg. Er schildert den Schmutz in den Heereslagern, die geschickte Heiratspolitik, die gegenseitigen Abhängigkeiten, die berühmte Schlacht bei Kronberg im Jahr 1389 und liefert nebenbei, wie Schneider hervorhob, »eine spannend zu lesende Territorialgeschichte der Wetterau und ihrer angrenzenden Bereiche«.

An ein wissenschaftliches Fachpublikum richten sich die beiden Beiträge von Peter H. Blänkle. Er untersucht unter anderem ein mittelneolithisches Hockerskelett aus Friedberg, das wie vier andere Grabungsfunde im Wetterau-Museum ausgestellt ist. Für Laien wurde hier ein Glossar angefügt, in dem die Fachbegriffe (Bregma, Femur, Tibia und andere) erläutert werden. Im zweiten Beitrag widmet sich Blänkle hallstattzeitlichen Leichenbränden aus Steinfurth und Gambach. Prof. Friedrich Karl Azzola beschäftigt sich seit den 1950er-Jahren mit Grabdenkmalen. In fünf Bänden der Geschichtsblätter haben seine Forschungen bereits ihren Niederschlag gefunden. Diesmal erläutert er mittelalterliche Grab-Kreuzsteine aus Assenheim, Bingenheim, Blofeld, Butzbach, Friedberg-Fauerbach, Ossenheim, Södel und Wickstadt, die teils nicht mehr lesbar, teils sogar nur durch Fotografien überliefert sind.

Als die Wöllstädter den Reformator anketteten

Ungewöhnlich ist der Aufsatz von Hartmut Hegeler mit dem Titel »Anton Praetorius in Wöllstadt am Bettpfosten angekettet«. Praetorius (1560-1630) war als Reformator ein streitbarer Geistlicher, der sich vom Hexenverfolger zum erbitterten Gegner der Hexenprozesse wandelte. Im August 1603 kam er nach Ober-Wöllstadt, hörte die Predigt des (katholischen) Pfarrers, war entsetzt, geriet mit ihm in Streit und wurde inhaftiert. Eine Lokalposse, die sich zum Politikum entwickelte. Die Kaiserstraße schließlich, der sich Burkhard Steinhauer widmet, sah früher ganz anders aus als heute. Überall Bodenwellen und Unebenheiten, die so hoch waren, dass auf der Ostseite Treppenstufen angelegt werden mussten, um in die Geschäfte gelangen zu können. Fotografien, viele Details, zusammengetragen aus mehr als 20 Werken, und 107 Fußnoten in dem 20-seitigen Beitrag zeigten, dass dies eine ungeheure »Fleißarbeit« sei, die Steinhauer geleistet habe, sagte Kreuzer. »Wer seine Heimat liebt, der muss sie auch verstehen wollen; wer sie verstehen will, überall in ihre Geschichte zu dringen suchen.« Dieses Zitat von Jakob Grimm, das den ersten Band der Friedberger Geschichtsblätter aus dem Jahr 1909 einleitet, gilt auch nach 100 Jahren noch.



Band 57 der Wetterauer Geschichtsblätter umfasst 485 Seiten, wurde in einer Auflage von 800 Exemplaren gedruckt und ist im Buchhandel für 29,80 Euro erhältlich. Die Mitglieder des Geschichtsvereins werden gebeten, ihren Band in der Geschäftsstelle im Alten Rathaus abzuholen (geöffnet montags, mittwochs und freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr).

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Artikel vom 12.11.2009 - 19.16 Uhr
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