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Reichspogromnacht: »Das ist eines Kulturvolkes unwürdig«

Artikel vom 09.11.2011 - 15.00 Uhr

Reichspogromnacht: »Das ist eines Kulturvolkes unwürdig«

Friedberg (jw). In den Tagen um den 9. November 1938 begann in Deutschland die systematische Verfolgung der jüdischen Bürger. Der Nazi-Mob wütete. In Friedberg markierte der 10. November den Höhepunkt der Reichspogromnacht, der in der Deportation von 43 Juden in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald mündete.

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Die Verbindung zu den jüdischen Nachbarn und deren Nachkommen ist bis heute nicht abgerissen: Gertrud Geipel zeigt Briefe und Fotos der Familie Rothschild. (Foto: Wagner)
Gertrud Geipel (85) dürfte die letzte Überlebende sein, die Augenzeugin der Ausschreitungen in der oberen Ludwigstraße wurde. Noch heute lebt sie dort in ihrem Elternhaus und blickt auf die gegenüberliegenden Häuser der früheren jüdischen Nachbarn. »Die Erinnerungen sind noch sehr lebendig«, sagt sie.

»Kind, was da passiert, ist eines Kulturvolkes unwürdig. Das wird sich noch in 50 Jahren rächen. Heute schäme ich mich, Deutscher zu sein.«

Gertrud Geipels Vater war Pfarrerskind in fünfter Generation. »Wir kannten keinen Judenhass«, erzählt die Tochter. Warum auch? »Bei den Nachbarn gab es am Pessachfest Matze und bei uns gab’s Weihnachtsplätzchen. Sonst gab es für uns Kinder keine Unterschiede.« Gerade deshalb war sie von den Novemberpogromen, von den Nazi schönfärberisch »Reichskristallnacht« genannt, so erschüttert. Vor 25 Jahren hat sie ihre Erinnerungen an jenen 10. November 1938 in Friedberg zu Papier gebracht, in enger Schrift auf einem DIN-A 4-Blatt.

Ich war zwölf Jahre, doch soviel verstand ich, dass etwas Ungeheuerliches geschah. Als ich mit einigen Mitschülerinnen nach Schulschluss aus dem Burgtor trat, stand die Synagoge in Flammen. Und dann sahen wir, wie aus verschiedenen Häusern der Kaiserstraße Möbel und Hausrat auf die Straße geworfen wurden.

Die Kinder der Nachbarn waren die Spielkameraden von Gertrud Geipel. Inge, Lotte, Irene, Kurt – viele hätten deutsche Namen gehabt, seien assimiliert gewesen. »Sie gehörten ganz einfach dazu.« Einziger Unterschied: die Religion. »Aber das war für uns nicht anders als mit den Katholiken: Die gingen halt in eine andere Kirche.« Umso verstörender war für das Mädchen, dass plötzlich der Nazi-Mob in den Straßen wütete und alles kurz und klein schlug.

Ich sah Möbelstücke und Bettzeug, Geschirr, Spielzeug meiner Freundin Inge Rothschild zertrümmert auf einem großen Haufen liegen und noch immer wurden Sachen brutal herausgeschleudert. Ich war fassungslos, kannte ich doch die Wohnung unserer Nachbarn gut, denn Inge war meine Mitschülerin in den Volksschuljahren, bis sie in eine jüdische Schule in Bad Nauheim gehen musste.



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Artikel vom 09.11.2011 - 15.00 Uhr
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Leserkommentare
(12.11.2011 10:44)
rico (gesperrt)
Nicht vergessen!
Ein sehr aufschlussreicher Erlebnisbericht, sicher gerichtet an die
Adressen derer, welche immer noch nicht begreifen wollen
das kritisches Hinterfragen bei Politikern die es sich allzu leicht machen wollen, indem sie anscheinend vergessen wollen was sich für Nachteile ergeben können bei einer falschen, dem Volk entgegen gerichteten Politik!
Einem Faschismus, ob braun oder rot muß entschieden widersprochen werden, den beide sind gesellschaftsfeindlich!
Sie werden genährt von Fehlern aus der Politik und letztendlich
sind es immer wieder ganz bestimmte Demagogen die persönlich dafür verantwortlich sind wenn -Hetze- gegen Andersdenkende gewollt ist!
Lernt also bitte aus der Vergangenheit wie dieser Artikel zu bewerten ist!
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