Friedberg (ütz/kop/har). Eine Demonstration, wie sie die Stadt in den
letzten Jahrzehnten nicht zu verzeichnen hatte, hat Friedberg am
vergangenen Samstag erlebt.
Polizei und Gegendemonstranten in der Saarstraße. (Foto: Schuchardt)
Den Anlass bot der von der NPD geplante Aufmarsch, bei dem sich allerdings die rund 180 Rechtsextremen einer etwa zehnfachen Menge von Gegendemonstranten gegenübersahen, die sich vorm Bahnhof sowie in der Saarstraße, Hanauer Straße, Karlsbader Straße und Wilhelm-Leuschner-Straße eingefunden hatten, darunter auch zahlreiche Autonome. Da die NPD-Gegner die Hanauer Straße blockierten und die Polizei wegen einer zu befürchtenden Eskalation von einer Räumung absah, nahm die Demonstration ein ungeplantes Ende: Bereits nach 50 Metern war in Höhe der Fachhochschule Schluss. So brandete an der Ecke Hanauer/Karlsbader Straße, wo sich der DGB versammelt hatte und wo rund 400 Menschen standen, grenzenloser Jubel auf, als ein Polizeisprecher um 13.37 Uhr verkündete: »Der Aufzug der NPD ist beendet; er tangiert diese Kreuzung nicht mehr.« Auch vorm Bahnhof jubelte die Menge. Friedberg im Ausnahmezustand: Was die Stadt gesehen hatte, war eine geplante NPD-Demonstration, die zu einer Veranstaltung ihrer Gegner geworden war. Gleiches spielte sich dann in Nidda ab.
Schon gegen 9 Uhr hatten sich nördlich des mit Gittern abgesperrten Bahnhofsvorplatzes mehrere hundert Menschen zwischen Bahnhof und Erasmus-Alberus-Haus versammelt, und schnell füllte sich die Grünanlage, auf der eine Bühne aufgebaut war. »Wir hoffen auf einen friedlichen Verlauf«, sagte Pfarrerin Susanne Domnick zu Beginn des ökumenischen Gebets. Immer wieder gab es während des kirchlichen Auftakts, den die beiden Dekane Hans-Jürgen Wahl von der katholischen Kirche und dessen evangelischer Amtsbruder Michael Schlösser sowie eine Gesangsgruppe gestalteten, viel Beifall, und bei »We shall overcome« sangen mehrere hundert Besucher lautstark mit.
Wegen Erfolglosigkeit auf dem Rückzug: Nach 50 Metern, einer spontanen Kundgebung und viel Wartezeit verlassen die Anhänger der NPD Friedberg. (Foto: Kopp)
Es waren viele ältere Bürger gekommen, darunter Vertreter aller im Kreis tätigen demokratischen Parteien, aber auch viele Familien mit Kindern, die Autonomen fielen hier nicht auf. Als um 9.30 Bürgermeister Michael Keller auf die Bühne kam, schätzte Mitinitiator Tobias Gniza von der Antifa die Zahl der Gegendemonstranten schon auf knapp 1000, was später auch Polizeisprecher Tobias Liebig vom Polizeipräsidium Mittelhessen vermutete. »Wir haben unser Ziel numerisch schon jetzt erreicht, und nun geht es darum, das wir qualitativ etwas daraus machen«, erklärte Keller. Er sei dankbar, dass 80 Vereine, Institutionen und Initiativen zu dieser Demonstration aufgerufen haben.
»Faschismus muss bekämpft werden«
Faschismus müsse bekämpft werden, sagte Keller, der kritischen Stimmen, die forderten, den NPD-Aufmarsch zu ignorieren, eine Absage erteilte: »Ich finde es richtig, dass wir hier demonstrieren, und wir werden uns nicht provozieren lassen«, so Keller, dem eine Reihe weiterer Redner wie Michael Lauer von der Antifa oder Diethard Stamm von der Lagergemeinschaft Auschwitz folgten
Nach und nach verlagerte sich das Geschehen von der Bühne weg hin zum Bahnhof und zur ebenfalls mit Gittern abgesperrten Saarstraße. Dicht an dicht standen die Demonstranten schon gegen 10.30 Uhr, und als wenig später Renate Gantz-Bopp von den Honey Twins »Put a little love in your heart« sang, stieg die Spannung deutlich. Von den NPD-Anhängern war zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel zu sehen. Sie wurden alle zum südlichen Bahnhofsvorplatz geleitet und jeder Einzelne in einem Zelt durchsucht. Bedingt durch die genauen Kontrollen der Polizei verzögerte sich der für 11 Uhr geplante Demonstrationsbeginn erheblich, sehr zur Freude der Gegendemonstranten, die Sprechchöre wie »Die Wetterau ist bunt und schlau« und »Nazis raus« skandierten und ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert veranstalteten.