Friedberg (jw). Ist die Kasse leer, muss man sich von Altvertrautem trennen. Die evangelische Kirchengemeinde der Kernstadt hat daher vor rund zwei Jahren beschlossen, sich von ihrem Gemeindehaus in der Kaiserstraße 167 zu trennen. Jetzt werden die Pläne konkreter.
Das laut Bürgermeister Keller »grandiose Anwesen« in der Kaiserstraße 167 wird verkauft. Der Park gilt als Kulturdenkmal und genießt daher Bestandsschutz. (Foto: Wagner)
Die 1907 von Dr. August Trapp erbaute Villa soll zusammen mit dem kleinen Park verkauft werden. Gemeindeamt und die übrigen Nutzer sollen in den gegenüberliegenden Kindergarten in der Kaiserstraße 144 umziehen, der mit den Einnahmen aus dem Verkauf saniert werden soll. Im dortigen Garten könnte dann eine neue Kindertagesstätte gebaut werden. Allerdings nicht von der Kirche, sondern von der Stadt, die per Gesetz für die Kleinkinderbetreuung sorgen muss. »Das ist eine große Sache«, sagt Pfarrerin Susanne Domnick. Laut ihrem Kollegen André Witte-Karp, in der Kirchengemeinde zuständig für die Kindergärten, ist allerdings »noch nichts spruchreif«. Im September, berichtet Wolfram Jäger, Vorsitzender des Kirchenvorstands, wird sich das Gremium auf einer Klausurtagung intensiv mit dem Thema beschäftigen. Es gab bereits Gespräche mit Bürgermeister Michael Keller. Der spricht gegenüber der WZ von einer schwierigen finanziellen Situation der Stadt. »Wir überlegen, wie wir damit umgehen«, so Keller.
Ende der 1960er-Jahre wurde das Gemeindezentrum West mit angeschlossenem Kindergarten gebaut, 1979 folgte der Saalanbau am Gemeindehaus. Es war die Zeit der Expansion, die Kirchengemeinde zählte 10 000 Mitglieder. Heute sind es noch 6200 »Schäfchen«, was bedeutet, dass auch weniger Kirchensteuer in die Kasse fließt. »Wir müssen sehen, was wir behalten können und was nicht«, sagt Jäger. Der Gebäudebestand der Kirchengemeinde ist groß, er umfasst außerdem die Stadtkirche und die Burgkirche, die derzeit für 700 000 Euro saniert wird.
»Wir haben uns vor zwei Jahren viele Gedanken gemacht. Klar war, dass wir entweder die Kaiserstraße 167 oder die 144 verkaufen«, sagt der Kirchenvorstandsvorsitzende. Ein Umbau des Kindergartens bei laufendem Betrieb sei nicht realisierbar, ein Kita-Neubau nur im Garten von Hausnummer 144 möglich. Der Park am Gemeindehaus in der Kaiserstraße 167 genießt Bestandsschutz, hier kann nicht gebaut werden.
Daher der Beschluss: Das Gemeindebüro zieht auf die andere Straßenseite um, wo auch die übrigen Nutzer ein neues Zuhause finden sollen. Dies sind die Evangelische Familienbildungsstätte mit ihren Kursen, die Kantorei und der Shanty-Chor Friedberg sowie weitere Gruppen wie die Guttempler und die Anonymen Alkoholiker. »Die Probebedingungen für die Kantorei sind im Saal schlecht, besonders die Lichtverhältnisse«, erklärt Pfarrerin Domnick. Wie sie sagt, soll auch die Burgkirche nach der Umgestaltung besser für Konzerte, Proben und andere Veranstaltungen genutzt werden können. Beim Burgkirchenjubiläum waren die Pläne (unter anderem Anbau eines Stühlelagers und ein neuer, heller Eingangsbereich) ausgestellt. Doch auch hier gilt: Die Entwürfe liegen vor, das Geld fehlt.
Das oberere Stockwerk des dreigeschossigen Hauses 167 wird derzeit als Wohnung genutzt, der Mietvertrag würde bei einem Verkauf weiterlaufen, wenn der neue Eigentümer nicht Eigenbedarf anmeldet. Für viele Gemeindemitglieder sei es nicht einfach gewesen, sich von dem schönen Haus mit dem idyllischen Park zu trennen, sagt Jäger. Gleichwohl gebe unter den Mitgliedern Verständnis für die materielle Lage.