Friedberg (jw). Die US-Armee ist abgezogen, die Kaserne verwaist, doch wann sich im Süden Friedbergs die ersten Unternehmen ansiedeln, kann derzeit niemand sagen. Nach Ansicht der Agenda-21-Gruppe können angesichts der wirtschaftlichen Situation noch Jahre ins Land gehen, bis das 76 Hektar große Kasernengelände komplett vermarktet ist. »Wir können uns nicht damit abfinden, dass dieses Gelände der Friedberger Bevölkerung wahrscheinlich für Jahrzehnte versperrt bleibt«, schreibt Johannes Hartmann von der Agenda.
Renaturierung: So wie auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Frankfurt-Bonames könnte auch in der Friedberger Kaserne ein wild belassenes Naturareal entstehen.
Er und seine Mitstreiter haben einen »Konzeptvorschlag für die Öffnung der Kaserne« erarbeitet und an die Vertreter der Politik verschickt. Ziel: auf dem östlichen Teilstück des Kasernengeländes ein Naherholungsgebiet anlegen und nach dem amerikanischen Prinzip der »urban wilderness« (städtische Wildnis) ein Areal schaffen, wo die Bürger eine weitgehend unberührte Natur erleben können.
Die Agenda-Mitglieder sind sich bewusst, dass der Gestaltungsspielraum in der Kaserne für die Stadt »ausgesprochen eng« ist. Das Gelände ist im Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA). Eine wirtschaftliche Verwertung werde wohl von West nach Ost verlaufen, »perspektivisch kann das bedeuten, dass der Ostteil für Jahrzehnte unzugänglich bleibt«.
Nach Ansicht der Agenda müssten zunächst mögliche Verunreinigungen auf dem Gelände beseitigt werden. Danach könnte die BIMA das Gelände der Stadt so lange zur Verfügung stellen, bis eine wirtschaftliche Nutzung ansteht. Der Zaun müsste teilweise abgebaut werden, der vorhandene Sportplatz könnte in die Patenschaft eines oder mehrerer Sportvereine übergeben werden, auch ein Teil der Baseballanlage könnte sportlich genutzt werden. Die Versiegelung müsste aufgebrochen werden, vorhandene Gebäude würden abgebrochen, der Schutt in der Nähe zu einem Berg aufgehäuft. Östlich der Sportanlagen könnte die »Urban Wilderness« geplant werden: Bewuchs und Wege würden angelegt, die Panzertauch- und -waschanlage würde zu einem Teich umgewandelt. Landschaftsbaubetriebe sollten dabei beteiligt werden, die Agenda-Gruppe verspricht aber Bürgerengagement bei der Pflege des Geländes.
Wie die Erfahrungen in anderen Städten (etwa Bremen und Frankfurt-Bonames) zeigten, hole sich die Natur sehr schnell das Gelände »zurück«. Hartmann: »Die aufgebrochenen Risse und Lücken im Beton wachsen schnell zu. Wege, Wiesen und kleinere Lichtungen wären freizuhalten. Nach der Initialphase können die Bereiche weitgehend sich selbst überlassen werden. Pflegemaßnahmen beschränken sich auf die Müllbeseitigung.« In einem Aufsatz (»Wildnis in der Stadt«), der dem Schreiben der Agenda an die Kommunalpolitiker angefügt ist, schreibt Agenda-Mitglied Doris Jensch, es gehe bei dem Vorschlag um »ein Stück Ungeplantheit in der Stadt zur Erholung, zum Spielen, für die Kreativität und einen Hauch von Abenteuer vor der Haustür«. Wobei das englische »wilderness« für eine ganze Bewegung stehe und nicht das gleiche wie die deutsche »Wildnis« sei. Jensch: »›Wilderness‹ ist etwas positives, dem Naturbegriff der Romantik entsprechend, es ist gekoppelt mit Freiheit, auch geistiger Freiheit.« Naturschutz, Naturbewusstsein und eine Steigerung der Lebensqualität gingen mit der Einrichtung solcher Flächen einher. Jensch: »Versuchen Sie einmal, mit Friedberger Schülern Natur zu erkunden, insbesondere den Ablauf natürlicher Prozesse. Wald ist nicht in Fußentfernung vorhanden, Grünland und Brachebereiche fast nicht, und Usa und Seebach fließen großenteils in einem verbauten Bett ohne Auenbereich.«
Positive Signale, aber Zweifel an Machbarkeit
Die im Stadtparlament vertretenen Parteien haben den Vorschlag grundsätzlich positiv aufgenommen. »Das hört sich sehr gut an«, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Dr. Olaf Osten, der auch Vorsitzender des Konversionsausschusses ist. »Es gibt aber ein Problem: Das Gelände gehört der BIMA, wir haben nur die Planungshoheit.« Der Vorschlage werde aber im Ausschuss diskutiert. Positive Reaktion auch bei Marion Götz (SPD): »Das wäre eine Bereicherung. Wir werden das in der Fraktion beraten.« Horst Weitzel (Grüne) verwies darauf, dass ein Teil des Geländes ohnehin naturnah belassen werden sollte. Er hat Zweifel, ob ein Erlebnispark mitten in der Stadt möglich ist. Achim Güssgen (FDP) stellte klar: »Die BIMA ist der Eigentümer, sie entscheidet über die Nutzung.« Welchen Einfluss die Stadt habe, könne man im Moment nicht abschätzen. Winfried Ertl (UWG) und Sven Weiberg (Linke) teilen die Einschätzung der Agenda, dass es noch Jahre dauern könnte, bis das Gelände vermarktet und bebaut ist. Ertl: »Die Idee ist gut, nur wir können da wenig machen.« Weiberg meinte, die Stadt müsste Druck auf die BIMA ausüben, die mit der Vermarktung des vorderen Kasernenteils genug zu tun habe. Die Stadt könne eine Veränderungssperre beschließen und eine Bebauung vorerst nicht zulassen.