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Hartz IV: Leben unter dem Existenzminimum!?

Artikel vom 11.02.2010 - 02.00 Uhr

Hartz IV: Leben unter dem Existenzminimum!?

Friedberg (jw). Die Hartz-IV-Leistungen wurden bisher »ins Blaue hinein« berechnet, hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt und der Politik eine Neuberechnung vorgeschrieben. Ob die Bezieher von ALG II künftig mehr Geld in der Tasche haben, ist damit noch nicht gesagt. Fragt man die Betroffenen, ist eine Erhöhung der Leistungen dringend notwendig. »Das Geld reicht vorne und hinten nicht«, sagt einer von fünf Hartz-IV-Empfängern, die der WZ erzählt haben, wie man mit dem Regelsatz von 359 Euro im Monat überlebt.
»Früher hätte ich mich am Vormittag nicht mit einem Bier ins Bahnhofsgebäude gestellt«, sagt ein Bernd S. Aber wenn die Leute gu
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»Früher hätte ich mich am Vormittag nicht mit einem Bier ins Bahnhofsgebäude gestellt«, sagt ein Bernd S. Aber wenn die Leute gucken, ist dem Hartz-IV-Empfänger das egal. (Foto: Wagner)
Wie kommt man mit 359 Euro aus? »Eigentlich gar nicht«, sagt Ekkehard M. (alle Namen geändert). Der 31-Jährige aus Echzell kommt aus dem Jobkomm-Center in Fauerbach, die Behörde habe einen Antrag vergessen, deshalb habe er seit 1. Februar kein Geld. Das Amt zahlt seine Miete, die Heizkosten werden zum Teil übernommen, Strom zahlt er selbst. Auto hat er keines, der letzte Urlaub war vor sechs Jahren, Rauchen geht nur über Schnorren. »Die Packung kostet 5 Euro, davon kriege ich ein Mittagsessen.« M. ist Kommunikationselektroniker. Nach einer schweren Erkrankung wurde er arbeitslos und ist dann »in Hartz IV abgerutscht«. Jetzt soll er die Rente beantragen. »Man fühlt sich nicht gut, wenn man nicht mal die Freunde in Gießen besuchen kann, weil die Bahnfahrt 18 Euro kostet.« Was er tagsüber macht? »Fernsehen, Computer, länger schlafen. Es passiert ja nichts.« Am Ende des Gesprächs bedankt er sich und sagt: »Es hat Spaß gemacht.« Jemand hat ihm zugehört.

Genauso bereitwillig geben Winfried K. (46) aus Nidda und Bernd S. (52) aus Friedberg Auskunft. Sie stehen im Bahnhofsgebäude, trinken ein Bier, warten auf den Zug. »Ich bin Tiefbaufacharbeiter«, sagt K. Seit 13 Jahren ist er arbeitslos, schlug sich mit Gelegenheitsjob durch, bis er einen schweren Unfall hatte. Wegen der Arztbesuche muss er viel Bahn fahren. »Das geht ins Geld.« Von den 359 Euro kauft er sich monatlich drei Stangen Zigaretten, der Rest geht für Lebensmittel drauf. »Ich kauf nur Billigmarken, das schmeckt aber auch.« Urlaub kennt er nicht, den Wilden Westen, den er gerne mal sehen würde, kennt er nur aus Büchern. Kino ist »vielleicht zweimal im Jahr drin«, der Besuch einer Therme »ist wie ein kleiner Urlaub«. Ob er sich schämt? »Ja, aber ich hab mich dran gewöhnt.«

Bernd S. hat im Bahnhof eine Tageskarte nach Bad Nauheim gezogen. 4,80 Euro, viel Geld, aber das rentiere sich. Er will einkaufen, sucht in den Prospekten der Supermärkte immer die günstigsten Angebote raus. Der 52-Jährige bezieht seit einem Jahr Hartz IV. Maler hat er gelernt, Hoffnungen auf einen Job macht er sich keine. »In meinem Alter kriegt man nichts mehr. Dabei würde ich alles machen, auch Müllabfuhr.« Früher, erzählt S., hätte er sich nicht am Vormittag mit einem Bier ins Bahnhofsgebäude gestellt. Er ist »kein Säufer«, trinkt »abends vor dem Fernseher zwei oder drei Bier, mehr nicht.« Wenn die Leute jetzt gucken, ist ihm das egal. Die Reichen, meint er, müssten mal in die Lage von Hartz-IV-Empfängern kommen. »Ob die damit zurecht kommen?« Und er? »Man muss sparsam sein.« Hat er einen Wunsch? »Arbeit, das wäre schön. Aber da wird wohl nichts draus.«

Weder Winfried K. noch Bernd S. nehmen die Lebensmittelverteilung der Tafel in Anspruch. Scham hält sie davon ab. »Es gibt Leute mit Kinder, die das nötiger haben«, sagt K. Im Tafelladen in der Kleinen Klostergasse sitzen die beiden alleinerziehenden Mütter Bettina W. (40) und Doris F. (47). Beide wohnen in kleineren Kreisgemeinden, beide haben Kinder, beziehen Hartz IV und bessern sich ihr Einkommen mit Ein-Euro-Jobs auf. Sie zählen zu den Helfern, die morgens die von Firmen gespendeten Lebensmittel auspacken, sortieren und in Regale einräumen. Bis zu 120 Euro kommen so im Monat zusätzlich zusammen, Geld das sie dringend benötigen. Bettina W. bekommt nur 259 Euro Hartz IV, weil ihre 19-jährige Tochter einen Beruf erlernt. »Deshalb soll sie mir von ihrem Gehalt Geld abgeben«, sagt W. Sie schüttelt mit dem Kopf, kann die Regelung nicht verstehen. Dabei ist es umgekehrt: Sie unterstützt die Tochter, fährt sie mit dem Auto morgens zur Arbeit. »Sonst hat sie keine Chance, dort hinzukommen.« Beim Wort »Auto« stöhnt sie auf. Wenn Versicherung und Steuern bezahlt sind, bleibe nichts mehr übrig. »Wahnsinn.«

»Dann bekomme ich wieder Depressionen«

»Ich will einfach nur normal leben«, umschreibt W. ihren sehnlichsten Wunsch, »arbeiten gehen und nicht mehr abhängig sein.« Dieser Wunsch treibt auch Doris F. an. »Aber in meinem Alter? Ich bin bald 50, ich habe keine Chance.« F. weiß, wie sich Scham anfühlt. Die Tochter geht auf eine weiterführende Schule, soll es einmal besser haben. Als eine Klassenfahrt geplant wurde, habe der Lehrer ihrer Tochter gleich einen Schein fürs Amt mitgegeben. »Da habe ich mich geschämt.« Wenn die Tochter etwas für die Schule braucht, einen Computer etwa, und sie müsse Nein sagen, gehe es ihr genauso. Auch Doris F. erhält einen verringerten Regelsatz, 201 Euro im Monat, weil die Tochter vom Vater Unterhaltsgeld bekommt. »Die Regierung hat das Kindergeld erhöht, doch davon profitieren nur die Reichen. Die 20 Euro zieht uns die Jobkomm wieder ab.« F. will ihrer Tochter ein Vorbild sein, auch deshalb hat sie den Ein-Euro-Job angenommen. »Ich bin keine Couchkartoffel.« Doch mit dem Zusatzverdienst ist es bald vorbei. Ihr Vertrag läuft in zwei Monaten aus. »Dann bekomme ich wieder Depressionen und muss zum Arzt, der mir Medikamente verschreibt.«

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Artikel vom 11.02.2010 - 02.00 Uhr
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Leserkommentare
(18.02.2010 11:12)
Avellania
Hartz IV - 2
Dafür haben doch unsere Volksvertreter das schöne Wort "Anspruchsdenken" erfunden.
Ist von zwei Seiten zu betrachten.
Unanstänsig für die unten, aber selbstverstädlich für die oben.
(16.02.2010 20:05)
opaauskarben
Hartz 4
Urlaub als Rentner kenne ich nicht . Essen gehen kann ich nur im Jahr 3x. Für saufen und rauchen haben wir kein Geld. Wir haben gut verdient aber unsere Rente ist nichts wert. Es gibt Leute die in unsere Rentenkasse keinen Pfennig einbezahlt haben aber eine gute Rente bekommen . Das ist nicht gerecht.
(16.02.2010 07:45)
Avellania
Es liegt tatsächlich drunter
Na klar liegt der Regelsatz unter dem Existenzminimum.
Für die jährlichen, nicht durch den Regelsatz abgedeckten Energinachzahlungen oder andere Anschaffungen erhalten die
Betroffenen auf Antrag ein Darlehen.
Dieses wiurd durch Einbehaltungen vom Regelsatz, also vom Existenzminimun abgezogen.
(14.02.2010 11:52)
Nicole E.
HartzIV = Menschen ...
... unterster Kategorie?! Das spuckt in sehr vielen Köpfen rum. Wir haben 2 Kinder, beziehen selber seit Januar 2010 HartzIV. Mein Mann hat letztes Jahr noch eine Weiterbildung zum WIG-Schweißer gemacht, schweißt schon seit über 15 Jahren, aber nix. Jetzt langweilt er sich daheim, will unbedingt arbeiten. Wir suchen beide. Je nach dem, wer was fair bezahltes findet, geht arbeiten. Unser Sohn geht in den Kindergarten, unsere Tochter ist grad wenige Monate alt. Urlaub? Was ist das? Kennt unser Sohn nur durch seine Oma. Kino? Ist alle paar Jahre mal drin. Essen gehen? Etwas öfter, aber nur zu besonderen Anlässen. Wenn man Kinder hat und HartzIV bekommt, schaut man, wo man sparen kann, nur damit es den Kindern gut geht und diese einigermaßen bei den anderen Kids "mithalten" können. Man lernt, wen man einen Freund nennen kann und wen nicht. Man lernt das Haushalten und Prioritäten zu setzen. Bei uns raucht keiner und es trinkt keiner. Die Kinder sind unsere Priorität Nr. 1. Danach erst kommen wir. Da macht es auch nichts, dass wir zum Geld sparen in einen Wohnwagen gezogen sind, der auf einem Grundstück steht, dass seit vielen Jahren Eigentum der Familie ist. Privatsphäre gibt es selten. Aber wir sind eine Familie und haben ein harmonisches Familienleben, uns geht es gut und unsere Kinder sind glücklich. Und das ist die Hauptsache.
HartzIV-Bezieher sind nicht gleich. Klar gibt es welche, die nicht arbeiten wollen. Trinken und/oder rauchen ist jedermanns eigene Sache. Dennoch sollte man erstmal "Hinter die Kulissen" schauen, warum das so ist. Bisher habe ich noch keinen ALGII-Bezieher getroffen, der in diese Schublade paßt. Alle wollen arbeiten, wollen was verbessern, wieder auf die Beine kommen. Aber wenn gute Arbeitskraft nicht mehr fair belohnt wird, weil sich die Bosse die Taschen voll machen wollen, dann bekommt man nen leichten bis mittelschweren Hals. Oder finden Sie es fair, wenn ein Facharbeiter mit aktuellen Zertifikaten der ordentlich und zügig arbeitet mit 8,- Euro brutto abgespeist wird???? Arbeit muß fair belohnt werden und man muß wenigstens den Grundunterhalt davon bestreiten können. Ansonsten läuft irgendwas verkehrt.
Und das wieder Menschen, die in ALGII abgerutscht sind, alle in eine Schublade gesteckt werden, ist doch mal wieder klar. Bin ich von Deutschland, den Deutschen ansich, der deutschen Regierung und den deutschen Zeitungen nicht anders gewohnt.
(11.02.2010 19:29)
bla
Wieso..
werden die Frauen nicht von "der Tafel" in ein richtiges Arbeitsverhältnis übernommen?
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