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Busstreik zwingt zu Fußmärschen

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Artikel vom 10.01.2017 - 09.30 Uhr

Busstreik zwingt zu Fußmärschen

Wetteraukreis  (jw). »Wie jetzt, echt? Die streiken?« Die 15-jährige Schülerin aus Rosbach guckt ein klein wenig verzweifelt, ihre Freundin hat aber die Lösung parat: »Dann laufen wir halt.« So erging es am Montagmorgen am Busbahnhof in Friedberg vielen Fahrgästen. Die Busfahrer streiken für bessere Löhne. Nach Auskunft der VGO gab es auch in der Wetterau massive Ausfälle von Bussen.

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Am Friedberger Bahnhof warten Schüler auf den Schulbus. Der kommt auch, aber viele Linien fallen aus.
© Jürgen Wagner
Normalerweise reiht sich in der halben Stunde vor 8 Uhr am Friedberger Busbahnhof ein Bus an den anderen. Die Pendler – Berufstätige und Schüler – kommen mit dem Zug an, wollen mit dem Bus weiterfahren zur Arbeitsstelle oder zur Schule. Einige von ihnen machten am Montagmorgen lange Gesichter, die meisten Fahrgäste aber waren auf den Streik vorbereitet.

»Ich schaue gerade im Internet nach. Aber da steht nicht viel«, sagt eine 46-jährige Frau aus Kirchgöns. Sie muss zu einer Jobcenter-Maßnahme in die Pfingstweide. »Ich nehme die Linie FB-72, die fährt«, sagt sie und deutet auf einen Zettel, der über dem Fahrplan hängt. Vom Streik der Busfahrer sind in Friedberg lediglich die Linien FB-10 sowie FB-30 bis FB-36 betroffen. »Aber das ist schon dumm, wenn man dann hier steht und der Bus fährt nicht.« Viele Fahrgäste stehen »auf gut Glück« am Busbahnhof, wie die drei Augustiner-Schülerinnen aus Florstadt. »Wir warten auf den 01er. Wenn er nicht fährt, laufen wir zur ›August‹.« Glück gehabt, um 7.44 Uhr rollt der Bus an, die Türen gehen auf, wenige Sekunden später ist er proppenvoll. »Aber das ist er auch sonst«, lacht eine Friedbergerin.

Drei Burg-Schüler haben weniger Glück. »Streik?« Schulterzucken. »Nichts davon gehört. Wir fahren mit dem 33er.« Aber heute nicht, also steht ihnen ein Fußmarsch quer durch Friedberg bevor. Dann sind sie wenigstens wach, wenn sie im Burggymnasium ankommen, vermutlich später als sonst. »Ich wollte um 6.19 Uhr mit dem Stadtbus von der Mörler Straße hierher fahren«, sagt ein 36-jähriger Friedberger. Er ist sehbehindert. »Ich kenne mich in der Stadt aus, also bin ich gelaufen.« Mit der Linie FB-32 sollte es vom Bahnhof wie gewohnt nach Ockstadt gehen, zu den Wetterauer Werkstätten der Behindertenhilfe. Die ist auf den Streik vorbereitet, hat einen Kleinbus an den Bahnhof geschickt, der die Mitarbeiter abholt. Andere Fahrgäste stehen ratlos vor dem Bahnhofsgebäude, suchen mit dem Handy Infos zum Streik und machen sich, nachdem ihnen der WZ-Reporter den Weg erklärt hat, zu Fuß auf in Richtung Innenstadt.
Der Streik an sich ist den Schülern offenbar egal. »Wenn die Busfahrer zu wenig Geld kriegen, ist das okay«, meint ein 16-Jähriger aus Wölfersheim. »Ich kenne mich da nicht aus«, sagt sein Freund und lacht: »Mir egal. Dann fällt halt die Schule aus.« Ein Vorschlag, der auf allgemeine Zustimmung in der Runde trifft.
 
Taxis am Morgen ausgelastet
 
Streiken die Busfahrer, profitieren die Taxifahrer. »Als ich gerade hier ankam, stand kein Einziger der Kollegen hier«, sagt einer der Fahrer. »Die waren wohl alle unterwegs.« Zehn Minuten später hält ein Taxi an der Bushaltestelle am Burgfeld vor dem Junity. Zwei junge Männer, die vermutlich mit der Linie FB-34 nach Bad Nauheim fahren wollten, reiben sich angesichts der Kälte die Hände und steigen ein. Auch in Bad Nauheim fallen an diesem Tag viele Buslinien aus, die Stadtbusse aber fahren, im Gegensatz zu Friedberg. Dort hat die Bahn-Tochter BVH die Stadtbus-Linien kürzlich übernommen. Viele der BVH-Busfahrer sind gewerkschaftlich orientiert und fordern höhere Löhne. Allerdings dürfte der Ausfall des Friedberger Stadtbusses nur wenige Fahrgäste betreffen. Als im Sommer Kritik an der Linienführung aufkam (die Linien 30 und 31 fahren seit einem Jahr im Kreis, wer nach Bad Nauheim will, muss umsteigen), wurden die Fahrgastzahlen öffentlich gemacht. Nur bei Schulbeginn und -ende wurden mehr als 50 Fahrgäste gezählt, vorher und nachher wurden einstellige Zahlen ermittelt.

»Ab und zu fährt ein Bus«
»Die BVH ist hessenweit massiv von Arbeitsniederlegungen betroffen«, sagte Sven Rischen, Pressesprecher der Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO), am Montagmorgen der WZ. Das gelte auch für den Busverkehr in der Wetterau – sowohl im Linienbündel Friedberg, als auch im Bereich Altenstadt/Büdingen. »Ab und zu sehen Sie einen Bus, aber das hält sich arg in Grenzen«, verwies Rischen auf die Situation in Friedberg. Ein Plan B existiere nicht, schließlich gebe es dafür weder Busfahrer mit Streckenkenntnissen noch Busse.
»Sehr zufrieden« mit dem Streik zeigte sich Jochen Koppel, der bei der Gewerkschaft Verdi für Verkehrsfragen zuständig ist. »Der Arbeitgeber hat uns kein Angebot gemacht, habe ich gerade erfahren. Es wird morgen weitergehen, wir werden morgen genauso streiken wie heute«, kündigte Koppel für den heutigen Dienstag an. Und wie wird es darüber hinaus aussehen? »Wir entscheiden jeden Tag aufs Neue«, sagte Koppel. (agl)
 

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Artikel vom 10.01.2017 - 09.30 Uhr
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Leserkommentare
(11.01.2017 16:25)
MatthiasM
Auf jeden Fall...
..kein Radfahrer ;)!
(11.01.2017 15:56)
andi_fb
Wieder einer
Gewerkschafter oder Busfahrer ?
(11.01.2017 14:41)
MatthiasM
Wieder einer...
... der glaubt sein Tariflohn waere vom Himmel gefallen! Wenn man natuerlich AT bezahlt wird oder ein erfolgreicher Geschaeftsmann ist, kann man ueber die Geldsorgen anderer nur Unverstaendnis aeussern. Aber warum dann so sparsam, die Leasinggebueren kann man doch absetzen?
Aber der integere Weselsky mit Arsch in der Hose, scheint doch viele zu veraengstigen :D!
(11.01.2017 13:47)
andi_fb
kein Ende in Sicht.
Tag 3. Gesprächsangebot an Verdi. Aber Koppel weiß von nix und will erst einmal weiter streiken ?. Der muss mit dem Weselsky verwandt sein. Die GDL ist ja nu auch in der Schlichtung. Wenn es da schief geht fangen die GDLer auch wieder an zu streiken. Klasse Aussichten. Das nächste PKW Null Leasing ist mir :-).
(10.01.2017 17:33)
bonjour
Gar nicht nett!
@urgently
diese Leute gibt es wie Sand am Meer. Ausreden haben die immer, am ehesten wenn Kinder im Spiel sind, so wie beschrieben. Um nicht unangenehm aufzufallen, sagen viele Betroffene dann nichts. Aber ich mache das nicht mit. Dann streike ich auch.
(10.01.2017 16:30)
Kaul_Wilhelm
Nettes...
@bonjour
ja, ich durfte heut´morgen bei gleichem Lohn die Arbeit für meine Kollegin miterledigen, da dieses unorganisiert ist, und deshalb 2Std. später als Begründung "Streik" und Kinder (12. Lebensjahr) zur Schule fahren, gefühlt v. Ihrem Wohnort keine 500m entfernt, da für sie es überhaupt nicht in Frage kommt, dass Ihre Kinder diese Entfernung laufen, so sieht Solidarität aus.
Auch ist es nicht nur mir so an der Arbeitsstätte ergangen, es betraf viele andere, mal schau´n ob die demnächst meine Arbeit verrichten werden?
(10.01.2017 13:47)
bonjour
Mal anders als gewohnt
Solch ein Streik - vorausgesetzt er bringt dem Personal die erhoffte Lohnerhoehung - hat durchaus seine positiven Seiten:
- mal wieder ein paar Kilometer zu Fuss gehen
- selbst organisieren und Mitfahrgelegenheiten nutzen
- der Schulbetrieb wird "aufgelockert"
noch was Nettes? Bestimmt!
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