Blind und gelähmt - aber Selbstständigkeit bleibt erhalten
Friedberg/Bad Nauheim (buc). Blind und gelähmt ist Rebecca Sterner, und doch kann sie ein weitgehend selbständiges Leben führen. Möglich ist das durch das ambulante betreute Wohnen, das der Internationale Bund (IB) in Friedberg anbietet.
Beratungsgespräch: Diplom-Sozialarbeiter Michael Bork hilft Rebecca Sterner bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme. (Foto: buc)
Das Schicksal hat sie hart getroffen - dieser Spruch grenzt beinahe an Untertreibung, wenn von Rebecca Sterner die Rede ist. Im Alter von 13 Jahren wurde bei ihr Epilepsie festgestellt. Darüber hinaus leidet die heute 42-Jährige seit ihrem sechzehnten Lebensjahr unter Typ-1-Diabetes. Eine der Auswirkungen war der Anfang einer Reihe schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigungen, die jede für sich genommen einen Menschen an Gott und der Welt zweifeln lassen könnte. Aufgrund von Unterzuckerung fiel sie eines Tages in Ohnmacht und schlug mit dem Kopf dermaßen hart auf, dass sie eine Hirnblutung erlitt. Diese allerdings übersahen die Ärzte in der Klinik, wie Sterner erzählt.
Folge: Die Frau erblindete nahezu vollständig. Nur noch fünf Prozent sieht sie pro Auge. Sie beschreibt es als eine Art Tunnelblick. Seit mehr als zehn Jahren begleitet sie ein Blindenhund. Diese Behinderung machte sie zum Opfer eines rücksichtslosen Autofahrers, der sie 2008 überfuhr, liegen ließ und auf Nimmerwiedersehen flüchtete. Seitdem sitzt die ausgebildete Rettungssanitäterin und Krankenpflegerin im Rollstuhl. Und schließlich wurde bei Sterner im vergangenen Jahr Brustkrebs diagnostiziert: Eine Amputation war erforderlich.
Wunsch: Auf keinen Fall ins Heim
Bei all dem Unglück brachte der Klinikaufenthalt etwas Positives mit sich und veränderte ihr Leben ganz entscheidend: Der Sozialdienst im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus machte sie darauf aufmerksam, dass es Angebote wie das ambulante betreute Wohnen gibt. Sie könne in ihrer Wohnung bleiben, werde aber im Alltag unterstützt. Bis zu diesem Zeitpunkt kämpfte sich die mehrfach körperlich beeinträchtigte Frau mehr schlecht als recht durchs Leben. Diesen Kampf nahm sie auf sich, weil sie eines auf keinen Fall wollte: in ein Heim. Vom Landeswohlfahrtsverband wurde sie an die IB-Behindertenhilfe Wetterau mit Sitz in Friedberg weitergeleitet. IB steht für Internationaler Bund und ist ein Anbieter von Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit in Deutschland. Seit Mitte 2009 gibt es das Angebot der IB-Behindertenhilfe in der Wetterau. Ein weiterer Anbieter ist das Diakonische Werk.
Insgesamt sechs Klienten kann die Friedberger Dependance betreuen. Derzeit kümmern sich die Mitarbeiter um zwei Behinderte. Nach Aussage von Michael Bork, Diplom-Sozialarbeiter und Leiter der Wetterauer Einrichtung, sind derzeit drei Anträge in der »Schwebephase« und müssten noch vom Landeswohlfahrtsverband genehmigt werden. Bork steht Sterner für gut 24 Stunden pro Monat zur Seite. Mittlerweile hat sich zwischen beiden ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Das beginnt mit dem traditionellen gemeinsamen Cappuccino. Zusammen gehen sie einkaufen, er fährt sie zum Arzt, hilft ihr alles Bürokratische zu bewältigen und immer wieder auch mit dem Computer. Besonders dankbar ist Sterner ihrem Betreuer, dass er sie bei der Wohnungssuche unterstützt hatte. Eine barrierefreie Wohnung sei nicht leicht zu finden - und da sie von der Sozialhilfe lebt, musste er viel Überzeugungsarbeit leisten, damit ihr das neue Zuhause in der Bad Nauheimer Innenstadt genehmigt und finanziert wurde.
Unterstützung im Alltag
Sterner sei ein Musterbeispiel für diejenigen, die sie ansprechen wollten, erläutert Bork. Es gehe darum, Behinderten zu ermöglichen, in den eigenen vier Wänden zu leben. Damit trügen sie auch dazu bei, stationäre Pflegeeinrichtungen zu entlasten. Sie böten keine Pflegeleistungen, sondern Unterstützung für die vielfältigen Anforderungen des Alltags an. Dazu gehörten unter anderem Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, Begleitung zu Behörden und Ärzten, Finanzplanung und Schuldenberatung sowie Anregungen zur Gestaltung der Freizeit.
»Viele behinderte Menschen haben sich gesellschaftlich zurückgezogen«, sagt Bork. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, sei deshalb ein ganz entscheidendes Ziel des IB. Für weitere Informationen kann man sich an Michael Bork wenden: Telefon 0 60 31/6 85 38 07 oder unter E-Mail Michael.Bork@internationaler-bund.de.